sehr glänzenden Verhältnissen erzogen. Das Judentum in seinem Schmutz, mit seinen Zeremonien und Priestern nahte sich ihr niemals. Sie findet keine Reue darin, irgendeines der jüdischen Gebote zu übertreten, von welchen sie den grössten teil gar nicht kannte. Wie originell ist doch ein Mädchen, das den ganzen Bildungsgang christlicher Ideen nicht durchmachte und doch auf einer Stufe steht, welche ganz Gefühl ist, und das so viel Liebenswürdigkeit entwickelt! Delphine kann von der Religion nur wenige Nachrichten haben, einen weiblichen Gottesdienst gibt es in ihrem Glauben nicht, eine häusliche Verehrung kommt in Form von Zeremonien, Gesang oder sonst einer Weise nicht vor, die Konfirmation ist unter uns den Juden nicht erlaubt – wie auffallend ist dies alles, und doch hat man es dicht neben sich!
Glücklich ist Delphine zu nennen, denn niemals wird ihr die Religion irgendeine Ängstlichkeit verursachen. Ein gewisses unbestimmtes Dämmern des Gefühls muss für sie schon hinreichend sein, die Nähe des himmels zu spüren. Sie braucht jene Stufenleiter von positiven Lehren und historischen Tatsachen nicht, die die Christin erst erklimmen muss, um eine Einsicht in das Wesen der Religion zu bekommen. Wir sind weit schwieriger in diesem Betracht gestellt und sollten im grund, wenn die Religion die Tugend befördert, weit weniger tugendhaft als die Juden sein; denn unsere Religion ist ein so hoher Münster, dass man ihn zwar ersteigen, aber nicht zu jedem Sims, zu jedem Vorsprunge, zu jedem Seitenturme gelangen kann. Eins aber bemerk' ich, was charakteristisch ist. Niemals könnt' ich als Christin über meine Religion zu Delphinen sprechen und sie eine Verzweiflung über meinen Glauben blicken lassen. Es ist dies eine Scham und ein Stolz, welcher unvertilgbar in uns niedergelegt ist und die uns nicht verlassen würde, selbst wenn vom Christentum alles in uns morsch geworden ist.
Für christliche Männer, welche widerspenstig gegen den Katechismus sind, muss die Liebe einer Jüdin von besonderm Reize sein. Sie nehmen hier weder Bigottismus noch eine Zerrissenheit wie die meinige in den Kauf, sondern weiden sich an der reinen, ungetrübten, natürlichen Weiblichkeit, an einem sinnlichen Schmelz der Liebe, welcher die der Christinnen bei weitem übertreffen soll. Bei einer Jüdin reduziert sich alles einseitig auf ihre Liebe, Rücksichten tauchen nirgends auf: ihre Liebe ist ganz pflanzenartiger natur, orientalisch, wie eingeschlossen in das Treibhaus eines Harems, der alles erlaubt, jedes Spiel, jede weibliche (aber wollüstig-ergreifende) Gedankenlosigkeit, alles, alles: darum schwillt Delphine von Liebe. Das Segel ihres Herzens ist niemals schlaff, sondern immer aufgebläht, rund und voll, immer auf rauschender Fahrt.
Cäsar entdeckt, glaube' ich, in der Liebe zu Jüdinnen noch einen andern Reiz. Er hat eine ganz heillose Ansicht von der Ehe und will die letztere durchaus nicht als ein Institut der Kirche gelten lassen. Das Sakrament der Ehe ist nach seiner Teorie die Liebe, nicht des Priesters Segen. Wie glücklich würde Cäsar sein, wenn er je heiratete, es ohne kirchliche Zeremonie tun zu dürfen!
Eine Ehe zwischen einer Jüdin und einem Christen kann zwar nicht bei uns, aber in andern Ländern geschlossen werden; natürlich ist dies eine Ehe ohne den christlichen oder jüdischen Priester; es ist eine rein zivile Ehe vor den Gerichten, ein Akt der geselligen Übereinkunft. Ich glaube fast, Cäsar könnte deshalb seine Neigung zu Delphinen ins Äusserste treiben. Schon bemerk' ich, wie eifrig er sie sucht. Wie leichtsinnig bin ich gestern über die Abgründe meines Denkens hingewandelt! Ohne weiteres konnte' ich mich damit beruhigen, diese Zweifel an meinem Glauben hinzunehmen als etwas, das ich mir längst selbst gestanden habe, und doch weiss ich aus meinem frühern Leben, wie unglücklich ich war, dass ich über diese Dinge nichts zu denken wagte. Oh, wie mächtig ist der Liebe Zauber! Ein männliches Herz, das uns liebt, ist der Wächter aller unsrer Gedanken und muss die stille Verantwortung dessen tragen, was in der Seele des Weibes Sünde und Empörung ist. Wie sicher fühl' ich mich, selbst im Entsetzlichsten, wenn ich nur die warme Hand meines Freundes drücken darf! Er nimmt alles auf sich: er ist heiter und lächelt und fürchtet nichts. Wenn ich jetzt schon nicht ohne Zagen sehe, wie Cäsar sich Delphinen immer mehr nähert, wenn ich mir die grausame wirkung denke, die ein Verhältnis zwischen beiden in mir Unglückseligen hervorbrächte: was muss dann kommen, wenn ich die Trümmer sehe, welche sich in meiner Seele aufgehäuft haben! Die Unruhe, über die Religion eine Ansicht zu haben, peinigt mich mehr als sonst. Sie hat eine solche, jetzt zur Not gedämmte Gewalt über mich, dass ich glauben muss, die Wegnahme dieses Dammes der Liebe bringt eine Überflutung in mir hervor, welche selbst den Schmerz über Cäsars Verlust mit fortschwemmt. Ich lebe und sterbe mit Cäsar. Leben kann ich nur mit Cäsars Liebe. Sterben muss ich, nicht weil Cäsar imstande war, eine andre mir, ein Mädchen einer Frau (ob er es wohl weiss, eine Unberührte einer Unberührten) vorzuziehen, sondern weil dann alles in mir zusammensinkt. Gott, ich glaube, fast brauch' ich Cäsar nur, um mich zu beschäftigen und meinen Gedanken eine unschädliche Richtung zu geben. Er kommt. Nur die Erkenntnis ist das Schwere. Das Dasein Gottes selbst bezweifeln hiesse den gegenwärtigen Zustand meines inneren fortleugnen. würde' ich diese Mühe haben, wenn es nicht in Wahrheit einen Gott gäbe! Das Resultat des