1835_Gutzkow_029_25.txt

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"Du bist sehr boshaft, Bruder!" sagte Jeronimo, den ein Vernunftfunke durchleuchtete. "Wenn ich mich vernachlässige, so bist du schuld daran, meine Liebe wahrlich nicht, welche nur dazu dient, das Unglückliche meiner Lage mich weniger herb fühlen zu lassen. Wer spiegelt mir die Ungeheuern Verluste vor, die mein Vermögen soll erlitten haben?"

"Ungerechte Beschuldigung!"

"O sieh, Luigi! ich blicke tief in dein Inneres. Dein Geiz ist die Triebfeder deiner Schlechtigkeit. Du hast dir immer das Ansehen gegeben, mein Beschützer zu sein, und wahrlich, du machtest dich vortrefflich dafür bezahlt. Ich würde wahrhaftig keine deiner ehrlosen Intriguen zugeben, Mann, wenn ich mir Besonnenheit und Festigkeit des Willens in meiner jetzigen Lage erhalten hätte."

"So ungerecht sprichst du zu einem Bruder, der für dich sorgt, Jeronimo? Der niemals in dieses verfluchte Schmutznest tritt, ohne von den Geldrollen in seiner tasche einen schweren Tritt zu haben. Wann komm' ich leer? Ich biete dir alles an: ich beschwöre dich anzunehmen. Auch jetzt: siehe! nimm! aber wache über deine Ausdrücke, die mein Herz verwunden und der Welt Veranlassung zu einem falschen Urteil geben können."

"Oh, damit schläferst du dein Gewissen ein, mit diesen Geldrollen, welche hier liegen und von mir nicht geachtet werden, weil ich keine Bedürfnisse mehr habe! Man hat gut von Reichtümern zu einem mann reden, der das Gelübde der Armut ablegte. Was fürchtest du wohl mehr, Prahler, als meine erwachende Lebenslust? Sie kann niemals kommen, Glücklicher! Du siehst mich dem tod entgegenreisen und hoffest, bald der sorge um einen Menschen entoben zu sein, von dem ich selbst gestehe, dass er für menschliche Berührungen und das im Dasein Gewöhnliche kein Kettenglied mehr ist. Du aber warst es, der mich um Wally betrogen hat."

"Lenk' ich die Neigungen dieser schwer zu zügelnden Frau?"

"O Mensch, Bruder, du warst auch als Gatte schlecht genug, mir Hoffnungen zu machen."

"Verächtlicher!" rief Luigi und sprang vom Sitze auf.

"Oh, setze sie vor dein kahlgewaschenes Antlitz, die Maske der Entrüstung! Dein Weib musste der Blitzableiter meiner gewitterdrohenden Neigungen und der Hagelwetter werden, welche mein Vermögen ruinieren konnten. Dein Geiz sah alles vorher. Ein teuflisches Spiel hast du mit mir getrieben. Zu den Beleidigungen fügtest du noch meine Entnervung, meine Unfähigkeit, mich für sie zu rächen, hinzu!"

Und das sagte Jeronimo mit Recht. Denn wie richtig er auch das Benehmen seines Bruders, diese Manier, ihn zu beobachten und in der Hand zu haben, durchschaute, so war er doch in seiner Willenskraft wie gelähmt. Eine unerwiderte Neigung hatte ihn zu Boden geworfen. Er war keines Entschlusses fähig, wenn sein Bruder so schlecht handelte, ihm wieder eine neue Hoffnung zu machen. So lächelte Luigi auch hier, nahm die Geldrollen und liess, indem er sie einsteckte, wie zufällig die Schleife eines blauen Damenkleides aus ihr herausfallen. Jeronimo fing sie auf und presste sie an seine Lippen. Sie war von Wally, ein Raub in derselben Art, wie ihn ihr Gatte oft mit verstellten Zärtlichkeiten beging. Während Jeronimo im Entzücken dieses Besitzes schwelgte, fand Luigi Musse, sich ohne Geräusch zu entfernen.

Als er dicht bei seinem Hotel war, öffnete sich die Tür desselben, und einer seiner Bedienten trat heraus, ohne ihn zu bemerken. Ein junger Mann sprang auf den flüchtigen Burschen zu, hielt ihn an und fragte ihn dringend, indem er etwas durch Geld belohnte, was noch kommen sollte: "Ist die Gräfin zu haus?"

"Ich glaube nicht."

"Sei aufrichtig: ich muss es wissen!"

"Sie ist bei der Vicomtesse von Hericourt."

"Dort kann ich sie nicht sprechen. Sie war krank?"

"Wer? Die Gräfin? Freilich; sie ist vor einer Woche vom hitzigen Fieber genesen."

"Gerechter Gott! Wie lebt sie denn im haus? Hat sie viel Vergnügungen?"

"Sie wissen wohl, hierin lässt sie sich nichts entgehen. Sie glauben, Herr Baron, ich kenne Sie nicht? Wie oft waren Sie bei der Gräfin, als ich noch mit ihr Manêge ritt."

"Du kennst mich? Sage ihr nicht, dass du mich gesehen hast: morgen aber hilfst du mir, sie ohne Zeremoniell und weitläufige Anmeldung sprechen zu können!"

Der Gesandte sah dem forteilenden Fremden nach. Er erkannte ihn als einen Deutschen, dem er früher begegnet sein musste. Der Bediente gab ihm den Namen an; doch hatte er nie gewusst, dass dieser mit Wally in einer Verbindung gestanden hätte. Er trat in sein Hotel.

9

Am folgenden Morgen, als Wally sich noch in den ersten Umrissen ihrer Toilette befand und im neusten Hefte der "Revue de Paris" blätterte, wo sie durch die Schwärmereien eines französischen Gelehrten über deutsche Zustände, die er aber falsch verstanden hatte, sehr belustigt wurde, riss eine unangemeldete Hand die Tür ihres Zimmers auf und stürzte mit einem freudigen Grusse zu Wallys Füssen.

Sie war bleich vor Schrecken, als sie es dulden musste, dass Cäsar sie stürmisch in seine arme schloss und ihre Hand mit seinen Küssen bedeckte. "Meine Wally!" war der einzige Ausruf, der über seine bewegten Lippen dringen konnte. Wally zitterte vor Schrecken und Freude. Auch sie