1835_Gutzkow_029_21.txt

; aber höre nicht auf ihn. Ich war in meinen Briefen unvorsichtig. Er liebt dich wie eine Nebelgestalt, die man sich aus Täuschungen zusammensetzt und die man sonderbarerweise jede Nacht wieder vor sein Bett zaubern kann. Er schwärmte mit der Luft, er –"

"Was will ich das?"

"Höre nicht auf ihn! Eh' er dich sah und Nizza nicht verlassen durfte, irrte er in den Wäldern und warf Blumen in die Flüsse. Seine Neigung ist so stark, dass er jede Lebensfunktion seines Körpers mit dem deinigen verwechselt, dass er –"

"Lassen Sie!"

"Höre nicht auf ihn! Warum ist Cupido nur blind? Er ist auch taub, sag' ich oft zu Jeronimo, weil er nicht hört. Sollten seine Sinne verzaubert sein?"

"Oh, Sie werden zum Schwätzer: ich glaube gar, Sie machen Verse."

"Wie ich dich liebe, Wally! Kind, diese Schere auf dem Tisch nehm' ich als eigne Parze meines eignen Geschickes und schneide eine deiner himmlischen Locken, um sie mit verstohlenen Küssen zu bedecken, wenn ich dich selbst nicht habe. Gute Nacht, Wally: vergiss ihn, höre nicht auf ihn!"

Was sollte Wally denken? Der Gesandte hatte ihr eine Locke genommen. Welche Zärtlichkeit! Zu dieser Stunde, wo sie ihn nie sah. Sie erbleichte, denn jetzt war ihr dieser Mann erst im Lichte eines Gatten erschienen. Welch ein Bild! Ein Narr! Eine schwerfällige Gestalt! Ein Ungetüm, das einen falschen Bart trug! Ein Geizhals, der selbst an Worten sparte und nie umsonst redselig war! Eine hülflose Phantasmagorie, die ein Licht in der Hand hielt und vor ihr stand, leibhaftig, als hätte sie einen Mann in den Vierzigen vor sich gesehen! Sie wischte an ihrem Antlitz, das er berührt hatte. Sie lüftete das Bett, um es von den unkeuschen Worten zu reinigen, die hineingefallen waren, denn es stand offen. Sie begriff jetzt erst die Lage, in der sie sich befand, dass sie seit vier Monaten an einen Mann verheiratet war, den sie nicht kannte. Sie müsse fliehen! schrie es unhörbar in ihr auf, und erst als sie über die Mittel, diese Torheit zu begehen, nachdachte, schlief sie ein.

6

Am folgenden Morgen bot sich Wally sogleich eine Ursache zur Verstimmung an, als wenn sie die Erinnerung des gestrigen Abends nicht gehabt hätte. Sie hörte im Nebenzimmer das zufällige Gespräch zweier Leute ihrer Bedienung, die sich über den Geiz und die Geldspekulationen der herrschaft beklagten. Sie staunte über das ökonomische Talent ihres Mannes, der mit Milch gehandelt und Bier gebraut haben würde, wenn er in Paris zufällig die Anstalten dazu gehabt hätte. Nach jedem Diner liess der Gesandte die Weinreste zusammengiessen und führte seine Bedienten selbst an, wie sie von den Leuchtern die Kerzen nehmen und sie zum Lichtgiesser tragen mussten, der sie gegen brauchbares Wachs eintauschte. Wally verstand viel zu wenig von solchen Dingen, als dass sie ihnen eine rechte Würdigung hätte geben können. Sie fühlte ein allgemeines Missbehagen ihrer Seele, das sie verhinderte, diesmal das Lächerliche an dem Geize ihres Mannes zu entdecken. Es war eine gefährliche Stimmung, in der sie an Cäsar schrieb.

Als sie den Brief beendet hatte und sah, wie nur Kleinigkeiten der Pariser Konversation, satirische Bagatellen und viel Albernheiten aus ihrer Feder geflossen waren, da hatte sie bessre Laune bekommen. Sie freute sich, in Cäsar einen Mann gefunden zu haben, bei dem der Ernst sich hinter so vielem Scherz verstecken durfte, der nicht pedantisch war und vom Gefühl keine Überflutungen verlangte. Das Gefühl war einmal da, nicht in Gestalt einer das Herz betreffenden Empfindung, sondern in Gestalt einer Tatsache, der sich keine andere Auslegung als die einer Neigung geben liess. Wally liebte jetzt Cäsar wahrhaftig, ohne sich darüber ein Geständnis zu machen. Sie hatte sich ihm auf ewig durch jene mystische Szene verpflichtet. Und doch war es weder Scham, was sie an ihn fesselte, noch der Gedanke, ihn besitzen zu wollen. So viel Unschuld bei so vieler Freiheit!

Als Jeronimo zu ihr eintrat, konnte sie mit lachen seinen heissen Liebesbewerbungen zuhören, so heiter war sie. Jeronimo machte eine Miene, als wäre ihm ein grosses Glück widerfahren, als hätte, er ein Unterpfand, das ihn gegen Wallys Scherze sicherte. Sie sagte ihm: "Wie tief sind wir doch schon in den Wahnsinn der Liebe versunken! Bart, Kleidung, alles sehe' ich heute an Ihnen vernachlässigt! Sie gleichen jenen Shakespeareschen Liebenden in seinen Lustspielen, die so jämmerlich von dem Schmerz ihrer Brust verzehrt sind und, je verliebter sie werden, desto länger ihre schwarze Wäsche tragen. Und vor acht Tagen sahen wir uns zum ersten Male."

"Vor sechs Monaten", entgegnete Jeronimo.

"Wie, Sie kennen mich länger?"

"Länger, als Sie leben, Madame! Ich kannte Sie schon, als Sie nur noch ein Gedanke waren, der im Schosse Gottes schlummerte. Meine Liebe zu Ihnen ist nur die Erinnerung eines alten Glückes. Diese schwellenden Lippen, diese jetzt so spröde Brust: ich weiss es, ich habe sie schon einmal geküsst, ich habe sie schon einmal umarmt."

"Fabelhafte Dinge muss ich hören, Jeronimo. Was würde die Vikomtesse von Hericourt denken, wenn Alfred Jardinier, dieser bürgerliche, aber liebenswürdige Anbeter, ihr solche Dinge sagte."

"