1835_Mundt_132_18.txt

ein Leben, dem die Blüten und die Sterne genommen sind. Ja, es gibt viele Wesen, die ganz ohne Sterne leben müssen. Ein Leben ohne Sterne, ohne Duft, ohne Grün, ohne Laub, ohne Fluss in der Nähe, ohne Abendgold in der Ferne. Alles wird ihnen abgeschnitten; es rauscht nichts um sie her, es spiegelt sich nichts bei ihnen; kein Strauch wirft ihnen ein Myrtenblättchen ins Haar. Und gerade weibliche Naturen sind es am häufigsten, welche man an ein solches Leben ohne Sterne verbannt findet, sie, denen sonst die Seele dazu gegeben ist, immer einen Himmel in sich frei zu haben. Aber das häusliche Leben engt sich über ihnen zusammen, die stillen Wände des Familienzimmers drücken nieder auf ihre Brust. Eine fromme Pflicht bindet sie an eine abgeschiedene Alltäglichkeit, Pflegerinnen am Sorgenstuhl der menschenfeindlichen Alten, Wärterinnen in der verhüllten, verdunkelten Krankenstube, versäumen sie jedesmal die Stunde, wann draussen ein Frühling aufbricht, und der goldene Mädchenmutwille lässt allmälig die Vogelschwinge sinken. Sie wehren sich kaum, weil sie immer noch heimlich hoffen, denn des Weibes Geduld ist deshalb so stark, weil sie einen so grossen Schatz an Hoffnung im Busen nährt. Dann, in spielender Wehmut, binden sie wohl dem fortflatternden Schmetterling ihrer Jugend heimlich ein rotes Fädchen unter die Flügel, als Symbol ihrer verborgen gebliebenen Lieblingswünsche, und meinen, ihn daran wiederzuerkennen, wenn er einmal wieder zu ihnen heimfliegen sollte, in irgend einem Spätsommer besserer zeiten. Nun stehen sie einmal an einem schönen Tage früh auf, sie haben das kümmerliche Leben ganzer Wochen und Monate vergessen, draussen lockt der Schmelz des Morgens zu neuen Freuden des Daseins, alte Träume werfen sich ihnen jubelnd ans Herz, sie begreifen nicht, warum sie nicht glücklich sein sollten. Und sie öffnen das Fenster, und stehen lange, und der Schmetterling fliegt ihnen nicht heim ins Fenster, und das rote Fädchen ist nirgend zu sehen. Und sie treten vor den Spiegel, und eine abgeblühte Gestalt blickt ihnen entgegen, die sie sonst nicht gekannt haben, und eine bleiche Wange sagt ihnen, dass sie alt geworden sind vor der Zeit. Sie könnten noch jung sein, wenn sie gelebt hätten. Aber sie haben nicht gelebt, sie haben nicht leben und nicht lieben dürfen, denn die alte Tante war täglich und stündlich krank, und nur ein Vertrokknungsprozess unfruchtbarer Jahre ist an ihren holden Knospen vorübergegangen. Nun lassen sich Einige von innen her sterben, Andere tröstet die Religion und das Andachtsbuch. –

Ich weiss nicht, es musste etwas Melancholisches in der ganzen Atmosphäre dieser stube liegen, denn ich sah in meinen Gedanken schon das holdseelige geschöpf, welches mir gegenüber sass, hinwelken an diesem Dorfhüttenleben, an diesem freudlosen, sie nicht verstehenden Vater, an dieser Einsamkeit und Verlorenheit eines verkümmerten Daseins. Aber sie war noch so blutjung, und so blutwarm in diesen ersten raschen Pulsen der Jugend, dass ihre Hoffnungen gar nicht gezählt, ihre Zukunft nicht gemessen werden konnte. Ich sprang auf, und rief, mich selbst vergessend: Ein Madonnengesicht verbleicht nicht so bald!

Sie war ebenfalls aufgestanden, und ich glaubte sie über meine Worte lächeln zu sehen, und doch schimmerte zugleich etwas wie eine Träne in ihrem Auge. Dann zeigte sie, als ich wieder näher zu ihr trat, auf den Vater, der, es war seine gewöhnliche Zeit, in dem Lehnsessel eingeschlafen lag. Sie winkte mir mit der Hand Stille zu, und traf, mit hülfe der herbeigerufenen Magd, Anstalt, den Alten in sein Schlafkabinet zu bringen.

Dann trat sie wieder heraus, sichtlich erheitert und erleichtert. Sie schien freier, leichtbewegter, ja ihre Gestalt schien mir grösser und gehobener geworden. Sie trat vor mich hin, als wenn sie mir etwas sagen wollte, doch sie schwieg wieder, und wiegte das Haupt mit stillem Sinnen.

Ich forderte sie auf, einen Spaziergang in den Garten zu machen. Der aufgegangene Mond schimmerte hell über den Bäumen und Gesträuchen, die Nacht war frisch, anmutig und verschwiegen.

Sie willigte ohne Zögern ein, zutraulich hing sie ihren Arm in den meinigen. Sie war nicht zaghaft, sie besass einen selbstständigen Mut, den Jeder geehrt haben würde. Aber sie war so heiss, dass sie das verhüllende Umschlagetuch wieder abnahm und zurückliess. –

Madonna del Giardino.

Maria im Garten.

Im Garten waren die schönsten Puncte, von denen aus man die ganze Gegend in der Mondbeleuchtung hätte überschauen können. Hier malerische Berghöhen, mit Schlössern, Ruinen, Seen, Dörfern, dort hinten kahle Basaltfelsen, die sogenannten Borschen, welche die abenteuerlichen Häupter zu uns herübersteckten. Aber wir waren, indem ich sie durch die von den Mondscheinflocken überflogenen Gänge hinführte, mit ganz abweichenden Gesprächen beschäftigt.

Was werden Sie von mir denken, bemerkte sie lächelnd, dass ich mich nicht fürchte, um diese nächtliche Stunde spazieren zu gehen?

Vom hohen Nachtimmel steigen die Heiligen zu uns herunter, sagte ich. Die schützen uns vor allem Bösen. Vertrauen, Andacht, Begeisterung, Mitteilungslust, erwachen in der heimlichen Stille der Nacht. Das sind die Heiligen, die ich meine. Unter ihren Fittigen lässt sich ein gutes Gespråch führen. Sie glauben doch an die Heiligen?

Ich bin eine Katolikin, erwiderte sie.

Und heute ist ein Madonnenfest, fůgte ich hinzu. Der heiligen Maria danke ich Ihre Bekanntschaft. Wer sollte heute nicht an die Heiligen glauben? Ich bin fortan der Maria dienstbeflissenster Anbeter.

Und liessen