dachte ich nur immer – stellen Sie sich vor! – ich konnte meine Gedanken gar nicht davon abbringen – – ich dachte immer nur –
Nun, ins Henkers Namen, woran dachten Sie denn? fuhr der heftige Alte heraus.
Ich dachte an – – C a s a n o v a ! sagte ich kleinlaut.
Casanova? fragte er verwundert, und war wieder gleichgültig geworden. Ich kenne ihn nicht.
Wie? rief ich lebhaft aus, und sah ernst zu ihm hinüber, Sie kennen den berühmten J e a n J a c q u e s C a s a n o v a d e S e i n g a l t nicht!
War er ein guter Katolik? fragte er.
Ja, mittelbar. Sein Katolicismus war der Weltgenuss; eine grossartige leidenschaft für das Leben war seine Religion und seine alleinseeligmachende Kirche, und wurde ihm dazu. Religiös in Weltliebe, weise im Leichtsinn, philosophisch in der Frivolität, frivol aus Philosophie, ein Würfelspieler mit den Formen des Lebens, ein Eingeweihter in die Tiefen des Daseins, ein Abenteurer und ein Denker, in der Wollust und in der Wissenschaft gleich gelehrt und gründlich das ist die Devise, welche ich unter das Bild dieses Jean-Jacques setzen möchte, der ohne Zweifel die merkwürdigste Figur des geselligen Lebens seines Jahrhunderts war.
Der Alte küsste stillschweigend seinen Reliquienknochen.
Man könnte Jean Jacques Casanova den umgekehrten Jean Jacques Rousseau nennen, fuhr ich fort, und zugleich beide Extreme in diesen Naturen sich wieder berühren sehen. Rousseau, ein geistiger Wollüstling, durchschwelgte mit dem feinsten Nervenäter seiner Seele das ganze Reich der Schönheit, das auf den Höhen menschlicher Träume und Ideale blüht, und an der Schwelgerei des Geistes nahmen unvermerkt auch seine S i n n e lebendigen Anteil. Er stürzte sich in das hohe Meer einer mächtig wogenden Geistigkeit, und blieb mit sophistischem Lächeln auf einer grünen Insel der Sinnlichkeit sitzen. Casanova, ein kräftiger Sohn derber Wirklichkeit, wollte nur die schönen, reichen Formen der Welt geniessen, und des Körperlebens vollschwellende Reize sahen ihn schon früh mit trunkenen Augen begehrlich an. Mit Keckheit und Grazie griff er nach Allem, was ihn lockte, in der Nähe und in der Ferne; er trank sich satt und übersatt an den weissen Brüsten der Sinnlichkeit, und unvermerkt nahm an der Schwungkraft der Sinne auch sein G e i s t lebendigen Anteil. Er hatte mit den starken Fühlhörnern seiner Sinne ausgegriffen nach allen Blütenstellen der sichtbaren Welt, und war mit tiefsinnigem Erstaunen in einem Wunderblumenkelch geistiger Reflexion sitzen geblieben. Er hatte sich an das Sichtbare weggeworfen, und im Unsichtbaren wiedergefunden. Er fing an zu denken, zu philosophiren. Die Weltsünden wurden Gedankenstoff. Der Weltmensch war transcendent geworden. Beide Jean-Jacques schlugen nach den entgegengesetzten Polen ihres Wesens um, und doch, welcher Kenner der menschlichen natur wird zweifeln, dass diese Antipolarität eine Verwandtschaftlichkeit, mitin eine Berührung der Extreme ist!
Der Alte hatte schon wieder seinen Reliquienknochen geküsst. Er sagte, dass er mich durchaus nicht verstehe. Ich sollte ihm einige nähere Umstände über den Mann angeben.
Da er mich durchaus nicht verstand, so konnte ich mich wohl, ohne zu erröten, noch länger mit ihm über Casanova unterhalten.
Dieser ausserordentliche Mann, fuhr ich fort, ist mein vielfältiges Studium, meine Bewunderung und mein Nachdenken gewesen. Eine verdächtige Prüderie unseres Zeitalters hat mit moralisirender Wegwerfung von seinen Memoiren gesprochen, und die Polizei ist der Prüderie zu hülfe gekommen, und hat in diesem und jenem deutschen Staat das merkwürdigste aller Bücher verboten. Ein höherer Standpunkt der Betrachtung bleibt dem Unbefangenen noch immer nicht benommen. In seinen Lebensbekenntnissen ist nichts Absichtliches, nichts auf wirkung, Beifall oder Gunst Berechnetes; sie sind ihren hauptsächlichsten Bestandteilen nach aus lauter körniger Wirklichkeit einfach zusammengesetzt. Casanova schien sie kaum selbst für den Druck bestimmt zu haben, und durch einen Zufall gerieten sie, viele Jahre nach seinem tod, in die hände eines deutschen Buchhändlers, der das französisch geschriebene Manuscript für einen Spottpreis erkaufte, und nachher Tausende damit gewonnen hat. Sie brechen gegen das Ende fragmentarisch ab, und den Mitteilungen des geistreichen Fürsten von Ligne danken wir den Aufschluss über des Venetianers spätere Lebensverhältnisse. Sind jedoch seine Memoiren nur zur Unterhaltung erfunden, erlogen, so bleibt Casanova als Erfinder und Lügner, und als nach dem Leben treffender Charakterzeichner seiner Zeit und seiner Zeitgenossen, noch immer einer der grössten Schriftsteller, die je erfunden und gelogen haben. Sind aber seine Memoiren, was ich glaube, w a h r (das heisst: in dem durch Goete bekannt gewordenen Sinne selbstbiographischer Wahrheit u n d Dichtung), sind sie wahr, und hat der wunderbare Mensch alles dies wahrhaftig erlebt, was er mit seiner bezaubernden Feder wie aus raschen Erinnerungen glänzend hinwirft, so ist er d e r g r ö ss t e W e l t m a n n , den das moderne Zeitalter hat geboren werden sehen! Etwas Ausserordentliches bleibt immer an ihm.
Der Alte schlug hier wieder dreimal mit der Faust auf den Tisch, so dass ich, obgleich an dieses Zeichen schon gewöhnt, erschrocken innehielt. Er befahl aber nur, mir von neuem ein Glas Milch vorzusetzen, wahrscheinlich damit meiner Apologie die Kehle nicht trocken werden möchte. Mit grösserer Aufmerksamkeit zu ihm hingewandt, fuhr ich fort, mich auszusprechen.
Den grössten Weltmann neuerer zeiten habe ich ihn genannt, und möchte ihn zugleich einen Ritter nennen. Einen Ritter des Weltlebens, einen Ritter und