finden. Gewisse Kapitel gibt es in den dogmatischen Systemen unsrer Teologen, die sich besser für Grimms "Kindermärchen" oder "Tausend und eine Nacht" schicken würden. Dazu gehören die kriminalisch strafbaren Dogmen von der Offenbarung und Inspiration.
Je naiver die Völker sind, desto sinnlicher und äusserlicher ihre Begriffe vom Weltzwecke: je gebildeter jene, desto geheimnisreicher diese. Die Verwechselung endlicher und unendlicher Ursachen der Weltregierung lag nahe, und so kam es, dass das Altertum so viel Historisches in Mystisches, Mystisches wieder in Himmlisches verwandelte. Der Naturmensch versteht die Welt nur so weit, wie sein Auge reicht. Alles, was über den Sehkreis seiner sinnlichen Vorstellungen hinausliegt, scheint ihm die erklärende Veranlassung der Unerklärlichkeiten zu sein, die ihn in nächster Nähe umgeben. Daher die zahllosen Details im Glauben der alten Völker: daher die Übertreibungen der Phantasie, das Ungeheure in Zahlen und Formbildungen. Die alten Religionen sind so ausschweifend wie alles, was man, ich sage nicht, nicht kennt, sondern wie alles, das man noch nicht gesehen hat. In diesen Unförmlichkeiten Entstellungen alter Überlieferungen zu finden, einfache, aber tiefsinnige Keime einer urweltlichen Offenbarung oder auch nur eines heiligen, frommen und simpeln Zeitalters: das heisst, von einer kindischen Ansicht, die wir schon erwähnten, nur eine ernstafte Anwendung machen.
Das klassische Altertum hatte den schönsten Ausdruck für das religiöse Prinzip der alten Welt: Religion ist alles, was man entweder selbst nicht ist oder nicht kennt. Die Griechen, mit ihren östlichen Ahnen und deren architektonischen Vorstudien der vollendeten heidnischen idee, die Griechen setzten die Religion in die Kunst, sie setzten sie in das, was im Ungewissen immer das Gewisse ist, in das Mass aller Dinge, in den Menschen. Man konnte eine einseitige idee nicht schöner ausdrücken und konnte doch zu gleicher Zeit nicht tiefer sinken. Wenn die Menschheit nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist, so war sie jetzt da wieder angekommen, von wo sie ausging. Wir werden uns, solange die Erde kreist, in Zirkeln bewegen. Hier war ein Zirkel, dessen Anfang sich in sein Ende zurückbog.
Wäre das Heidentum ohne Kultus gewesen, warum hätte die Menschheit nicht an ihm Genüge finden sollen? Aber die Priester der Religionen pflegen immer diejenigen zu sein, welche ihre Religionen selbst untergraben. Könnten sich die Religionen von Gebräuchen, Äusserlichkeiten, von der Zudringlichkeit ihrer berufenen und verordneten Diener frei erhalten, so würden sie eine längere Dauer in Anspruch nehmen dürfen. Das Heidentum war Poesie und bildende Kunst, war Veredlung der Sinnlichkeit, war Gestaltung der rohen Materie; Julian, der Apostat, fühlte es wohl, dass die Götter Griechenlands einen Mann von Geschmack befriedigen konnten. Das Heidentum war tolerant. Es war die friedfertigste Religion von der Welt, solange sie nicht nötig hatte, um ihre Existenz zu kämpfen. Das Heidentum wurde blutig, verfolgungssüchtig, ich möchte sagen, christlich erst da, als ein sonderbarer Aberglauben zur Aufwiegelung der Völker gepredigt wurde, als sich gleissnerische Frömmler in die Gemächer der Fürstinnen schlichen und eine Gottesherrschaft, eine Religion, die nicht Friede, sondern das Schwert brachte, eine politische Revolution zu verbreiten suchten. Der Ursprung dieses Ereignisses kam aber auf folgendes zurück.
In Judäa, einem sehr barocken land, trat ein junger Mann namens Jesus auf, der durch eine bedenkliche Verwirrung seiner Ideen auf den Glauben kam, er sei schon seinen Vorfahren als Befreier der Nation, der er angehörte, verkündigt worden. Jesus war aus Nazaret gebürtig, unehelichen Ursprungs, Stiefsohn eines braven Zimmermanns namens Joseph. Jesus beschäftigte sich viel mit den Schriften der jüdischen Literatur, reiste, unterrichtete sich und strebte mit edler Selbstüberwindung nach einer stoischen Sittenreinheit. Jesus fühlte, dass eine Mission an sein Herz pochte. Es war ihm, als müsste er einen Auftrag erfüllen, über den er zeit seines Lebens nicht im klaren war. Er adoptierte den Glauben an einen verheissenen König, der seine eitle Nation zur Herrscherin der Welt machen würde: er erschrak aber selbst vor dieser übermütigen Verheissung, welche einer wahren idee Gottes gänzlich unwürdig war. Jesus wusste selbst da noch nicht, wohinaus, als er die ersten unbesonnenen Schritte getan, als er seinen Freund Johannes auf Kundschaft und Prüfung der Menge vorausgesandt hatte; er wurde Rabbi, ein erlaubter Volkslehrer, er nahm Schüler zu sich, er predigte Busse und gottseligen Wandel, predigte das reine, das Urjudentum des Moses, er nannte sich Messias und stritt nirgends gegen die falsche Auslegung seiner Absicht, nirgends gegen die Begriffe, welche man in Judäa mit dem Messias verband. Nicht einmal des römischen Joches erwähnte Jesus; er scheint gefühlt zu haben, dass der Messias nur eine teologische Bedeutung haben könne, und richtete doch seine Invektiven gegen die politische Verfassung in Jerusalem, gegen den hohen Rat und gegen Priester, die er einer zu ihrem Frommen falschen Auslegung der alten Bücher bezüchtigte. Inzwischen mehrte sich die Unruhe, Jesus zog mit Tausenden durch das Land, hielt einen gewaltsamen Einzug in Jerusalem, vergriff sich tätlich an dem Tempel, dem Nationalheiligtume der Juden, und fiel als ein Opfer seiner falschen Berechnung und innerlichen Unklarheit. Er hatte dem trägen volk Energie zugetraut: es verliess ihn wie Tomas Müntzern, als er keine Wunder tun konnte, wie zahllose Revolutionäre alter und neuer Zeit, da sie die hülfe nicht brachten, die sie versprachen. Jesus wurde gekreuzigt. "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" rief er und starb. Jesus war nicht der grösste, aber