1835_Gutzkow_029_35.txt

Bei jedem Spaziergange richt' ich den blick gegen Himmel und forsche in dem blauen Meere nach den versunkenen Sternen, die die Nacht erst sichtbar macht. Ich fühle, wie die Erde unter meinen Füssen kreist und ich gleichsam nur auf ihr stationiert bin, sonst aber dem Allgemeinen angehöre. Wie vielen Stolz das gibt! Ich habe jetzt einen Begriff von der Ruhe des Weisen. Ihn kann nichts erschüttern, denn er hört die Planeten rauschen und fühlt sich als Glied einer grossen Wesenkette. Oh, vielleicht ist noch hülfe für mich! Ich fange an, mir die Möglichkeit einer zufriedenen Stimmung zu denken. Jetzt weiss ich, wie in Indien die Bonzen ihre Büssungen möglich machen. Die Abstraktion hebt ihren Stolz; aber sie würden es nicht aushalten können, wenn nicht die Erde für sie gleichsam verschwände und sie nichts übrigbehielten als den gestirnten Himmel und das Gefühl der grossen Wesenkette. Ich müsste in die Einsamkeit ziehen. Wenn mich nur eines nicht verfolgte! Nämlich die natur und das Grün. Das Siderische und Tellurische im Menschen bekämpfen sich, und wer poetische Stimmungen hat, wird immer der Erde unterliegen. Das Meer, Gebirge und Ströme wirken noch immer siderisch auf uns; denn sie sind das Rückgrat und die grossen Zellgewebe der Erde und veranschaulichen die Kugel. Aber das Peinigende ist die stille Nachbarschaft der Blume, die Bescheidenheit der Idylle, die kleine Existenz mit ihren Kornährenkränzen und Abendglocken und alles, was so nahe zu unserm Herzen spricht, die Offenbarung Gottes, die wir flüstern zu hören glauben, diese grosse Tatsache, die entweder Täuschung oder Wahrheit und in beiden Fällen unentüllbar ist. Das Irdische fasst uns wie im Strudel und reisst uns hinunter in den bodenlosen Abgrund, von wo keine Wiederkunft. Ich las nun alles, was ich schrieb, und zittre, dass ich kaum geschrieben habe, was ich wollte. Eines ist auch ganz unmöglich, geschrieben zu werden: die Verzweiflung und das Grässliche. Nämlich jene grausamen, blutsaugenden Träume, die mich wachendes Auges überfallen und mich hinausstossen in eine hohnlachende, von grässlichen, unnennbaren Dingen drapierte Welt. Wie combinier' ich! Was für Dinge kommen mir vor die Augen! Ich zittre, während mein Puls ganz richtig und medizinisch schlägt. Muss ich sterben, was verbrach ich, dass mir Raben erscheinen müssen? Ich sehe eine schwarze Halle und einen weiten Sarg. Ein Rumpf fällt von der Decke, wo eine Öffnung, hinunter in den Sarg, und den nachstürzenden Kopf greift unser Arzt auf. Oben muss das Schafott sein. Der Mann drückt das blutige Haupt stürmisch auf den rauchenden Körper, passt Fuge auf Fuge, Ader auf Ader und legt einen Silberreifen um die gierig zusammenklaffenden Fleischränder beider Teile. Er dreht sich um, und Leben, galvanisches Leben regt sich in dem Körper, und der Leichnam erhebt sich, ein blasser, schöner Jüngling, und schleicht zur Pforte hinaus. Dort, dorteine grüne Flurein Mädchen, das Rosen bricht und im Schatten der Allee ausruht. Ein bleiches, gespenstisches Bild schleicht zu ihr heran, spricht nicht, sondern lächelt. Sie umarmt ihn, sie scherzt, sie lacht; er hat auf sich warten lassen, er sei untreu, er gehe zu Doris, er gehe zu Galatee, du Lieber! Und sie küsst seinen blassen Mund. – "Oh", röchelt er, "drücke nicht!" Doch sie hört nicht, sie drückt, der Reifen springtHerr Jesus, was geht mit mir vor! – Hier brach Wallys Tagebuch auf längre Zeit ab. Sie bekam inzwischen das ihr von Cäsar versprochene Glaubensbekenntnis. Es war in das Tagebuch eingeheftet und lautete folgendermassen.

Geständnisse über Religion und Christentum

Ich will über den Glauben der Völker sprechen. Aus dem melancholischen Schweigen des Heidelberger Schlosses hol' ich mir abendlich die Geheimnisse jener frommen Naturreligion, für die ich glühe. Alles Historische aber, was ich zu fixieren habe, knüpf' ich an jene kleine Herberge jenseits des Neckar an, wo Luter auf der Reise nach Worms sein Frühstück zu berichtigen vergessen haben soll, ein Frühstück, das der Protestantismus dem Katolizismus so teuer hat bezahlen müssen.

Religion ist Verzweiflung am Weltzweck. Wüsste die Menschheit, wohin ihre Leiden und Freuden tendieren, wüsste sie ein sichtbares Ziel ihrer Anstrengungen, einen Erklärungsgrund für dies wirre Durcheinander der Interessen, für die Tapezierung des Firmaments, für die wechselnde natur, für Frost, Hitze, Regen, Hagel, Blitz und Donner, sie würde an keinen Gott glauben. In progressiver Entwicklung folgt hieraus dreierlei: der natürliche Ursprung der Religion, die Accomodation der göttlichen Begriffe an den jedesmaligen Bildungsgrad und zuletzt die Unmöglichkeit historischer Religionen bei steigender Aufklärung.

Dem Begriffe Offenbarung lässt sich vielleicht eine philosophische Unterlage geben, panteistischer Art; aber im herkömmlichen teologischen Sinne ist die Offenbarung eine Verfälschung der natur und der geschichte. Eine saubre Insinuation, sich Gott als Priester zu denken, der im schwarzen Talare zu dem ersten Menschenpaar hinzugetreten wäre und ihm Unterricht gegeben hätte in glaublichen und unglaublichen Dingen! Sie machen aus Gott einen Souverän, einen Patriarchen, einen Geistlichen. Sie lassen Gott in sehr unvollkommnen Sprachen reden, zu zeiten, wo es an stilistischer Vollkommenheit noch überall fehlte. Niemand war in diesen antropomorphistischen Konsequenzen einer supernaturellen Offenbarung kecker als die Apostel Jesu; denn: alle Schrift von Gott eingegeben heisst: in der Lehre von der Inspiration Gott zum Mitschuldigen aller der Solöcismen und inkorrekten Konstruktionen machen, welche sich im griechischen Texte des Neuen Testamentes