Priesterin mit Weissagung in ihr zu finden und wird doch von ihr nur angeregt oder vielmehr nur herausgerissen aus dem alten Kreise seiner Vorstellungen. Es ist furchterregend, eine Frau die Gegenstände so dämonisch-linkisch anfassen zu sehen. Will sie es nur anders machen als die andern? Oder wurde ihr diese Originalität angeboren? Sie gibt nirgends nach, sie ist rastlos in ihren Bestrebungen, die verschiedenen Seiten der Wahrheit zu entdecken, und konnte nicht anders enden als entweder in einem Wahnsinn, der sich mit der Bewegung im Tretrade vergleichen lässt, oder als Anhängerin des Pietismus. Man ist in keiner Situation übertäubter als beim Untertauchen. Pietismus aber ist die Fähigkeit, leben zu können, selbst wenn man wasser im Ohre hat. Dieser ruhige, verständige Ton, in welchem ich mich oft tagelang erhalten kann, wird mir oft so unheimlich, dass ich vor mir selbst erschrecke. Sollte es Menschen geben können, die wie Vernünftige sprechen und doch wahnsinnig sind? Cäsar erzählte mir einst eine geschichte, die er wahrscheinlich wie vieles dergleichen nur seiner Einbildungskraft verdankt. Sie passt auf meinen Zustand. Kann ich sie noch?
Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr und über das matte Flackern der Lampe erschrak, die er zu löschen vergessen hatte. Eine Zeitlang sass er mit halbaufgerichtetem Körper – –
Wörtlich seine Worte wiederzugeben ist schwer. Ich suche in meinen Papieren, vielleicht find' ich die geschichte, die er mir einst, von seiner eigenen Hand geschrieben, schenkte. Hier ist sie: Es war um die zwölfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr. Noch flackerte die Lampe, welche er zu löschen vergessen hatte, und zog, wie sie grösser oder schwächer wurde, wolkige Kreise an den Wänden seines Zimmers. Eine Zeitlang sass er mit halbaufgerichtetem Körper im Bette und verfolgte dies gespenstische Spiel an den stummen Wänden. Er suchte nach einem Gegenstand für dies Bild: er musste an die Welt denken, welche draussen schlummerte, und dachte zuerst an Julien.
"Meine Julie!" sprach er still vor sich hin und erhob sich dann etwas feierlich und mechanisch von seinem Bette. Er hörte die Uhr picken, die auf dem Tische vor dem Spiegel stand. Er sah sich selbst im Spiegel mit bleichen, geisterhaften Zügen und mit Augen, welche wie geschlossen schienen. Dann sass er auf dem Sessel vorm Bett und hatte sich, ohne es zu wollen, angekleidet.
"Ich werde vor Juliens Fenster gehen und den Vorhang wegheben!" flüsterte er vor sich hin, aber nur wie zum Scherz, denn Julie wohnte im dritten Stock. Doch ging er.
Die Strassen waren still und öde. Man sieht auf ihnen niemand, auch Alfreden nicht. Wo geht er nur? Aber es ist dunkel, der Mond liegt hinter Wolken, man kann Alfred nicht sehen. Alfred stand vor dem haus Juliens, ja, er hätte schwören mögen, dass er vor ihrem Fenster stand, das im dritten Stocke lag.
"Es ist nicht möglich", flüsterten seine Gedanken; "sie wohnt im dritten Stock; obschon ein kleines Vordach vor dem Fenster liegt, das Moos und Hauslauf anzusetzen pflegt. Die arme Julie! Ich werde fleissiger sein, sie muss künftig im zweiten Stock wohnen!"
Jetzt war es Alfred, als drückte er an dem Fenster; aber es widerstand. Es war ihm, als klopfte er; aber hinter dem weissen Rouleau brach sich der Schall. Er musste lächeln über seine lebhafte Einbildungskraft.
"Wie!" dachte er, "wenn du ins Haus trittst, die zwei Stiegen hinaufschleichst und an ihre Kammertür pochtest."
Aber dann musste er durch des Nachbars Haus, das ihm offenzustehen schien, musste über den Gartenund Hofzaun klettern und von dort einzudringen suchen.
Und das alles gelang vortrefflich. Er stand jetzt gleichsam höher als Juliens wohnung war, was er sich nicht erklären konnte. Da blendete ihn ein Lichtstrahl; ein schnurrender laut liess sich hören. Julie hatte das Rouleau aufgezogen, sie stand im Nachtäubchen und mit blossen Schultern am Fenster, das sie öffnete.
Alfred war nun dicht vor ihr. "Was ist ihr nur?" dachte er; "sie erschrickt, sie öffnet den Mund, als wollte sie um hülfe rufen; was zitterst du, mich zu erkennen, Julie?"
"Alfred!" schrie es durch die stille Nachtluft. Alfred aber lag unten mit zerschmettertem Körper auf dem Pflaster der Strasse. Alfred war ein Nachtwandler. Julie glaubte nichts gesehen zu haben, als Alfred tot war. Sie legte sich wieder in ihr weisses, weiches Bett und träumte von ihm. Am Morgen erfuhr sie alles. Sie lebt noch, aber kümmerlich; die Tränen zehren sie auf. Cäsar hat noch immer nicht geschrieben; doch wird sein Brief desto ausführlicher sein. Einstweilen hab' ich etwas Beruhigung erhalten durch eine Maxime, die empfehlenswert ist. Das luftige Traumbild des Somnambulismus hat mich gestern darauf gebracht. Nämlich, man nehme einen recht hohen Standpunkt, einen kosmischen oder planetarischen, wie ich ihn nennen möchte. Man tue und lasse nichts, ohne sich im Zusammenhang der Weltordnung zu fühlen. Ich denke, wo ich gehe und stehe, an die Beziehungen der übrigen Himmelskörper zur Erde und abstrahiere von allem, was über diesem kleinen Erdball geschieht, auf das Universum, das niemand leugnen kann. Und nicht bloss im allgemeinen, sondern ganz im Detail, wie man isst und schläft.