Bäume, und meine Brust hob sich wechselweise und fühlte sich gepresst. Aber die meisten Hütten der Ossegger, an die ich mit dem Klöpfel schlug, wurden leider dem anklopfenden Wandrer nicht aufgetan, und ich erinnerte mich an die Madonna-Wallfahrt, welche den grössten teil der Bevölkerung hinausgelockt haben mochte. Die Madonna selbst war mir noch nicht aus den Gedanken gekommen.
Endlich fand ich gerade vor einer der ansehnlichsten Hütten Gehör, und die öffnende Magd belehrte mich, dass ich in des Herrn Schulmeisters Haus getreten. Ich verlangte ohne Weiteres diesen grossen Gelehrten zu sprechen, da ich auch die Dorfnotabilitäten dieser Gegend nicht übergehen durfte.
Er sass ganz im Winkel seines ziemlich freundlich aufgeschmückten Zimmers in einem hochgepolsterten Lehnstuhl, ein grosser, mürrischer, runzliger Alter, mit einem bigotten grollenden Gesicht, wie man sie sonst nur tiefer in Böhmen hinein anzutreffen pflegt. Die Füsse waren ihm in Kissen verpackt, und es schien, dass er am Podagra heftige Schmerzen zu leiden hatte. Er hielt ein Amulet zwischen den Händen, wahrscheinlich eine sehr kostbare Reliquie, die er unaufhörlich zum mund führte und inbrünstig küsste.
Meine Begrüssung erwiderte er kaum, obwohl er sich über mein Eintreten zu wundern schien. Dann schlug er einige Male ein Kreuz gegen mich, und blickte wieder starr vor sich hin, ohne im Mindesten auf mich zu achten, und küsste seinen in Gold gefassten Reliquienknochen.
Ich glaubte nie ein steiferes und unempfindlicheres Götzenbild auf böhmischen Heerstrassen gesehen zu haben. Ein Schauer wandelte mich an, und es kam mir vor, als sei ich, ein Kind der Zeit, vor den alten Saturnus getreten, um von ihm verschlungen zu werden. Denn Saturnus verschlingt noch immer seine Kinder, und seine liberalsten wie seine legitimsten Söhne schluckt er doch am Ende alle in den grossen Magen hinunter. Nur die Justemilieus sind ihm bislang noch mitten in der Kehle stecken geblieben.
Ich sagte endlich zu diesem böhmischen Saturn, ich sei ein friedfertiger Stubengelehrter aus Berlin, und wollte mir die Ehre geben, einen Collegen in ihm kennen zu lernen.
Er sah mich gross an, rückte ein wenig an seinem Sammetkäppchen, wies dann auf seine eingewickelten Füsse und küsste wieder den Reliquienknochen. Er schien sich mit dieser Geberde entschuldigen zu wollen, dass er seines Podagras wegen nicht aufstehen und mich bewillkommnen könne. Dies war doch schon eine Annäherung.
Ich fragte, ob er vielleicht zufällig die Analecta Monasterii Ossecensis von dem unsterblichen Schoettgenius, die in Dresden 1750 in Quarto herausgekommen, besitze? Ich sei eben in diesem Kloster gewesen, und wünschte jetzt alle Klöster dieser Zeit aus ihren Quellen zu studiren.
Er schüttelte abwehrend und etwas murmelnd sein Haupt.
So besitzen Sie vielleicht das wertvolle und seltene Buch von Czerwenka: Splendor et gloria domus Waldsteinianae, das ebenfalls in Quarto zu Prag 1673 erschienen ist? Ich bin eben in Dur gewesen, und wünschte jetzt alle Aristokratieen dieser Zeit aus ihren Quellen zu studiren.
Er schüttelte abermals sein graues, von Alter, Sorgen und Amtsverrichtungen gebeugtes Haupt.
So besitzen Sie vielleicht ein frisches Glas Milch, mein Herr, in Ihrem Haushalt, um einem dankbaren Reisenden, den die Sonnenhitze ganz ausser sich gebracht hat, damit zu bewirten?
Da schlug er dreimal mit der Faust auf den neben ihm stehenden Tisch, dass Alles krachte und sogar die Fensterscheiben erzitterten. Ich begriff nicht, wodurch ich seinen Zorn so erregt haben konnte.
Es war dies aber nur ein, wie es schien, in seinem Staatshaushalt gewöhnliches Signal gewesen, das die Stelle einer Klingel ersetzte. Denn bald auf dieses Zeichen trat die ziemlich hübsche Magd ins Zimmer, um die Befehle des alten Schulregenten zu gewärtigen.
Ein Glas Milch für den Herrn! brummte er ihr zu, in einem Ton und mit einer stimme, die nicht gern gaben.
Ich liess mich aber dadurch nicht irre machen, setzte mich in der ihm gegenüber befindlichen Ecke des Zimmers nieder, und nahm von der lächelnden Magd die dargereichte Erquickung mit Dank und Lob an.
Ich schlürfte die vortreffliche Milch und schwieg. Eine tiefe Stille herrschte rings um uns her.
Es ist recht schön in Dux! hörte ich es dann auf Einmal murmeln. Ich sah mich erschrocken um. Wirklich, der Alte hatte es zu mir gesagt. Oho, am Ende schwatzt er doch gern, und hat Lust, sich in ein ehrsames Gespräch mit mir einzulassen.
In Dux ist es recht schön! antwortete ich, und sah freundlich zu ihm hinüber.
Er sah wieder freundlicher, als sonst, zu mir herüber. Dann trat von neuem eine Pause ein.
Endlich schien er das Schweigen nicht länger mehr aushalten zu können. Es sind viele Merkwürdigkeiten in Dux! sagte er. Dabei küsste er seinen Reliquienknochen.
Es ist sehr merkwürdig in Dux! entgegnete ich.
Haben Sie denn auch auf dem zweiten Schlosshofe das Bassin gesehen, welches der erlauchte und hochberühmte Albrecht von Waldstein, Herzog zu Friedland, aus eroberten schwedischen Kanonen hatte giessen lassen? fragte er, zu meinem Erstaunen, weiter.
Wahrhaftig, der Mann konnte reden. Er spricht jetzt ordentlich in zusammenhängenden Sätzen, fängt überhaupt an, liebenswürdig zu werden, und beschämt mich, dass ich ihn so sehr verkannt hatte.
Ach, mein Herr, sagte ich, auf dem schloss Dux ist es mir ganz sonderbar gegangen. Statt an den grossen Herzog von Friedland zu denken, statt manche andere historische Merkwürdigkeiten mit Andacht zu betrachten, statt in den schönen englischen Park lustwandelnd mit meinen Gefühlen spazieren zu gehen,