, den sie an ihn geschrieben hatte. Welches Vertrauen, welche Harmlosigkeit! Wie treue, kindische Worte! Wie alles so selig, so unbewusst verbrecherisch, so süss in etwas, was zuletzt immer eine Übertretung ihrer Pflicht war! Sie hatte ihm alles gegeben! Sie weinte; ihre Gedanken schwammen fort auf ihren nassen Augen, ihr Bewusstsein sank hin in eine allgemeine Erschöpfung, in eine Ohnmacht, die von einem hitzigen Fieber abgelöst wurde. Sie sollte erst nach langer Zeit von diesem Schmerze erwachen.
7
drei Wochen hindurch war der Wächter: Bewusstsein vom Tore der Vernunft verschwunden. Die Gedanken Wallys waren freigegeben, das Dach stand offen, jedes Auge konnte in das glühende Hirn hineinsehen und die Verwirrung der Ideen mit seinen Blicken verfolgen. Da lagen sie alle, die wie ein Kapital angelegten Eindrücke der Vergangenheit, ohne die lachenden, fröhlichen Zinsen des Umgangs und des Bewusstseins zu tragen; nackte Leiber, die des bunten Gewandes der Rede ermangelten, Ideenembryone, so gräulich anzusehen wie die Infusorien, die man durch Vergrösserungsgläser in einem Wasserglase unterscheidet. Die Erinnerungen, Ideen und Ideenschatten jagten sich untereinander und gingen wahnwitzig lächerliche Bundsgenossenschaften ein und frassen sich untereinander auf wie Ungetüme, denen die Gestalt, die Schönheit, die Freiheit des Willens und das Wort fehlt. So lag Wally drei Wochen.
Als sie zum ersten Male die Augen mit Bewusstsein aufschlug, erblickte sie Auroren und fragte nach allem, was seiter geschehen wäre. Diese junge berlinische Schwätzerin schlug die hände zusammen, setzte sich die Mütze der Verwunderung auf und hatte viel von Wallys fieberhaften Phantasiestücken zu erzählen. Wally fühlte sich stark zu hören, auch stark, sich zu erinnern. Sie wusste deutlich, wer die Schuld ihres Übels trug; sie ging auch bald wieder bei diesem Gedanken in die Nebel zurück und sprach von einem mann, der sie gerettet, aber nicht besucht hatte.
Aurora sprach von Jeronimo. Sie schilderte seine Verzweiflung. Er hielte sich für den Urheber von Wallys Leiden, er verliesse das Haus nicht und würde durch nichts aufgehalten, Augenblicke, wo Wally schliefe, zu benutzen und in ihr Zimmer zu dringen.
"Wer?" fragte Wally.
"Jeronimo!"
Es gehörte noch Anstrengung dazu, dass Wally wieder wusste, warum sie nach Jeronimo gefragt hatte. Sie vergass es und räumte Aurorens Schwatzhaftigkeit das Feld. Diese tummelte sich weidlich darauf. Sie kam immer wieder auf den Italiener zurück, bis er selbst kam und an Wallys Bett niederkniete. Wally sah ihn, aber sie erkannte ihn nicht.
Jeronimo stand bleich und hager da. Seine Wangen waren eingefallen und abgezehrt. Die Augen blickten starr und mit einem unheimlichen Feuer. Sein Äusseres war gänzlich vernachlässigt. Hätte man nicht annehmen müssen, dass ihn die Trauer verhinderte, Sorgfalt auf sich zu verwenden, so würde man zu dem Glauben gezwungen gewesen sein, seine Erscheinung sei die Folge der Armut. Er sprach italienisch; Aurora verstand nichts davon, zu seinem Glücke; denn hätte sie es verstanden, wie würde es ihr entgangen sein, dass Jeronimos Reden einen bedenklichen Geisteszustand verrieten?
Wally verstand wohl die wahnwitzigen Worte an ihrem Bett, aber sie wusste nicht, von wem sie kamen. Und hätte sie es gewusst, so würde sie sogleich auf den Zustand reflektiert haben, den sie soeben von sich selbst erfahren hatte. In der Tat, sie verwechselte auch den Wahnsinn, den sie hörte, mit dem, welcher sie selbst beherrschte, und flehte unhörbar, ihr nichts zuzurechnen von der Verwirrung, die aus ihrem bewusstlosen haupt entsprang. Jeronimo küsste ihre Hand. Sie erkannte ihn nicht, als er wie ein Gespenst von ihrem Lager fortschlich.
Benutzen wir den Augenblick, wo der Faden unsrer Erzählung gehemmt ist durch das Schicksal ihrer Heldin, die sonderbare Erscheinung Jeronimos und das Verhältnis zu seinem Bruder näher zu erklären. Jeronimo ist eine widerliche Störung dieses Berichts. Wallys unübertreffliche Originalität, das bunte Farbenspiel ihrer Laune verdiente wahrlich nicht, von so fratzenhaften Verrückungen menschlicher Gefühle und Verhältnissen, wie wir sie kennenlernen werden, paralysiert zu werden.
Luigi und Jeronimo hiessen die beiden Brüder, welche uns bis jetzt nur in so nebelhaften Umrissen erschienen sind. Jener war der ältere, dieser der jüngre; beide an Jahren so verschieden wie an Gestalt und Gemütsrichtung. Luigi ein praktischer Egoist, Jeronimo ein exzentrischer Schwärmer, dort das drohende Extrem der Bosheit, hier des Wahnsinns. Beide Brüder hatten zu gleichen Teilen ein grosses Vermögen geerbt; aber verschiedenartig war der Gebrauch, den sie davon machten; Luigi geizte, Jeronimo verschwendete. Luigi traf in Jeronimos sanfter Gemütsstimmung keinen Widerstand, als er ihm bei den Verschleuderungen seinen Rat anbot und sich für bereit erklärte, die Verwaltung seines Vermögens zu übernehmen. Die Verantwortlichkeit machte Luigi schlecht. Immer im Harnisch gegen Jeronimos Unbesonnenheiten, längst gewohnt, ihn wie ein Zuchtmeister seinen Gefangenen zu behandeln, immer in der Illusion, dass er das Gute, Noble und Ehrliche täte, während er doch nur das Kluge und Nützliche tat, nahm er seine eigne Verfahrungsweise wie etwas Notwendiges und gewöhnte sich daran, Dinge als sein Eigentum zu betrachten, für welche er zuletzt wirklich einstehen musste. Diese Verwechselung war leicht gemacht und artete in dezidierte Schlechtigkeit aus. Es galt nicht mehr, dass Luigi für all die Torheiten, die Jeronimo beging und unschädlich machen musste, sich schadlos halten wollte, dass er durch die Verwendungen, die er überall versuchte, als Jeronimo ins Gefängnis geworfen wurde wegen Karbonarismus, ein Recht über des jüngern Bruders Leib