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der Gegend von Kroppstädt und Treuenbrietzen, die ganz so aussieht wie der gesunde Menschenverstand, entwickelte. Tausende sagten sich von dem römischen Heidentume los, das mit der Seelen Seligkeit einen Aktienhandel durch ganz Europa etabliert hatte. Die Wittenberger Reformation war ein grosser Fortschritt der Menschheit, wenn es gross ist, wie Herr Toluck getan haben soll, in Rom von den antiken Götterstatuen zu sagen: Es sind schöne Götzen! Darum handelte es sich: die Menschheit von einem religiösen Mechanismus zu befreien, zu gleicher Zeit aber auch auf dreihundert Jahre die Kunst, die Literatur, die Schönheit aller vergangenen zeiten und die Schönheit der Ewigkeit zu derogieren. Das ist kein Unglück, wenn es von einem grossen Glücke ersetzt worden wäre. Für das Christentum geschah in der Reformation alles, für die Wahrheit und den gesunden Menschenverstand und die Naturreligion aber nichts.

An zwei Begriffen siechte gleich anfangs die Reformation: an einem, den sie nicht abschaffte, an der Kirche; und an einem, den sie neu erfand, am Evangelium.

Biblisches Christentum! Was heisst das? Ein Christentum erfinden, das sich gründete auf falscher Exegese, schlechten kritischen Hülfsmitteln, auf Interpolationen und frommen Betrügereien, auf einer ungestörten und sorglosen Verbindung des Alten und Neuen Testamentes, endlich aber auf jener heillosen Verwechselung zwischen dem Kanon als einer Richtschnur des christentum, statt dass der Kanon, wie wir zeigten, nur erste Erscheinung, die ganz prekäre und subjektiv überall beanstandete Erscheinung des christentum war. Der Protestantismus bekam seine symbolischen Bücher, welche die Lehrer beschwören mussten, seine Katechismen, den grossen und den kleinen, nach welchen die Unmündigen an einen Glauben geschmiedet wurden, dem sie schon als Säuglinge durch die Taufe willenlos sich hingeben mussten. Was muss ich glauben? Ich muss glauben, dass Gott die Welt erschaffen hatals wenn ein Gott, der sich in so endlichen Werken, wie die Erde ist, ausspricht, ein Gott, der zugibt, dass etwas ausser ihm ist, ohne er selbst zu sein, als wenn ein Gott, der Raum und Zeit erschaffen hat, um aus Laune irgendeinen kleinlichen Weltzweck zu erfüllen, um durch die Dauer zu tun, was ihm ja im Nu gelingen könnte, um unglückliche, von Zweifeln zerfleischte, halb tierische, halb menschliche Menschen auf einem gewissen Erdballe, in einem gewissen Deutschland, hier in dieser ganzen Misere herumkriechen zu lassen, als wenn ein solcher Gott jemals meinem philosophischen Bewusstsein entsprechen könnte! Aber was Philosophie? Wir reden nicht von Philosophie: ich vergass, dass wir über einige Ammenmärchen und poetische Grillen sprechen. Ich muss glauben, dass Christus sei ein eingeborner Sohn Gottes, von einer Jungfrau geboren, niedergefahren zur Hölle und wieder auferstandenNein, auch dies ist nicht der Kern des christentum. Was soll ich glauben? Dass Christus ist unser Mittler, dass er im Abendmahl persönlich assistiert als Fleisch und Blut im Brot und Weine, dass er uns rechtfertigt durch die Gnade, dass die Erbsünde, an die ich als Psycholog und Menschenkenner faktisch glaube, teologisch zu erklären sei, zum grossen Teile aber eine Dogmatik, welche auf jedes einzelne Glied im Körper des Rabbi Jesus gegründet ist. Der Katolizismus war sinnlicher Götzendienst mit polyteistischer Färbung. Der Protestantismus wurde mystischer Götzendienst mit einer Beschränkung auf einen Gott, der aber drei Hypostasen hatte. Wittenberg und der Sand waren Schuld, dass diese Lehre immer flacher, äusserlicher und zänkischer sich ausbildete. Aus dem Evangelium, der Bibelmanie und den symbolischen Büchern setzte sich zuletzt das knöcherne Skelett der Ortodoxie zusammen, eine Gestalt, die statt des Herzens einen ledernen Beutel, statt des Gehirns eine Anhäufung schwammartiger Stoffe zu tragen hat.

Das zweite Unglück des Protestantismus war die Beibehaltung des Begriffes der Kirche und die unterlassene Ausgleichung desselben mit dem Begriffe: Gemeine. Hier trat früh ein Schwanken ein, das auf der einen Seite das Extrem der englischen Hochkirche und auf der andern das quäkerische Extrem der allgemeinen Priesterschaft erzeugte. Das Lutertum an und für sich selbst nahm früh eine servile Richtung. Es stritt für das göttliche Recht der Fürsten ebensosehr, wie es seine eignen Satzungen in ein legitimes, unantastbares Gewand zu kleiden suchte. Tomas Müntzer schalt mit Recht auf Luter, den Papst von Wittenberg. Das Territorialsystem war die Folge der Schmeichelei. Die Kirche blieb etwas Ganzes, der Glaube wurde nicht an die stille kammer des Herzens als seinen Tempel verwiesen, sondern die Kirche repräsentierte wie ehemals. Die Geistlichen regieren untereinander. Sie scheinen eine Monarchie für sich zu bilden und ducken sich ausserdem unter der politischen Souveränität, so dass es noch heutiges Tages nicht entschieden ist, wie weit sich die kirchliche Autorität als Landeshoheit erstreckt, wie weit man wagen darf, Agenden zu verfassen und sie mit militärischer Gewalt, wie in den Schlesischen Dragonaden geschehen ist, in Wirksamkeit zu setzen. Hier ist alles vag, hoffärtig, augendienerisch, despotisch und erfüllt das Herz des Biedermannes mit den schmerzlichsten Gefühlen.

Die deistische Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts konnte deshalb dem Christentum keinen merklichen Abbruch tun, weil sie bald zu frivol, bald zu witzig war. Der unsittliche Reformator macht nirgends Glück. Der Witz ist einer so grossartigen Institution wie das Christentum gänzlich unangemessen. Die naive Einfachheit kindlicher und glaubensfreudiger Seelen pariert alle Nadelstiche Voltaires, eines Mannes, den man für einen Schneider halten möchte, so furchtsam und eitel war er. Das Christentum fordert andere Waffen heraus, überhaupt keine Waffen, die nur für den Krieg taugen, sondern solche, welche sich an einen Stiel stecken lassen, positiv