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"Von Mainz bis Düsseldorf. Sie dürfen einen Besuch bei den Malern und bei Immermann nicht unterlassen.
Läge Düsseldorf in Türingen, es würde ein zweites Weimar werden."
"Sind die Ufer in der Tat so reizend?"
"Gefällig sind sie und da schön, wo Sie etwas von Rührung einfliessen lassen in Ihre Betrachtung."
"Das verstehe' ich nicht."
"Das Schöne, Wally, ist immer das Überraschende. Ich bin ursprünglich kalt gegen alles, was in Deutschland für schön ausgegeben wird. Am Lurleifelsen, wo der Rhein sich wie ein See verengt, wo Flinten abgeschossen und Waldhörner geblasen werden, um die Echos, von denen die Handbücher sprechen, zu beweisen: da werden Sie durch diese Zurüstungen zur Wehmut übermannt werden. Ihr blondes, bescheidenes Deutschland, dem Sie nichts zutrauten, nicht einmal das Echo des Lurlei, wird Sie rühren, und bei einer fliessenden Träne werden Sie sich gestehen müssen, dass der Rhein in der Tat ein schöner Strom ist."
"Sie wollen sagen, die natur spräche nur zu uns, je nachdem unser Auge und Herz sie ansieht."
"Ich stand in dem Kölner Dome. Sie kennen das zerrissene Prinzip unserer Zeit, nichts anzunehmen, was vielleicht richtig ist, aber von Leuten proklamiert wurde, die uns widerstehen. Der Entusiasmus der einen erkältet immer die andern. Ich wollte den Kölner Dom ironisch betrachten und musste weinen, da ich ihn sah, über das Unvollendete der idee, über die dünnen Hammerschläge der Ausbauer, welche durch die mächtigen Räume picken, über mich selbst, der sein Herz künstlich verhärtet und zu einer gemachten Empfindungslosigkeit herabgestimmt hatte."
"Die Dampfschiffe fahren zu schnell."
"Sie fahren zu langsam und sind für das Auge ermüdend. Der Gedanke einer feurigen, über das wasser kriechenden Schildkröte steht vor unsrer Einbildungskraft, und wir sind einmal daran gewöhnt, das Kriechen für langsam zu halten."
"Ein sonderbares Bild! Worüber nur meine Tante so lacht?"
"Ihre Tante ist eine Spinne, die über den Ozean kriecht."
"Wieso?"
"Sie spekuliert in Papieren."
"Sie spricht über Politik: ich verstehe nichts davon."
"Verstünden Sie davon, so glichen Sie einem Schmetterling, der sich in die gaserleuchtete Verwirrung eines Salons verflogen hat."
"Schmetterlinge sind zu Gleichnissen verbraucht."
"Wie die Unsterblichkeit selbst."
Wally errötete. Sie blickte auf Cäsars frivoles Lächeln und nahm dies Lächeln für eine Gewissheit, die sie erschrecken machte.
"Wir sähen uns nicht wieder?" fragte sie beklommen.
"Gesetzt, nur die Guten sähen sich", antwortete Cäsar, "so lässt die Tugend so viel Nuancen übrig, dass nichtsdestoweniger im Jenseits eine Mannigfaltigkeit entstünde, die in seiner nächsten Nähe zu haben Gott kein Vergnügen machen würde. Ja, wir selbst würden uns weigern, alle die zu lieben, welche im Leben ehrliche, aber oft die langweiligsten Menschen waren. Ich weiss aber nicht, wie aus einem langweiligen Menschen plötzlich ein interessanter Engel werden könnte."
"Sie sind kein Christ?"
"Glauben Sie, dass Christus von den Toten auferstanden ist?"
"O Gott, lassen Sie, ich kann darüber nicht nachdenken. Ich–"
Sie stockte. In ihrem Auge sprach sich ein zerreissender Schmerz aus. So hatte sie Cäsar noch nicht gesehen. Sie erhob sich unruhig und war für diesen Abend verschwunden. Cäsar begriff hievon nichts. Er war so leichtsinnig, an alles zu denken, nur nicht an die Religion. Aber Wally hatte ihn entzückt. Soweit Menschen dieser Art noch lieben können, war Cäsar ausser sich. Er folgte Wally ohne Aufentalt.
6
Wallys Tante litt an nervösen Reizungen und Abspannungen, an Herzklopfen, Übeln, für welche die Ärzte unter den nassauischen Bädern das tristeste, Schwalbach, empfehlen. Wally konnte in Wiesbaden und Ems tanzen, aber in Schwalbach musste sie der alten Dame die Zeitungen und Kurszettel vorlesen (die Frau spekulierte wahrhaftig in Papieren!); in Schwalbach musste sie so manchen häuslichen Dienst übernehmen, den man bald von sich abwälzen würde, wenn man nicht das Vergnügen hätte, in einem Bade zu leben.
Sie hatte dies wunderbare Nassau erreicht, diese unterirdische Küche Hygieas, mit ihren Gebirgskesseln, in denen die heilsamen Quellen sieden und dampfen. Von üppiger natur kann bei einem land nicht die Rede sein, das von Alaun und Schwefel unterminiert ist und in der Ernte immer einen monat zu spät kommt. Zwerghaft sind die Bäume auf den Hügeln: aber reizende Perspektiven öffnen sich zahlreich in die weiten Täler. Nichts ist hier schöner als die mannigfachen Schattierungen des grünen Kleides der natur. Man steht an der morsch zerbröckelnden Mauer einer hohen Strasse und sieht kleines Gesträuch zunächst zu seinen Füssen; dann tiefer einen Wald, der sich mit den schwärzesten Tinten in die tiefste Spalte des Tales verliert und in einem dumpfen Murmeln, in dem Rieseln eines Waldbaches zu enden scheint; dort aber erhebt sich wieder der blick die grüne Alpenmatte entlang, welche am andern Ende des Tales aufwärtssteigt. Auf dem frischen, üppigen Teppich weidet das Auge, bis sich die Sehkraft in jenen dunkeln Kranz von Fichten verliert, welcher den äussersten Horizont umsäumt. Ist das nicht viel für ein Land, wo die natur sich an gekochtem wasser erfrischen muss? Das Land ähnelt der Schwäbischen Alb. Auch sprechen die Leute mit schwäbischem Accent.
Wally hat für solche Bemerkungen keinen Sinn: ich