, fluchte der Artillerie und ihren Trompeten. Was hatte er an seiner Trommel! diesem dummen Lärmkasten, bei dessen Tönen sich die Gebildeten der Nation das Ohr zuhalten, dieser Klangmaschine, die, wie man mich in meiner Kindheit überredete, nur dazu da ist, auf dem Schlachtfelde das Geschrei der Verwundeten zu übertäuben! Zum Unglück gab es Augenblicke, wo der Tambour nichtsdestoweniger auf sein Instrument eifersüchtig wurde. Ist es nicht das wohltätigste Instrument, schlussfolgerte er, wenn es den Menschen anzeigt, wo Feuer ausgebrochen ist, um welche Zeit das Tor geschlossen wird; kann es rührendere Töne geben als die dumpfen Wirbel beim Begräbnisse eines meiner Kameraden! Bei der Erinnerung an den Tod stürzten ihm die Tränen aus den Augen, von jenseits drang die Trompete seines glücklichen Nebenbuhlers herüber, ach! diese freudigen Töne durchschnitten grausam seine zitternde Seele. So schwand er hin und wurde immer mehr das blasse Bild der Resignation. Er dachte nur an den Tod und sagte oft, wenn er nicht käme, so müsse er selbst sich ihn geben. Damit ging er lange um und weinte viel, sooft er beim Abendmahl und in der Kirche war. Aber es half nichts: die Liebe zermalmte sein Herz, die Eifersucht vernichtete seinen Stolz, statt ihn zu erheben. Noch einmal richtete er sich eines Abends auf, wo alles still war, am Tage vor der Hochzeit der Trompeterbraut, und setzte sich dicht unter ihr Fenster auf einen Stein. Zwischen den Füssen hielt er die Trommel eingespannt und begann sie in der Stille der Nacht, wo alles schlief, so schwermutsvoll und sanft zu rühren, dass es lange währte, bis mehr darauf achteten, wie das Mädchen oben in der kammer. Sie hörte diese Serenade, sie wusste alles, denn sie hatte den Tambour gekannt, ihn bevorzugt, ehe die Trompete kam. Sie zitterte unter der Bettdekke, denn es klang wie zum Grab so hohl unterm Fenster. Aber die Töne hoben sich, die Schlägel wurden dringender, die abgestossenen Punkte folgten Schlag auf Schlag: sie musste aufspringen vor Entsetzen; die ganze Strasse schien zu grollen und die Steine dumpf aneinanderzuschlagen. Man rief: "Feuer!" Sie riss das Fenster auf. Draussen war alles still; der Tambour war nirgends zu sehen; auch beim Appell nicht. Man schiffte seine Trommel bei Mainz an der Rheinbrücke auf: ihn selber einen Tag später auf der nämlichen Stelle."
Wally hatte von dieser Erzählung erwartet, dass sie in einer Beziehung mit Schwalbach stünde, und allem, was auf diese Erwartung keine Rücksicht nahm, nur eine oberflächliche Aufmerksamkeit geschenkt. Sie blickte Cäsar mit ruhigem Auge an und fragte kalt, was in dieser geschichte mit Schwalbach zusammenhinge? Cäsar fand diese Frage natürlich und legte sie sich nicht so empörend aus, als sie ursprünglich war.
"Diese Historie", fuhr er fort, "ist mehre Jahre alt. Der Trompeter heiratete die Tochter des Wiesbader Bürgers, nahm seinen Abschied und zog nach Schwalbach, wo er die Direktion der Musiken für die Saison zu übernehmen pflegt. Aber seine Frau leidet seit jener traurigen Katastrophe ihres verschmähten Liebhabers an einem unheilbaren Übel. Hätten die Ärzte nicht schon zuweilen ähnliche Beobachtungen gemacht, so würde man versucht sein, hier an einen Spuk, an eine Rache des gespenstischen Tambours zu glauben. Die Frau des Trompeters hört Tag und Nacht ein dumpfes Murmeln an ihrem Ohr, das sich zu verschiedenen zeiten steigert und ihr wie der Ton einer Trommel vorkommen muss. Nachts schreckt sie aus dem Schlaf auf, zeigt mit stierem blick auf die Tür, wo sie den blassen, kleinen Mann mit seinem Instrumente zu erblicken glaubt; sie hat nicht Ruhe, wie tief sie sich auch in die Kissen des Bettes hineinwühlt. Die Ärzte nennen dies eine unnatürlich präponderierende Kraft des Gehörsinnes und können sich auf die gleichzeitige Tatsache berufen, dass alle übrigen Sinne der Frau allmählich schwinden und der übermässig hervorbrechenden Gehörskraft zu weichen scheinen. Dabei ist sie abgefallen und bleich, ihr äusserer Körper verringert sich immer mehr: ich sah sie, es ist eine ganz absorbierte Erscheinung, die Grausen erregt. Sie selbst hat den festen Glauben an die Rache des Tambours, oder wie es diese Leute nennen, dass er im grab keine Ruhe habe. Sie versicherte mich, dass das Gespenst ihr überallhin folge, in Küche, Boden und Keller; ja auf dem Wege, selbst im wald sah sie ihn oft, den Toten, wie er leibhaftig vor ihr stehe, die kleine, bleiche Figur, mit der Trommel auf dem weissen Schurzfell und dieselben gelbledernen Bandeliere um die Schultern gehängt, welche uns Preussen so fatal sind. Die Ärzte wissen, dass die Frau bald sterben muss an totaler Nervenentkräftung. Ich glaube' es. Gott, da steht sie!"
"Wo?" schrie Wally auf.
Cäsar lachte. Es war ein Scherz; aber sie hatte ihn übel aufgenommen und liess sich mit der bittersten Laune über seine Spässe und abenteuerlichen Erzählungen aus.
"Gehen Sie mit Ihren Trommeln und Trompeten! Womit Sie sich doch alles abgeben!" sagte sie mürrisch, empfahl sich und wandte sich allein dem Kaisersaal zu, wo sie wohnte.
9
Diese Szene war bald vergessen. Auf die regnerischen Tage folgten mit dem Sonnenscheine tausend Aufforderungen der natur, ihre Reize zu geniessen. Bis in die entfernteste Umgegend trugen Esel und kleine Gefährte den weiblichen teil der Gesellschaft, welche als die Crème der Saison sich zusammengefunden hatten. Wally war eine sprühende Girandole von Freude