, ein Papagei, ein Geschwätz und Gekrächz, das eine ganz neue Welt in das alte Schwalbach zu bringen schien. Bärbel stand auf den Zehen, blickte in den offenen Schlag und stiess einen entsetzlichen Schrei aus. Sie hatte die untreue Herablassung gesehen, wie sie die Hand eines jungen reizenden Weibes küsste. Es war des jungen Paares erste Badereise, gleich nach der Hochzeit. Das sah auch Bärbel sogleich ein, nachdem sie wieder zur Besinnung gekommen war, denn noch war sie nicht närrisch; aber sie wurde es; schon durch die Ungewissheit, das Herumlaufen, fragen, Erkundigen, Abgewiesenwerden durch impertinente Bedienten, durch die Scham, den Mann am Brunnen und auf der Promenade zu sehen und ihm nicht zu Füssen fallen zu dürfen. Sie war den Winter über ganz still. Mit dem Frühjahr wurde sie unruhig, holte immer tiefere Seufzer, schüttelte viel den Kopf, und nun steht sie seit dem ersten Mai zu jeder Stunde des Tages hinter den beiden Indien und muss immer mehr erkranken, schon am Sonnenstich. Sie sieht in jede Kutsche und schämt sich, wenn man ihr Geld zuwirft. Sie ist für alle Schwalbacher Bettler der Lockvogel oder der mit Honig ausgefüllte Stock, um die wilden Almosenbienen zu fangen. Sie ist die unschuldige Heilige, die stumm für sie alle bittet und nichts davon hat als immer tiefern Wahnsinn."
"Oh, ich bitte Sie, erzählen Sie Geschichten, die sich runden und einen Schluss haben!" fiel Wally ein mit der ganzen Fühllosigkeit, die sie allein schon charakterisieren würde, wenn sie dieselbe nicht mit allen Frauen gemein hätte, wo es sich um die Herzensleiden irgendeiner ihrer Schwestern handelt. Sie sind dabei alle kalt, eine gegen die andere.
"Den Schluss müssen wir abwarten", sagte Cäsar, erschrocken über Wallys Phlegma. Er hätte sie aufgegeben, wenn sie als Phänomen nicht seine Neugier reizte. Auch würde er sich Vorwürfe gemacht haben, Wally nachgereist zu sein, wäre diese Mühe vergebens gewesen. Er dachte in der Tat daran, bei ihr zu irgendeinem Ziele zu gelangen.
8
Nach einiger Zeit teilten sich die Wolken über dem Tale. Es war möglich, ins Freie zu treten. Cäsar und Wally stiegen die Strasse nach Ems hinauf. An der tür der beiden Indien stand das stille Bärbel und betrachtete sie beide mit einem wehmütig-rührenden Blicke. Wally blieb kalt dabei; er konnte das nicht begreifen.
"Ich will Ihnen, Wally", sagte er, "eine andre geschichte erzählen, die sich in unsrer Nähe begibt und in der Tat schon eine Art Schluss hat. Glauben Sie nicht, dass ich die Demokratie so weit treibe und auf Entdeckungen in den Hütten ausgehe. Die Schwalbacher bilden sich ein, ihre Gäste unterhalten zu müssen, und so erfuhr ich etwas, was würdig gewesen wäre, von Hoffmann bearbeitet zu werden. Sie kennen die nassauischen Soldaten, Wally! Sie haben über Brust und Schulter gelbe Bandeliere, was für ein preussisches Auge kurios lässt. Die Artillerie ist schöner, aber hören Sie von einem Tambour bei jener Infanterie. Der junge Mensch stand in Wiesbaden und soll ein Meister auf seinem Instrumente gewesen sein. Niemand in der nassauischen Armee schlug wie er die Reveille mit solcher Fertigkeit. Seine Wirbel sollen den Turbillons geglichen haben, welche bei Feuerwerken aufsteigen, nur dass er imstande war, eine Viertelstunde lang die Schlägel in dieser tremulanten Bewegung zu erhalten. Namentlich aber gelang ihm jenes hübsche Stakkato auf der Trommel, das mit Wirbeln untermischt die Erschütterung des Kalbfells plötzlich hemmt und einen ganz abbrechenden Ton, einen Ton ohne alles Echo hervorbringen muss. Sie sehen, welch einen Schatz das Haus Nassau an diesem Tambour hatte. Unglücklicherweise verliebte sich aber der militärische Künstler, und in ein Mädchen, das zwar den Wert der Armee zu schätzen wusste, auch den der Musik, aber einem Trompeter von der Artillerie schon den Vorzug gegeben hatte. Hier musste eine Rivalität eintreten, welche der Liebe ebensosehr galt wie der Kunst.
Der Tambour verzweifelte nicht; indessen war er zu bescheiden. Er fühlte, wie sein Instrument, diese monotone Rhytmik, hinter der Trompete zurückstand. Sein Gegenstand war die Tochter eines Wiesbader Bürgers, eines Mannes, den man durch Auszeichnungen ehren konnte. Und wie zeichnete ihn der Trompeter aus! Wenn er des Abends in des gehofften Schwiegervaters Gärtchen sass, siehe, dann setzte er das silberne Mundstück an die glänzende Trompete und blies den Parademarsch 'Frisch auf, Kameraden!', alle Walzer, von denen des Kursaals an bis zu dem Zweitritt der Kirchweih. Das erfreute die Herzen dieser Menschen. Die Nachbarn sammelten sich: sie lauschten, sie klopften an die Gartentür, sie kamen herein und tanzten auf dem grünen Rasen. Der Schwiegervater hatte den ganzen Abend die Nachtkappe zu lüften und war unbeschreiblich geehrt. Und wenn der Trompeter mit seinen lustigen Stücken Feierabend machte und sie alle aus dem Gärtchen mussten, um in der Finsternis die Beete nicht zu verderben, dann blieb er mit der Tochter noch allein und blies ihr Arien der Schwärmerei vor, 'Schöne Minka', 'Mich fliehen alle Freuden', mit sterbenden, gedämpften und wie durch Zugwind gehauchten Tönen, bis alles still wurde. Der Tambour hörte diese Szenen täglich und verging vor Wehmut. Er war eine sanfte, echt deutsche Heimwehnatur, voller Empfindung und Ehrgefühl. Jede Nacht badete er sich in Tränen und schlug die Morgenreveille mit matten Händen. Das Feuer seiner Augen erlosch. Er fluchte seinem Instrumente