nur ein Buch aufzuschlagen, dachte ich wieder an C a s a n o v a , der hier Bibliotekar gewesen war. Gern hätte ich mit dem Grafen ein Gespräch darüber angefangen und seinen erlauchten Vorfahren gepriesen, dass er einem so genialen mann eine Freistätte bei sich gewährt für seine letzten Lebensjahre, aber, sonderbar genug, ich fühlte, dass ich schon hoch errötete, ehe ich nur den Namen Casanova über die Lippen gebracht hatte. Seitdem mir eine geistreiche Dame, deren Tugend ich für so fest gehalten, dass ich ihr die wahrhaft genievollen Memoiren Casanovas in der Ausführlichkeit des Originals zu lesen anempfahl, verächtlich den rücken zugekehrt hatte, wurde ich immer rot, wie eine Klosterjungfrau, die hinter dem Sprachgitter einen Mann erblickt, wenn ich in Gesellschaft auf diesen grossen Weltabenteurer zu sprechen komme.
Um die Gedanken an Casanova loszuwerden, ging ich endlich in die Kirche, wo ich gewiss hoffen durfte, auf bessere zu geraten. Ich sah ein schönes Altarblatt, M a r i ä V e r k ü n d i g u n g darstellend, wenn ich mich recht besinne, von Peter Brandel gemalt. Der zuvorkommende Kirchendiener wollte mir auch die heilige Garderobe der kostbaren Messgewänder zeigen, an denen diese Kirche durch die Frömmigkeit ihrer gräflichen Stifter vorzüglich reich geworden ist, aber ich gewahrte durch das Fenster zum Glück meinen Kutscher, den ich bestellt hatte, nach N e u O s s e g g zu fahren.
Ein erbärmlicher Weg, auf dem man jeden Augenblick die Rippen zu brechen fürchtet, führt ungefähr eine Stunde weit von Dux zu der am fuss des Strobnitz- und Spitzenberges gelegenen schönen Cisterzienser-Abtei Ossegg, wo man bei den freundlichen und unterrichteten Mönchen immer einer guten Aufnahme gewiss ist. Als ich die Kuppeln des herrlich gelegenen Klosters von fern erblickte, stiegen wehmütige und doch gewaltige Gedanken in mir auf, und diese weltfreie Einsamkeit und Abgeschiedenheit tat so vertraulich mit meinem Herzen, als hätte ich sie längst gekannt und gewünscht. Und doch war es noch lange nicht so weit mit diesem Herzen gekommen, dass ich zu ihm hätte sagen können, wie Hamlet zu seiner Ophelia: go to a nonery! Nein, geh' in kein Kloster, mein Herz! Und wenn die Cisterzienser Dich bekehren wollen, so sage nur: Du bist ein Weltkind, und kannst die strenge Regel nicht vertragen. Sage auch, Du machst Dir aus dem heiligen Bernhard nichts, und in Deiner Zelle wird eine weltliche Heilige verehrt, die Fleisch und Blut hat, und lachende Augen. Gott grüss' Dich, schöne Cisterzienser-Abtei Ossegg! Du nimmst einen unruhigen Geist in Deinen friedfertigen Mauern auf.
Indem ich so in die Ferne starrte, drangen plötzlich seltsam murmelnde Stimmen zu mir herüber, die sich immer deutlicher näherten und starker wurden. Halb Geheul, halb Gesang, aber in den missklingendsten Tönen, wälzte es sich über den Feldweg heran, und bald konnte man unterscheiden, dass es eine Prozession war, welche wahrscheinlich die Landleute aus dem dorf Ossegg an dem heutigen Festtage veranstaltet hatten. Denn es fiel mir ein, es war heute ein M a d o n n e n - F e s t , und M a r i ä H e i m s u c h u n g wurde von der gläubigen katolischen Christenheit gefeiert. Jetzt war der fromme Zug zu uns herangekommen, Kinder, junge Mädchen und Alte schritten, mit zerknirschter stimme andächtige Lieder absingend, in geordneten Reihen vorüber, und ein Knabe trug die wehende Fahne voran, auf der das Muttergottesbild in buntgemalten Kleidern prangte. Ohne es zu wollen, musste ich den guten Leuten ein grosses Aergerniss bereiten, indem ich, seit meiner Geburt an protestantische Sitten gewöhnt, und ausserdem von einem andern überraschenden Anblick plötzlich gefesselt, es ganz ausser Acht liess, dass ich schicklicherweise vor der Madonnenfahne den Hut hätte abziehen müssen. Aber ich kehrte mich nicht an die scheuen und grollenden Seitenblicke, die mir hier und dort begegneten, da meine Augen unter diesen frommen Gestalten von einem Gegenstand getroffen worden waren, der mich zu wundersam und bedeutsam berührte. Unter der wallfahrtenden Jugend, die der Jungfrau Maria lobsang, ging auch ein junges Mädchen vorüber, ganz verschieden von allen übrigen, an Tracht, Gesicht, Wuchs und Gestalt, an Sitte und Anstand. Sie gehörte offenbar ihrem Wesen nach nicht in diese Reihen, von denen sie sich durch ihre ganze Art so auffallend unterschied, und das Anziehende ihrer Erscheinung lag für mich in jenem Etwas des ganzen Menschen, das sich eben so wenig beschreiben lässt, als der Duft der Rose, oder der einem Jeden eigentümliche Seelenzug im Auge. Ihr Gesicht gehörte zu denen, mit denen man ein ganzes Leben beisammen sein möchte und könnte, oder die man gleich beim ersten Begegnen schon Jahre lang gekannt und in sich getragen zu haben meint; und es fehlte nicht viel, so hätte ich, in Gedanken vertieft, vor diesem Mädchen den Hut gezogen, den ich unhöflich genug vor der Madonna hatte sitzen lassen. Die Sterne haben ein gewisses verhältnis zu einander, die Planeten suchen und finden sich auf ihren kreisenden Bahnen, und drücken ihre grossen Wahlverwandtschaften in Sonnensystemen aus. Der Stern sucht den Stern seiner Liebe, und ein menschliches Gesicht ist kein minder glücklicher Himmelskörper. Lache nur, Gustav! Ich glaube auch an ein grosses Sonnensystem der menschlichen Gesichter. Diese und jene gehören zusammen, und bilden, blick an blick hängend, wie Stern an Stern