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von den fünf Ringen, einige von ihnen leicht verwundet.

Wally erschrak, als sie von dem Vorfalle hörte. Cäsar war am arme blessiert. Aber schon die Nachricht, dass keine Gefahr vorhanden sei, richtete sie auf; und wie in der menschlichen Seele Schmerz und Freude sich ergänzen und das Linderungsmittel des einen Übels auch alle übrigen Sorgen heilt, die mit ihm in keiner Verbindung standen, so wandte sie sich teilnehmend dem gespräche zu. Es war fade, wie immer; aber verzeihlich der Tageszeit wegen. Man soll vor Tische von keinem Menschen verlangen, dass er geistreich sei.

Wally konnte lachen und lachte übermässig.

4

Beide sahen sich eine Woche später. Wally hatte nicht das Herz, von dem Vorfalle zu sprechen. Aber es währte nicht lange, so sprachen sie über den Mut.

Sie wollte wissen, ob der Mutige die Gefahr absichtlich verkleinere oder geringer achte, ob der Mut noch während der Gefahr daure oder nur das Vorspiel der Gefahr sei. Cäsar sagte, er habe nie über den Mut nachgedacht, besässe ihn auch nicht hinreichend dafür. Wally brannte der Vorfall auf den Lippen; aber sie hielt an sich und lächelte bloss.

"Ich glaube", sagte Cäsar, "dass es Menschen gibt, deren Mut darin besteht, dass sie die Gefahr gar nicht sehen. Das sind diejenigen, welche als die vorzugsweise Mutigen überall gefürchtet werden: auf den Universitäten jene unverschämten Knaben, die gegen jedermann die Hand in die Seite stemmen und von Verachtung und Malice übersprudeln; unterm Militär diejenigen, welche ihren Säbel gern so hängen, dass sie ihn hinter sich klirren hören. Man kann aber sagen, dass wenn diese Menschen Einbildungskraft genug hätten, die Gefahr zu sehen, sie die verzagtesten sein würden. Der Besonnene ist von natur niemals mutig. Er folgt nur den Rücksichten und ist unerschrocken, weil die Sache einmal nicht zu ändern ist."

Wally fand diese Äusserungen durchaus nicht so liebenswürdig, wie sie gewohnt war, dergleichen von ihren männlichen Umgebungen zu hören. Es war in ihrem innerlichen Urteile etwas, was einen guten Schein hatte. Sie vermisste an Cäsar den Reiz der Natürlichkeit. Seine Reflexion zog an, befriedigte aber das Temperament nicht. Nichtsdestoweniger traf sie sehr gut die Gedankenreihe Cäsars, indem sie fortfuhr: "Ich glaube fast. Sie halten die Tugend für eine Berechnung?"

"Die Tugend nicht", entgegnete Cäsar; "aber alles, was man gern für Instinkt anzusehen gewohnt ist. Unsre Handlungen sollen berechnet sein, unsre Empfindungen sind es. Ich erinnere Sie nur an das Unbequeme mancher Empfindung, mit der wir gern kokettieren, die uns aber in gewissen zeiten recht zur Unzeit kommt."

"Sie sind ohne natur", sagte Wally.

"Ich bin ohne Verstellung", fiel Cäsar ein.

"Ohne Verstellung? Jeder Satz in Ihren Teorien scheint von Ihren zufälligen Zwecken abhängig zu sein."

Cäsar musste lächeln; er hatte etwas gesagt, was er nicht meinte.

"Glauben Sie", fragte er, "dass es in der Liebe eine Höflichkeit gibt?"

"Das verstehe' ich nicht."

Cäsar blickte finster und wollte abbrechen.

"Was ist Ihnen?" fragte Wally.

"Ich denke, Sie vermeiden, über einen Zustand zu sprechen, den Sie vielleicht nicht zu kennen vorgeben."

"Halten Sie mich für eine Närrin?" fragte Wally, erst bös, dann aber hellte sich ihr Antlitz zu einer Liebenswürdigkeit auf, die Cäsarn fast einen Augenblick zu verwirren schien.

"Nehmen Sie nur an", sagte er, "wie unzeitig und unbequem man werden kann, wenn man seinen Leidenschaften immer den natürlichen Raum lässt. Ich verspreche zum Beispiel einer Dame, sie einen Tag um den andern zu besuchen. Was heisst das? Sie ist einen Tag um den andern in der Spannung, wo sie glaubt, beglücken zu können. Ihre Gedankenreihen werden immer einen Tag überschlagen, einen Tag, wo sie nicht untreu, aber ohne Rapport und Illusion ist. Man kann nicht unhöflicher sein als an diesem Tage, der überschlagen werden sollte, der für die Liebe gar nicht da ist, seine Braut zu überraschen."

Wally lachte laut auf. Jetzt hielt sie Cäsarn für einen Narren und fragte ihn, welche Frau ihm diese Geständnisse gemacht habe.

Cäsar war kein Pedant, er lachte mit, fuhr aber fort: "Ich versichre Sie, es ist nichts abscheulicher als das Ungeschickte und Unbequeme. Der Instinkt mag hier manche üble Empfindung hintertreiben; aber sicher geht allein die Combination der Psychologie. Ich möchte um alles in der Welt zu einer gewissen Zeit, unter gewissen Umständen von der Freundschaft kein Opfer, von der Liebe keine Zärtlichkeit verlangen. Mit unsrer rohen Natürlichkeit sind wir immer gewohnt zu übertreiben; in nichts sind wir aber übertriebener als in unsern Forderungen. Ist es erhört, was der Entusiasmus nicht alles in den gefühlvollen Beziehungen der Geschlechter oder in der Freundschaft zu entdecken glaubte! Wer kann das alles leisten! Wer kann so unhöflich sein, alle diese Leistungen in Anspruch nehmen? Sagen Sie!"

"Ich habe vergessen, Rumohr zu lesen", antwortete Wally.

"Rumohr!" sprach Cäsar; "Rumohr hatte vielleicht Anstand, aber nicht Geist und Mut genug, eine 'Schule der Höflichkeit' zu schreiben. Rumohr glaubt an seine Vorschriften und scheut sich doch, die meisten davon anders als in einem gewissen Helldunkel zu geben. Rumohr glaubte,