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einen Sieger. In einer unchevaleresken Zeit, in einer trägen bürgerlichen Epoche seines Jahrhunderts, war er der Mann der Avantüre, der auf dem Schauplatz des ganzen civilisirten und uncivilisirten Europa mit der siegenden Macht der Persönlichkeit erschien, überall sogleich der Mittelpunkt der interessantesten Beziehungen wurde, als Held des Tages sich der Meinungen und der Gemüter bemächtigte, und die Rolle, die er übernommen, jedesmal auf eine ritterliche Weise zu Ende brachte. Die Blüte der Mannhaftigkeit, die mit kräftigen Siegerarmen jedes Genusses ungestraft sich versichert, ging zu einer sonnigen Gestalt in ihm auf. Lebensmut, Eitelkeit, leidenschaft und Wissbegierde waren die windschnellen Rosse, die ihn schnaubend und mit verhängten Zügeln durch die ganze Welt von dannen trugen, ohne dass er mitten im Rasen und Stürmen jemals die edle Haltung des Reiters verloren hätte. So ist er mir immer wie eine in der klarheit des W e l t m a n n s ausgesöhnte Mischung von D o n J u a n und F a u s t vorgekommen! Die Kritiker haben in neuerer Zeit viel von der Verwandtschaftlichkeit beider Myten gesprochen, während ich dabei immer an Casanova gedacht, der als der Weltmann beider Richtungen dasteht, und mit der Klugheit und Sicherheit eines solchen dieser Polarität, die ihn hin und her zieht, Herr wird, ohne, wie Don Juan und Faust, mit einer tragischen Zerstörung seiner natur zu endigen. Ich habe schon früher angedeutet, wie der Weltmensch in Casanova transcendent wird; und wo die transcendente Höhe der Don Juan-Myte anhebt, auf der sie mit Geisterflügeln in die andere Sphäre des Daseins hinüberschlägt, brauche ich nicht erst auseinanderzusetzen. Wie aber Jean Jacques Rousseau damit endigt, womit Jean Jacques Casanova angefangen hat, so greift auch die Myte von Faust mit einer schneidenden Zuckung in den Don Juan hinüber, und über den dunkeln Tiefen des Geistes, aus denen der Sehnsuchtsschmerz einer ganzen Menschheit heraufklagt, tummeln sich mit Carnevalsleichtsinn die lachenden Sinne. Casanova aber war eine feste Gestalt der Welt, eine auf dem grund seiner Zeit sich ausprägende Figur, ein Mann der Wirklichkeit. Er war zu sehr ein Mann klarer und scharfer Wirklichkeit, als dass er an jene geheimnissvollen mytisch-diabolischen Elemente des Daseins jemals hätte verfallen können. Er lebte den D o n J u a n von ganzem Herzen aus sich heraus, aber er war zu klug und gewandt, zu kräftig und geistig vornehm, um damit zugleich das Gut seiner Seele an den Teufel zu verschleudern. Er besass Ironie genug, um sich über den Teufel zu stellen, den er in einem fortwährenden Respect gegen sich erhielt. Die Weltsünden wurden ihm Gedankenstoff, wie ich gesagt habe. Aber dieser Gedankenstoff trieb ihn in die philosophische Speculation, in die Metaphysik und Mystik, die Chemie und Alchemie, und zuletzt sogar in die Kabbala hinein, wovon einige seiner Schriften, die er noch selbst hatte drucken lassen, hinlängliche Proben abgeben. Und so ward auf der andern Seite seines Don Juan in ihm der F a u s t mächtig. Doch dieser Mytus hatte wieder nicht tief genug in seinem Herzen geblutet, um ihn verzweifeln zu lassen. Auch der Faust konnte ihn nicht an den Teufel überliefern. Der Mann der Wirklichkeit war wieder zu klug und zu stark, um sich die Kabbala über den Kopf wachsen zu lassen, und das Stückchen Voltairescher Ateismus, mit dem sich sein Witz zuweilen Bewegung machte, und mit dem er es im grund nie ernstlich gemeint, vermochte ihn vollends nicht um seine Seeligkeit zu bringen, weil Casanova am Ende doch noch witziger war, als Voltaire. Aber wie Faust in die Tiefen des Weltgeistes hineingestrebt hatte, wie er liebesbrünstig nach Vereinigung und Einheit mit demselben gerungen, so kann man von Casanova sagen, dass er, gleich einem indischen Gott, der sich in tausendfache Formen der Weltmaterie verwandelt, so alle nur möglichen Gestaltungen und Wandlungen der äusseren Weltformen an sich erlebt und mit denselben e i n s gewesen ist. Kaum ein Stand, ein Weltverhältniss, eine Beziehung der menschlichen Gesellschaft, worin man nicht Casanova eine Zeitlang heimisch und angesessen erblickt. In seiner Jugend war er Rechtsgelehrter gewesen, hatte über Testamente geschrieben, und, obwohl der Sohn einer umherabenteuernden Schauspielerin, in den vornehmsten Gesellschaften und bei den schönsten Damen Venedigs Glück gemacht. Dann fing er auf Einmal an zu predigen, bahnte sich Aussichten zu den höheren geistlichen Würden, machte dumme Streiche, und wurde Soldat. Hierauf abwechselnd Militair, Glücksritter, Spieler, Gelehrter, Musiker, Wunderdoctor, diplomatischer Agent, Freund und Gesellschafter der ausgezeichnetsten und berühmtesten Personen seiner Zeit, lebte und handelte er in diesen Eigenschaften bald in Deutschland, bald in Frankreich, bald in Konstantinopel, bald in Paris, bald in Rom, bald in Petersburg, in Riga und in der Schweiz, in Warschau und in Neapel, in Madrid und London, und sollte in Berlin sogar zum Director der Kadetten-Anstalt gemacht werden, was er nicht einmal annahm. Wo er wollte, sehen wir ihn in der glänzendsten Gesellschaft sich bewegen, mit den merkwürdigsten Männern auf vertrautem fuss umgehn, die sachkundigsten gespräche führen; und wo er nicht wollte, ist er nicht minder interessant, wenn er der spanischen Schuhmachertochter in die Messe nachschleicht, oder wenn es ihm auf Einmal einfällt, in Venedig als armer Violinspieler zu leben und in nachdenklicher Einsamkeit seine Geige zu streichen. Dann gefiel er sich wieder in philologischen Beschäftigungen, übersetzte die Iliade des Homer in italienische Stanzen, trieb Politik und geschichte,