1835_Gutzkow_029_22.txt

Lasen Sie Plato, Madame?"

"Nein!"

"Die Seelen meiner person und der Ihrigen, Wally, sollen einem Schoss entsprossen sein. Die Bilder und Urtypen unsrer Persönlichkeit kannte schon die Ewigkeit, und was wir Liebe nennen, ist nur ein Tribut, den wir unsrer Vergangenheit, unserm Gedächtnisse und unsern früher eingegangenen Verpflichtungen schuldig sind."

"Sie werden mich überreden wollen, dass Sie urweltliche Rechte auf mich haben; dass Sie diese Hand, welche Sie mir für eine Zärtlichkeit viel zu heftig drücken, schon vor der Sündflut besessen haben. Sie tun Unrecht, eine so kleine Frau, wie ich bin, in die grossen Hallen der Philosophie einführen zu wollen."

"Was Philosophie, Wally! Im Schosse Gottes trugen Sie einst dieselben gelben Pantoffeln, mit welchen Ihr Fuss noch jetzt so reizend kokettiert."

"Mit all Ihrer Philosophie sind Sie doch im Irrtum über die gelben Pantoffeln. Es sind Schuhe, mein Herr; ich erwarte nun von Ihnen, dass Sie sie zu binden versuchen. Machen Sie es ordentlich, und vernachlässigen Sie mir künftig lieber den Plato als Ihre Toilette, die ganz geschmacklos ist."

Während die Situation, die jetzt folgte, noch nicht beendigt war, trat ein Diener ein und zeigte an, das Cabriolet Jeronimos sei vorgefahren. Sie nahm ihren Schal, klagte viel darüber, dass er mit nichts umzugehen wisse, und stieg, sich auf ihn stützend, die Treppe hinunter. Jeronimo fasste selbst die Zügel des Pferdes und lenkte das gebrechliche Fahrzeug mit einer Ungeschicklichkeit, die Wally nicht erschreckte, da sie davon nichts verstand. Sie fuhren durch die Boulevards. Jeronimo wollte fahrend sprechen. Er hörte nicht auf, den Schoss Gottes im Mund zu haben. Wally hielt ihm diesen wahnsinnigen Mund zu; er übersah sein Pferd und rannte bei der Porte St. Martin so heftig in die Kutschen der Schauspielerinnen hinein, die vor der Tür des Teaters, wo eben probe war, hielten, dass seine Bemühungen, sich herauszuwikkeln, vergeblich wurden. Die Peitsche brauchte er nur zu seinem Missgeschick. Das Pferd bäumte sich und hob die Gabel des kleinen Wagens so hoch, dass die beiden darinnen rücklings überfielen und Gefahr liefen, aus ihrem Sitze herausgeschleudert zu werden. Hier musste ein Unglück geschehen.

Wally verlor einen Augenblick lang die Besinnung. Als sie wieder im Zusammenhang der schrecklichen Szene war, sah sie den Wagen aus jener Verwirrung herausgeführt und das Pferd von einem mann beschwichtigt, in welchem sie zu neuem Schreck Cäsar erkannte. Gott, jetzt fiel es ihr ein, sie hatte ihn schon zwei-, dreimal heute an dem rand der Boulevards gesehen. War er es gewesen, so konnte die Rettung kein Wunder sein. Er musste sie verfolgt und den Augenblick der nötigen hülfe wahrgenommen haben.

Jeronimo staunte, wie er bei der weiten Fahrt statt Vorwürfe von Wally nur Scherz und lachen vernahm. Er stotterte Bitten heraus, die sie nicht verstand. Sie war ausser sich vor Entzücken. Jeronimo wusste sich nichts zu erklären und eilte, ihrem Wunsche nachzukommen. Sie wollte nach ihrer wohnung zurück.

Wally stand den ganzen Vormittag wie auf Kohlen. Sie kam nicht vom Fenster, weil sie jede Minute hoffte, Cäsar an dem Torwege zu sehen. Sie nahm mechanisch an der Mittagstafel teil, ging nicht ins Teater; aber Cäsar kam nicht. Jetzt erst fiel es ihr ein, dass sie sich getäuscht haben konnte, und rief einem ihrer Leute, den sie unverzüglich zu Herrn von Werter, dem preussischen Gesandten, schickte, um über ihren Anblick Gewissheit zu haben.

Der Bote brachte die vernichtende Nachricht, Cäsar hätte sich seit länger als vier Wochen in Paris aufgehalten und habe seinen Pass zur Abreise bereits zurückgenommen.

Wally blieb stumm vor Schmerz. Sie hielt das erblasste Haupt auf der krampfhaften Hand gestützt und gerann in Eis statt in Tränen. Womit hatte sie diese Demütigung verdient! Sie kannte Cäsar genug, um zu wissen, wie dieses Betragen mit seinem Wesen zusammenhing. Ach! auch dies nicht ganz so wunderbare, wozu Cäsar es machen wird, Begegnen an der Porte St. Martin, sagte sie vor sich hin, wird er wie eine Romanenepisode nehmen, um sein ewiges Selbstennui, seine hypochondrische Quälerei damit zu würzen und aufzustutzen.

Wally seufzte tief auf und durchmass mit Verzweiflungsschritten ihr Zimmer. Es schien ihr der herbste Schlag, der sie treffen konnte. Das Gehen machte sie ruhiger. Sie setzte sich, und jetzt erst konnte sie weinen.

"Womit verdient' ich das?" war ein erstickter Ton ihrer stimme. Woran dachte sie jetzt! Was hatte sie alles getan, um ihm eine Liebe zu zeigen, an die er, an die sie nicht glaubte und die sich doch so unvertilgbar in ihre Herzen eingenistet hatte! "Womit verdient' ich das?" Unglückliche Wally! Was hattest du nicht dem Egoismus eines Mannes geopfert? Du gabst ihm deine Seele, deine Gedanken, deine Scham, alles, was du ausser dem armseligen Stand der Verheiratung hattest; und dies alles dem Egoismus, dem Lächeln, vielleicht dem Verrat? "Oh, das wäre entsetzlich", schrie sie auf; dem Verrat? Das nicht, Wally! Aber sein Herz ist kalt, er lebt nur von Gefühlen, die er raffinieren und filtrieren kann, er trotzt gegen sich selbst; du bist die Leiche, die er mit Füssen tritt. Wally! Wally! Ihr blick fiel auf den noch offenen Brief