er müsse sich immer noch eine Hintertür offenlassen, um nicht für einen Fant zu gelten. Auch ist dieser Mann so sehr in die Klassizität verrannt, dass er alle Tugenden und Untugenden des Altertums aufzählt, aber ein wichtiges, modernes Laster ganz mit Stillschweigen übergeht, ein Laster, wofür die Alten gar keinen Ausdruck hatten. Rumohr konnte davon nicht sprechen, weil er selbst darin ganz verstrickt ist. Dies ist die Langeweile. Aber was Rumohr? Es gibt eine weit tiefere Höflichkeitsteorie, welche auf ästetischen und moralischen Prinzipien zu gleicher Zeit beruht. Soll ich ihren Grundsatz nennen? Lassen Sie aus einem christlichen Gebote nur einen Buchstaben weg. Raten Sie!"
Wally wurde rot: nicht des Rätsels wegen, sondern des christentum.
Cäsar ergänzte sich selbst und sagte: "Lebe deinen nächsten wie dich selbst! Sei Egoist, ohne deinen Nachbar zu verwunden! Wenn ich mich in die innersten Falten Ihrer Seele (Falten! Ihre junge Seele! Aber die Seele ist immer alt, der teil der jahrtausendjährigen Urseele und Weltseele, der in uns wohnt), wenn ich mich in sie versetze, so bin ich gewiss, immer die Wirkungen zu veranlassen, die ich eine Minute vorher schon bestimmen kann. Sie hören mich nicht mehr. Es ist wahr, ich habe zu laut gesprochen."
Der gute Cäsar mit seinen langweiligen Teorien! Er mochte wunder glauben, wie zart er die Fibern des menschlichen Herzens anatomiere; und hatte schon längst seine Widersacherin innerlichst verletzt. Er wusste dies nicht und schämte sich, so teoretisch debattiert zu haben. Um die Sache war es ihm gar nicht zu tun. Er hatte überhaupt nur zwei Steckenpferde, auf denen er sich heissreiten konnte, die Verachtung der Musik und die Strenge der Erziehung. Diese beiden fragen interessierten ihn, weil sie das Nächste berührten, das Zimmer des Nachbars gleichsam, weil die Musik sich gern in der Gesellschaft breitmacht und über Erziehung so viel Empfindsames gefaselt wird. Er pointierte die Verachtung der Musik, um die jungen Damen (welche, wenn man von ihnen Gedanken verlangt, mit Musik antworten) ihre Leere fühlen zu machen: in der Erziehung aber den Stock, um sich das Geschwätz über Kinder, das Präsentieren der lieben Kleinen, die Koketterie mit seiner Einzigen oder seinem jüngsten Balge vom leib zu halten. Auf alles übrige liess es Cäsar ankommen. Für Himmel, Hölle, Erde und was drin, drauf und drunter ist, nahm er nur Interesse, um sich zu unterhalten oder eine hübsche Wendung darüber zu haben.
Warum ist Cäsar kein Schriftsteller geworden? Er würde ein vortrefflicher Dialektiker sein, immer gute Gedanken haben und jedenfalls einen glänzenden Stil schreiben.
5
Wir sind noch in derselben Gesellschaft, wo über Herrn von Rumohr so abfällig geurteilt wurde. Wally ist nur hingebender und Cäsar erschöpfter geworden. Er war im zug, links und rechts seine zusammenhanglosen Einfälle auszustreuen und grade im Gegensatz zu seiner Höflichkeitsteorie alle Welt zu verwunden. Die Hauptunterhaltung hatte der lange blonde Mann an sich gerissen, welcher über das Unzeitgemässe politischer Garantien geschrieben hatte. Mit ihm korrespondierte ein Justizrat, welcher anonymer Verfechter von verschiedenen Lehrbüchern zur Kenntnis des Allgemeinen Landrechts war oder doch sein sollte. Beide zitierten sich wechselseitig als Autoritäten, der Junge den Alten der Carrière wegen: der Alte den Jungen, weil er wusste, dass der Nachruhm in den Händen derer liegt, die nach uns leben. Cäsar war auf der Folter: er ahnte, dass sie ausschweifen wollten, dass sie auf dem Wege waren, zur schönen Literatur überzugehen.
"Wirklich?" zitterte er für sich hinein. "Wahrlich! Ja, sie müssen – Oh –." Cäsar war aufgesprungen.
Er wollte fort. Wally fragte ihn, was er hätte?
Der Justizrat, Mitglied einer Liedertafel, das heisst eines Vereins, wo man über Tafel die schlechten Compositionen eines Zelter und anderer zu singen pflegte, rief: "Ist es nicht auffallend, dass auch nicht ein einziger aus der neuen Schule in Deutschland sich auf Musik versteht. Wie schön hat Tieck die italienische Musik in seinen Sonetten charakterisiert! Wie treffend drückt er in seinem Vorspiel zum 'Gestiefelten Kater' oder zur 'Verkehrten Welt', ich weiss nicht, das Wesen der verschiedenen Instrumente aus! Wie hat die ganze romantische Schule in der Musik gelebt!"
"Und Hoffmann", rief eine ältliche Dame, die ihrem Teint nach mit Napoleon verwandt sein konnte.
"Und Hoffmann!", fielen alle ein.
"Ja", rief der Justizrat, "Hoffmann, der mein Kollege war!"
Cäsar sagte ruhig: "Ich weiss nicht, worin der Zusammenhang der Literatur und der Instrumentation liegen sollte. Goete scheint mir auch ohne den Kontrapunkt verständlich zu sein."
Aber der Justizrat hatte das Wort: "Man hat noch immer gefunden, dass irgendeine Beschäftigung, welche dem Dichter sonst noch teuer und lieb war, recht hübsch das Wesen seiner eigenen Poesie ausdrückte. Ich rede von Homer und Ossian nicht, Männern, die mehr Musiker als Dichter waren; aber Goete arbeitete in Pappe, wenn ich nicht irre. Schiller war Compagnie-Chirurgus. Nun sehen Sie, das ist prosaisch genug; sagen Sie mir von allen neuen Autoren einen, der ein gutes Urteil über Musik hätte? Es ist Mangel einer gewissen Saite in der Seele, dass es ganz unmöglich ist, die Namen Menzel, Börne, Heine usw. mit irgendeiner musikalischen Verrichtung zusammenzubringen."
"Die Lärmtrommel!