Dich in Acht, es ist das Prinzip der Bewegung! – – –
Es war wahrhaftig in der letzten Zeit nicht mehr recht auszuhalten, und ich bin nur froh, dass ich hier auf dem Postwagen sitze. Wie leicht wird der Mensch froh! Er stürzt sich aus Ennui in Ennui, und freut sich dabei der Abwechselung, die ihn von einem in das andere hinübergeleitet. Das Städtchen, in dem ich so lange Quartier gemacht hatte, wäre eine schöne Station für einen guten ruhigen Menschen gewesen, der Zeit hat, sich zu verheiraten. Es waren die Freunde und die Freundinnen hier hübsch geraten, und Jeder brachte seinen Scherz und Ernst an, und die Einen erzählten den Andern, was die Andern längst wussten. So ging die Zeit hin, und ich musste aus meinen jungen unschuldigen Schriften vorlesen, die sich zu meinem Erstaunen hier bei einem Leihbibliotekar gefunden hatten, und das war mein erster Aerger. Die eine Freundin meiner Bücher – hätte ich doch nie etwas geschrieben! – war besonders daran Schuld, und brachte mich auf die Reflexion, dass man die Frauen, selbst die geistvollsten und begabtesten, doch fast nie, auch im höchsten Schwunge, den man ihnen gibt, von ihrem nächsten häuslichen Kreise, von Vettern und Cousinen, ganz abzuführen vermag. Wenn ich ihr meine besten Sachen lese, sucht sie bei jeder Gestalt, die ich ihr vorführe, immer erst nach einer ihr p e r s ö n l i c h bekannten herum, um sie damit in Verbindung zu bringen, und es dauert wahrhaftig nicht lange, so hat sie auch in der Erinnerung schon irgend einen ihrer Vettern in Astrachan oder Neufundland erwischt, dem die Figur meiner Dichtung auf's Haar ähnlich sehen soll. Da klatscht sie sich vor Freuden darüber in die kleinen hände, ruft mir mit dem anmutigsten Gebieterton zu: nur weiter! und scheint sich jetzt erst recht für die Vorlesung zu interessiren. Das halte ein Anderer aus, mich hat ein blasses Grauen deswegen überschlichen. Gleich den andern Tag schon wollte ich fort, und mir Extrapostpferde bestellen. Die Vettern aus Astrachan und Neufundland haben mir die ganze Novellenpoesie verleidet, und ich weiss nicht, ob ich fürs Erste fortfahren werde, in diesem Genre zu arbeiten. Aber ist es denn nicht so natürlich, dass die Frauen überall nach Familien-Aehnlichkeiten suchen, auch in der Kunst? Sie wollen es sich gern überall gleich häuslich machen, und verraten so auch in der Kunst ihren wahrlich liebenswürdigen Häuslichkeitstrieb. Und mir, dem unhäuslich gesinnten Autor, stand es ja frei, davon zu laufen.
Mit dem Freunde hatte ich noch meine grössere Not, und wir mochten uns gar nicht vereinigen, weil er meinen Schlafrock nicht leiden konnte. Es empörte ihn nämlich jedesmal, so oft er zu mir kam, und mich im Schlafrock, oder auch nur ohne Halsbinde, auf meinem Zimmer antraf, und sein Verdruss darüber malte sich ordentlich in seinen Gesichtsmuskeln aus. dichtete seine feurigsten Tragödien bei Nacht im Schlafrock, und F r i e d r i c h S c h l e g e l verkaufte an seinen Bruder Wilhelm Schlegel einige tiefsinnige Ideen, die er gerade zu viel hatte, für eine warme Nachtjacke, welche ihm gerade fehlte und dieser besass. W i l h e l m S c h l e g e l trägt den Orden der Französischen Ehrenlegion auch auf seinem Schlafrock aufgeheftet, und der alte M u s ä u s schreibt einmal an Nicolai, dass er gern sein ganzes Dichtertalent für einen guten Bärenpelz hingeben wolle, indem er vielleicht meinte, dass Nicolai, um ihm zu helfen, nur irgend einem Bärenhäuter aus der Allgemeinen deutschen Bibliotek das Fell abziehen zu lassen brauche. Genug, Sie sehen ein, mein Freund, die Schlafröcke und die Bärenpelze haben eine grosse Rolle in Deutschland gespielt. Warum wollen Sie Ihre Wut allein gegen den meinigen auslassen? – –
Und nun blase mutig vorwärts, Du mein ungeduldigstes Postorn, Du mein Herz! Lass Dich hören in freudigen Sprüngen, stimme eine gute Weise tief in mir an, und werde leicht, da Du mir so lange zu schwer warst. Bitte um Wanderglück zum stillen Nachtimmel empor, und klinge und klage Dein: Gott behüte mich! in das unendliche Universum hinaus. Du hast es nötig: Gott behüte mich! Gott behüte mich, in den Wäldern und auf den Bergen, in den Städten und Dörfern, bei den Menschen und Unmenschen, bei den Hassenden und Liebenden, bei den Streitenden und bei den Friedfertigen! Gott behüte mich, dass ich jetzt glücklich durch das Schwarzburg-Rudolstädtische reise, ohne zum Legationsrat gemacht zu werden! Gott behüte mich vor den vielen Merkwürdigkeiten, die in grossen und kleinen Städten, in Museen und Schlössern, in Palästen und Rumpelkammern, zu besehen sind! Gott behüte mich vor dem Anblick zu vieler Ruinen, er stärke mich gegen das Ausgelebte, befestige mich für das Neue, und mildere den Spott in mir gegen das Alte! Er mache einen Menschen aus mir, der leben kann!
Ja, leben will ich gern und mir mit den Menschen aller Orten zu schaffen machen. Ich will umherlaufen auf den Strassen, und mir die hübschen und hässlichen Gesichter, die mir begegnet sind, aufschreiben. Ich will auf den Dörfern spazierengehen und in kleinen Städten über Nacht bleiben, um die stillen Herzschläge eines armen abgeschiedenen Lebens zu belauschen, und nachzusehen, wie es der Weltgeschichte in den