doch vor ihrem geweihten Fahnenbilde den Hut sitzen, mein Herr! sagte Maria, ablenkend, mit ernstaftem Nachdruck.
Diese Sünde meiner Zerstreuung war gross genug, erwiderte ich, und doch zu entschuldigen. Ging denn nicht unter den Wallfahrtenden ein wunderbares Madonnengesicht mit, das ich für das einzig ächte halten zu müssen glaubte? Das auf der Fahne gemalte sah nur wie eine wahnsinnige Kammerjungfer zu ihr aus. Ich geriet also mit meinem Gruss in Verwirrung, da ich überhaupt noch ein Laie im Heiligendienst bin.
Ein Spötter sind Sie, mein Herr! sagte sie, und verwischte doch ein verstohlenes Lächeln mit dem Schnupftuch.
Dies Madonnengesicht, fuhr ich fort, musste mich um so mehr in Verwirrung setzen, da es, feierlich still, wie der Heiligen Art zu sein pflegt, an dem lauten Treiben der übrigen Frommen kaum einen Anteil verriet. In sich selber Göttliches sinnend, schritt das herrliche, glänzende Bild an mir vorüber, und liess dem Staunenden ein unruhiges Herzklopfen zurůck, das nun immer nachfragt, wer und was diese Erscheinung gewesen. Warum sang Madonna nur nicht mit? Gewiss hat sie doch eine schöne stimme? Oder ist sie eine aufgeklärte Heilige, welche die Prozessionen nicht mehr liebt?
Sie stand still, und sah mich mit bittenden, innigen, ausdrucksvollen Augen an. Eine innere Bewegung der Seele schien über sie gekommen. Ihre Wange hatte sich hochrot gefärbt, in ihren Blicken schimmerte es wehmůtig, und doch spiegelte sich darin zugleich etwas wie kecker Trotz. Dann sagte sie, weitergehend, und ihren Arm fester auf den meinigen drůckend: Spotten Sie nicht auf Kosten der Heiligen eine arme Irdische aus! Ach, wenn Sie wüssten, was mir diese Heiligen schon für Tränen gekostet haben, und wie sehr ich hier für unheilig gelte. Ja, ja, ich bin ein gottloses Mädchen in einem frommen land, und – bei
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einem frommen Vater! setzte sie kaum horbar hinzu.
Dann lächelte sie halb, halb hätte sie weinen mögen. Ihre stimme schwankte und klagte wieder, wie vorher beim Tischgebet, gleich einer Trauerblume im Abendwinde. Ich befragte sie, meine ungeduldige Teilnahme nicht länger zurůckhaltend, um ihre Lebensgeschichte, und was diese in der Frühe der Jugend für schwere Schicksale auf ein so schönes Haupt gelegt.
Meine Biographie ist ein Meisterstück schneidender Kürze, sagte sie. Ein grosser Schriftsteller würde sie in einen einzigen ironischen Satz zusammendrängen können. In den Aestetiken wůrde man sie als Beispiel brauchen, wie aus den einfachsten Gegensätzen ein tragischer Witz entsteht. In den Sprachlehren würde sie als Redefigur dienen, wie Schmucklosigkeit und Armut an zierenden Beiwörtern oft die schärfsten Wirkungen hervorbringen. Ich aber bin ein armes, ungebildetes, der Darstellungsgabe nicht mächtiges Mädchen. Ich wůrde vielleicht Jahre lang darüber plaudern, wenn mein weitschweifiges Leid erst zu erzählen anfinge. Nein, nein, lassen Sie mich schweigen über mich, mein unbekannter Freund! Sehen Sie mich für ein bizarres Abenteuer Ihrer Reise an. Ihre Freunde zu haus werden es zweideutig nennen, wenn Sie ihnen künftig davon erzählen. lachen Sie künftig selbst einmal von Herzen über das taktlose Dorfmädchen, das sich einem Fremden zu nächtlichem Spaziergang an den Arm hängt, und das sich Ihrem Gespråch aufdrångt, weil es mit seinen nächsten, fahlen Umgebungen das ganze Jahr über kein Wort zu sprechen weiss.
Sie liess bei diesen Worten, die sie mit leidenschaftlicher Hast ausgestossen, meinen Arm fahren, eilte einige Schritte von mir fort, und streckte sich, mit lautem Schluchzen ihr Haupt verhüllend, auf eine Bank nieder, die unter einem Hollundergebüsch am Wege stand. Ich folgte ihr, setzte mich zu ihr, und ergriff des seltsamen Mädchens Hand, ihr tröstliche Worte zuzusprechen versuchend. Sie liess ihre warmen, zitternden Finger lange in den meinigen, duldete, dass ich sie drückte und an die Lippen führte, und nachdem sie wie in sich selbst verloren dagesessen, richtete sie, mit einer zuckenden Bewegung, sich wieder empor, und fuhr sich, wie besinnend, mit der Hand über die Stirn.
Ich verderbe Ihnen die schöne Nacht, sagte sie, sich die Augen trocknend. Sie sind vielleicht zu sanfteren Empfindungen aufgelegt, und ich werfe meinen wilden Trübsinn ungeschickt zwischen Ihre Mondscheinträume. O, ich verlerne in dieser Verlassenheit hier alle Weltsitte, allen besseren Ton des Umgangs! Es mag unausstehlich sein, mit mir umzugehn. Nicht wahr, mein Herr?
So sagte sie schneidend, und ich hatte nicht viel Mühe, ihr bemerklich zu machen, wie wenig ich an dem Mondschein und an meinen Träumen verloren. Und dass solche leidenschaft ihres Schmerzes mir dennoch kein Rätsel sei, wurde ihr ebenfalls ans Herz gelegt.
Nun, so will ich Ihnen denn auch zur Abwechselung etwas Lustiges von mir erzählen, begann sie wieder mit erhöhter stimme. Nicht mein Leben, nein, nicht mein armes, junges, kurzes Leben! Sie sollen lachen, Freund, sie sollen lachen! Denken Sie, mein guter Vater hat mir ein Pensum aufgegeben, weil ich so unwissend und gottlos bin. In dieser ganzen Woche habe ich nichts weiter tun dürfen, als die Namen und Beschäftigungen aller Heiligen in der gesammten katolischen Christenheit auswendig zu lernen. heute Abend, nachdem ich zu unserer heiligen Mutter Gottes gewallfahrtet, sollte ich darin examinirt werden, und Ihr Besuch, Ihre Gegenwart, mein Herr, hat meine strenge Prüfung wahrscheinlich nur bis auf den morgenden Tag verschoben.
Ihr frůherer Ernst klärte sich dabei allmälig zu einer Heiterkeit auf, und ich musste wirklich lachen