führe sie auch nur an, um durch Wallys Mängel ihre Besitztümer anzudeuten. Sie ist ohne Schwärmerei für die natur, ohne Sinn für Blumen, welche sie zerkaut, wenn sie ihr in die Hand kommen. Sonne, Mond und Sterne gehen ihre Bahnen, ohne von Wally bemerkt zu werden. Jedermann wird bereit sein, sie gefühllos zu nennen, und ihr dennoch Unrecht tun. Wallys unaussprechlicher Reiz ist ihre Natürlichkeit. Sie gibt sich, wie sie ist, und hat die Tugend, alles beim rechten Namen zu nennen. Sie war sehr unglücklich, in Schwalbach leben zu müssen.
Doch traf sich alles besser, als man erwartet hatte. Das allmähliche Herunterkommen der Romantik erschlafft die bisher angespannten Nerven der Nationen. Es waren Deutsche genug da, die an Hoffmanns tod litten, Franzosen genug, welche die üblen Folgen von Victor Hugos ruhendem Federkiel spürten. Sie alle wollten Reiz. Die spanische Krisis war vielen in den Unterleib geschlagen und hatte Hypochondrie erzeugt. Stahlbäder sind sehr anzuraten. Es war gedrängt in all den Höfen, Goldnen Ketten, Gastöfen zu den beiden Indien. Wally wohnte im Kaisersaal.
Eines Tages stand sie an einem Orte, den sie vor
züglich liebte, am grünen Tische. Sie hazardierte im Pharo. Sie gewann; sie gewann immer; vielleicht weil Dreistigkeit auch das einzige Geheimnis im Spiele ist. Noch ist es mir unerklärlich, wie die schüchternsten Weiber sich an Dinge wagen, an welche die mutigsten Männer immer mit einer Art von Zaghaftigkeit herangehen. Sie sind die ersten, wo es gilt, einen Turm zu besteigen, auf einem schwindelnden Wege zu gehen, Pistolen abzuschiessen, mit einem Eskamoteur in Korrespondenz zu treten, auf Vexierstühle und an die Elektrisiermaschine sich zu stellen. Namentlich wird sich auf diese letzten Dinge oft der mutigste Mann nicht einlassen. Warum die Frauen?
Weil sie gewohnt sind zu herrschen? Weil man
ihnen genug sagt, dass ihrer Schönheit nichts widerstehen könne? Wally spielte in der Tat, weil es ihr schon zur andern natur geworden war, in jeder Lage zu gewinnen.
Plötzlich wird sie unruhig. Sie verliert. Ihr Glück stürzt zusammen. Sie fühlt, dass ihr ein Dämon entgegentritt und ratet auf Cäsar. Sie wusste, dass ihr alles Widerwärtige nur von einem mann kommen konnte, der sie beunruhigte und der sie vielleicht zu lieben anfing. Wally blickte um sich; Cäsar stand in einer Ecke, grüsste stumm, bot ihr den Arm und führte sie in die Zimmer ihrer Tante zurück, einer Dame, welche er einst mit einer Spinne verglichen hatte, die über das Weltmeer kreucht.
7
Ein Gewitter in Schwalbach ist immer eine Katastrophe; aber sie geht vorüber. Noch gefährlicher ist es, wenn der Himmel jene weinerliche Laune hat, dass er von der grauen Wolkendecke unaufhörlich einen nassen Staub tröpfeln lässt. Dann kann man in Schwalbach am besten alle jene Übel bekommen, für welche sein Stahlwasser so gut sein soll. Ist man nicht melancholisch, so wird man es erst. Wally weinte den ganzen Tag vor Ungeduld. Sie wollte nach Wiesbaden; aber ihre Tante bestand darauf, dass ihr die spanische Krisis im Unterleibe sässe. Der Geheimerat Fenner von Fenneberg, der Arzt der Saison, warf sich gegen jede Unbesonnenheit ins Mittel. Wally wollte Sterben vor Langerweile. Ihr werdet sagen, sie muss schlecht erzogen worden sein. Gewiss, das war sie.
Cäsar bot alles auf, ihr die trübe Zeit zu verkürzen. Er erzählte ihr Beobachtungen aus Schwalbach, die gar nicht verdienen, übergangen zu werden, z.B. folgende: "Haben Sie noch nichts vom tollen Bärbel gehört? Das tolle Bärbel steht den ganzen Tag vom frühen Morgen bis in die späte Nacht an der Hinterpforte des Gastofes zu den beiden Indien, die auf die Landstrasse nach Ems hinausführt, und späht in die Extraposten, welche den Berg herunterkommen. Sie ist von einem etwas gedrückten Wuchse und hat matte Augen; aber ihre Gesichtsbildung ist im höchsten Grade einnehmend, die Haut von der ganzen Feine und Weisse, welche zu blondem Haare gehört, um blonde Mädchen erträglich zu machen. Der Reiz Bärbels würde noch weit mehr hervortreten, wenn die fixe idee, welche sie beherrschen soll, ihr nicht den an Wahnwitzigen so unheimlichen Ausdruck und die eigentümliche Verrückung aller Bewegungen gäbe. Und woran leidet sie? An zwei verunglückten Saisons. In der ersten soll sie der Gegenstand irgendeiner eleganten Herablassung gewesen sein, die glücklicherweise ohne Folgen blieb. Sie fiel einem jungen mann in die Augen, der sie dann drei Monate lang nicht aus seinen Händen liess und vielleicht gar mit ihr über Vorurteile der privilegierten Stände, über die allgemeine Stimmberechtigung der Liebe und morganatische Ehen philosophiert hat. Er versprach, im nächsten Jahre wiederzukommen. Einen langen Herbst und Winter, einen ganzen Frühling hindurch war Bärbel glücklich und das frommste Mädchen in Schwalbach. Sie war die erste und letzte in der Kirche, die freundlichste zu aller Welt. Die Mässigung in einem Glücke, das ihre Kräfte überstieg (nämlich das Wiedersehen war für sie schon ein grenzenloses Glück: wie leicht wird es Gott, seine Geschöpfe selig zu machen!). Diese Mässigung stand ihr ungemein schön, wie die Leute sagen, die aus ihrer jetzigen Verwirrung das Vorangegangene herausgelockt haben. Da kam die zweite Saison. Bärbel stand an der Gartentür der beiden Indien. Ein grosser Reisewagen, turmhoch bepackt, mit sechs Pferden bespannt, glitt am Hemmschuh bedächtig die Höhe herab. Vorn und rückwärts Bediente, Kammerzofen, Bologneser Hunde