war Altertumsforscher, und vertauschte die Reize junger Frauen mit den Reizen alter Bücher. Seine Belesenheit war unglaublich, und er hatte mindestens eben so viel Bücher aller Sprachen gelesen, als Mädchen aller Nationen geliebt, und wie er sich für die Schönheiten des weiblichen Geschlechts eine eigene mühsame Geschmackslehre, gebildet, so hatte er auch in der Aestetik selbst manche neue Entdeckung gemacht, und z.B. in seiner Uebersetzung des Erebillon'schen Radamist zuerst den französischen Alexandriner in die italienische Sprache eingeführt. Er besass ein ungeheueres Gedächtniss, und wusste die meisten Dichter seiner Nation auswendig; er war ein grosser Matematiker und stellte tiefsinnige Calcüls der höhern Analyse an. Mit den Waffen in der Hand geschickt, auf dem Kampfplatz und in Ehrensachen mutig und unerschrocken, dort Mars und hier Adonis an den Toilettentischen der Damen, im Ballsaal graziöser Tänzer, im Laboratorium erfahrener Chemiker, auf der Landstrasse Ehrenretter bedrängter Frauenzimmer, im wald Schatzgräber, am Schmelztiegel Goldmacher, in den magischen Kreisen der Kabbala Eingeweihter, an der Pharaobank ein unüberwindlicher Feldherr, wer zweifelt noch, dass in ihm das perpetuum mobile der menschlichen Physik gefunden worden sei? Am meisten aber ist an ihm dies zu bewundern, dass er sich selbst nie zum Ekel geworden. Doch die Stärke seines Geistes, die Frische seiner Organe, die Dauer seines Charakters im Wechsel der Formen, das kräftige Selbstbewusstsein bei aller scheinbaren Selbstverlorenheit, hielten in ihm eine immer glückliche Harmonie des Daseins aufrecht. Denn nachdem er auf dem schloss Dux bei dem Grafen von Waldstein, der Casanovas Goldmacherwissenschaft zu benutzen gedachte, endlich einen erwünschten Ausruhepunkt seiner Irrfahrten gefunden, dachte er an sein vergangenes Leben nicht mit Reue zurück, sondern mit Liebe und ernstafter Betrachtung. Er bereute sein Leben nicht, sondern er schrieb es auf, wie er es gelebt hatte, und malte einen romantischen Sumpf, und liess oben die Sterne darüber leuchten. In ernster Beschäftigung mit den Wissenschaften wurde er alt, und starb, von ihm kann man wohl sagen: lebenssatt, erst zu Anfang dieses Jahrhunderts. Den Achtzigern nahe, hatte er ein biblisches Alter erreicht und einen glänzenden Beweis für die epikuräische Behauptung geliefert, dass Lebensgenuss das Leben erweitert und stärkt, statt es abzuschwächen. Der fleissige Meusel hat seine Schriften verzeichnet. – – –
Ich hielt hier inne, und sah mich nach meinem Zuhörer um. Er sass noch immer mit den eingewickelten Füssen, und seinem Reliquienknochen, da, und schien mir mit verwunderlicher Aufmerksamkeit gefolgt zu sein. Ich wartete erst ein wenig, ob er nicht etwas sagen würde, und stand dann auf, um mich zu empfehlen. Es war unterdessen Abend geworden, dämmernde Schatten fielen in des Schulmeisters kleines Zimmer, und draussen im Tal musste der Sonnenuntergang Kühle gebracht haben. Ich machte also meinem versteinert dasitzenden Saturn einen Diener, bedauerte ihn seines Podagras wegen, das er für sein teil gewiss nicht einem zu starken Lebens- und Weltgenuss schuldete, und griff dann nach der Tür. Nun winkte er mir mit der Hand, zu bleiben, und sagte, ich möchte ihm doch das Alles ein wenig aufschreiben, wovon ich so viel geredet. Es schien ihn also doch interessirt zu haben.
Da öffnete sich hinter meinem rücken die Tür, deren Klinke ich noch in der Hand hielt. Guten Abend, Vater! sagte eine schöne helltönende Mädchenstimme. Es war mir, als müsste ich diese stimme schon irgendwo gehört haben, ich blickte mich überrascht um. Aber seltsam, nicht den Klang dieser stimme hatte ich schon vernommen, wohl aber das liebliche blasse Gesicht des Mädchens schon gesehen, dem sie angehörte. Kein Wunder aber, dass man den Gegenstand, der uns erst durch das Auge lieb und bedeutsam geworden, auch in sich gehört zu haben und durch das Gehör wiederzuerkennen glaubt. Denn man denke sich: es war meine M a d o n n a !
Ich trat mit einem unwillkürlichen Ausdruck des Erstaunens einige Schritte zurück. Und aus der Bewegung, die sie machte, als sie meiner ansichtig wurde, schien mir ebenfalls hervorzugehen, dass ich ihr bekannt sei.
Also s i e die Tochter dieses alten Saturns? Madonna ein Kind der Zeit! Und sie war keine Heilige, die nur am heutigen Feiertage zur Belohnung der Frommen sich auf diese Erde niedergeschwungen? Diese wunderbaren trunkenen Augen gehörten einer fühlenden Sterblichen an? Und dieses feine, von Geist und Empfindung überschattete Antlitz, diese sinnende weisse Stirn, die mit tieferem Leid und Lust menschlichen Seelenlebens vertraut schien, diese zartbewegten Glieder der jungfräulichen Gestalt sollten in einer niedrigen Schulmeisterhütte ihre Heimat haben?
Unmöglich! Ich sage, unmöglich! Sie begrüsste mich mit einem so sichern, weltgebildeten Anstand, sie war, obwohl sie schüchtern den Kopf senkte, wie ein trauerndes Blumenglöckchen, doch so wenig verlegen, dass ich es ihr gegenüber fast zu sein schien. Sie nötigte mir Ehrfurcht ab, sie war gewohnt, gehuldigt zu werden.
Der alte Vater war sehr unfreundlich gegen sie. Du bist lange ausgeblieben, Maria! schalt er in seinem brummenden Ton.
M a r i a ! nannte er sie. Ich wurde immer verwirrter in meiner erhitzten Einbildungskraft. Madonna! Maria! Und wie ähnlich sah sie der von Rafael gemalten Madonna del Giardino, wenn man die Augen abnimmt. Rafael hatte schöne heilige Augen jener Madonna gegeben, die Augen dieser Maria waren weltlich. Weltlich, welttrunken, weltgross. Wahrhaftig, ich wusste es nicht, welchen Augen der Vorzug gegeben werden müsse.
Und nun stelle man sich