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vor, dass ich durch Casanova so sehr in die Gunst des Alten gekommen war! Er lud mich nämlich ein, bei ihm zum Abendbrot zu bleiben. Am fest von M a r i ä H e i m s u c h u n g sollte ich ein frugales christlich katolisches Abendbrot, wie er sich ausdrückte, bei ihm nicht verschmähen. Maria wurde von ihm ausgescholten, dass sie nicht schon Licht angezündet, da es dunkel sei. Sie entfernte sich, mehr gegen mich als gegen den Vater um Entschuldigung bittend, mit einer anmutigen Bewegung aus dem Zimmer.

Ich sass wieder bei ihm allein, und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ihn zu fragen, ob er wirklich diese herrliche Tochter gezeugt, hatte ich nicht den Mut. Von etwas anderem, als von ihr zu sprechen, hatte ich nicht die Lust.

Er bat nur immer, mit ihm vorlieb zu nehmen.

Bald erschien sie wieder, mit einem Licht in der Hand, und beleuchtete sich selbst einen Augenblick lang in den lieblichsten Reflexen. Nun traf sie lächelnd Anstalt, den kleinen Tisch zu unserer Abendmahlzeit zu decken. Sie besorgte Alles selbst, und wusste sich mit dem Kleinsten eine zierliche Beschäftigung zu machen. Ich fand den beneidenswert, dem auf diese Weise der Hausstand geführt würde, und begriff nicht, wie man in der beständigen Nähe einer so wundertätigen Erscheinung, deren warmes Incarnat gewiss mehr Heilkraft in sich haben musste, als ein ganzer Reliquienknochen, am Podagra leiden konnte.

Jetzt war Alles bereit. Der Tisch wurde vor den Alten, der sich nicht von seinem platz bewegte, hingeschoben, und Maria und ich nahmen jeder zu beiden Seiten von ihm Platz. Vorher sprach sie jedoch stehend das Abendgebet, und mit einem Ton der stimme, der mich mehr als Alles befremdete, was ich bisher in diesem haus wahrgenommen. Es ist wahr, das Gebet bestand aus den hergebrachten überlieferten Floskeln, und Maria, man sah und hörte es ihr an, konnte schöner beten aus ihrem eigenen Herzen heraus. Daher lag im zitternden Ausdruck ihrer Worte, während sie sprach, bald etwas schneidend Wehmütiges, bald etwas erhaben von innen her sich Aufschwingendes. Ihre schwankende stimme klagte bald, bald zürnte sie über ihren eigenen Text, bald gewann sie wieder Flügel von der geheimsten Seele her, und bat rührend und lieblich zu ihrem Gott aufwärts, dass er doch nur Alles möge gut sein lassen. Dann wurde die betende stimme wieder rauh, sie schien zu grollen über ein allzu eisernes Mädchenschicksal, und erstarb endlich leise und wie vor sich selbst erschrocken in einem halb verschwiegenen Seufzer. In dieser Bewegung, welche das Mädchen so plötzlich ergriffen, war sie ganz rot geworden, und der schöne Busen arbeitete mit den heftigsten Schlägen auf und nieder. Als sie geendet, warf sie einen scharfen, spähenden blick, den ich wohl zu verstehen glaubte, auf den Vater hin, der aber ruhig mit gefalteten Händen dem gewöhnlichen Sinn des Textes gefolgt war. Lange dauerte es jedoch, ehe sie, mir gegenübersitzend, die vorige Freiheit ihres Wesens wiedergewann. Nur schienen wir, da ich ihr verstehend in die Augen blickte, von diesem Moment an, ohne es uns gesagt zu haben, vertrauter, bekannter.

Das Abendessen war wirklich ein christlich katolisches. Eine vortreffliche Mehlspeise, wie man sie nur in katolischen Ländern zubereitet findet, würde jedem Andern, als mir, vorzüglich behagt haben. Ich aber konnte meine Augen und Gedanken nicht von dem auffallenden Wesen dieses Mädchens abbringen. Wir schienen alle mit etwas Anderem beschäftigt, als mit dem gegenwärtigen Augenblick, und das Gespräch schlich wie eine stockende Stubenuhr, welche der eilenden Stunde ihre schwerfälligen Gewichte an die Ferse hängt. Nur einzelne Blitze fuhren oft lebhaft zwischen uns auf. Und hierin war gerade Maria stark, dass sie, unter unsern abgerissenen Bemerkungen, Einzelnes unabsichtlich hinzuwerfen wusste, was in einen tieferen Zusammenhang ihres Geistes hineinblicken liess. Sie steckte kleine Feuerzeichen der Laune auf und deutete damit die Glut einer ganzen Seele an. Sie streute einen zufälligen Witz aus, und verriet daran eine sorgfältige Bildung. Nur war sie nicht in der Lage, sich ganz gehen lassen zu können. Es drückte etwas in dieser Atmosphäre auf sie, das die freie Entfaltung ihres eignesten Wesens niederhielt. Und der gute Alte, was tat er? Warum sprach er kein Wort? Dachte er noch immer verwundersam nach über Casanova? Seine Sprosser, die draussen vor den Fenstern in ihren Käfigen hingen, begannen schon gewaltig in das Nachtdunkel hinein zu schlagen. Auf diese machte er uns endlich aufmerksam, und wir horchten beide still, und dachten nicht an die Sprosser.

Mir fing an Manches klar zu werden, und ich glaubte mir dies verhältnis zwischen Vater und Tochter nach und nach zu enträtseln. Sie hatte unter andern schönern Umständen ihre über diese Hütte hinausgehende Erziehung genossen, und war jetzt, wer kann wissen durch welche Wendung ihres jungen Geschicks, an die Pflege des alten, mürrischen und ihr völlig fremden Vaters gefesselt. Was früher göttlich frei gewesen, auserkoren für das heitere Glück gebildeter Umgebungen, hatte wieder unter das niedrige Dach sorgenvoller Beschränkung heimkehren müssen. Was sich ausgedehnt hatte in Lust und Liebe, in zarten reinlichen Formen des Daseins, in Glorie gottgefälliger Frauenschönheit, war wieder unter harte Bande der Notdurft gelegt, an die kalte, freudlose Alltäglichkeit, ohne Genuss und ohne Blüten, geschmiedet worden. Ich verstand es, ich verstand es! Nicht zum ersten Mal begegnet mir solch