Gunst einkauft. An meinem Finger will ich die Ringe nicht: ich trage sie an meiner Reitgerte und mache mir ein Vergnügen daraus, wenn ich von Juli zu Juli ins Bad reise und armen presshaften Leuten sie alle zwölf nacheinander in die heissen Sprudelbecher werfe."
Darauf erklärte sie ihm, wie sie fünf davon verloren hätte, und verlangte, dass sie ihr wieder zuhanden, das heisst zur Reitgerte, kämen.
Der junge Mann, welcher über das Unzeitgemässe politischer Garantien geschrieben haue, versprach sein möglichstes und redete Cäsar an.
Cäsar betrachtete ihn und besann sich auf den Verfasser der kleinen Broschüre. "Sie verstehen sich darauf", sagte er dann, "als St. Georg gegen die Ungetüme der Zeit zu kämpfen. Die Ringe der Dame passen zu meinem Schuppenleibe: ich stehe als Lindwurm zu Ihren Diensten!"
"Wie verstehe' ich das?" fragte der junge Mann, welcher über das Unzeitgemässe politischer Garantien geschrieben hatte.
Cäsar liess ihn stehen. Der Bote wagte nicht, unverrichteter Sache zu Wally zurückzugehen; eben tanzte sie, sie hatte seine Abweisung glücklicherweise nicht bemerkt.
Der junge Mann half sich: er wusste, von wem die fünf Ringe kamen: vier von seinen Freunden, die mit ihm teils auf dem Stadtamte fungierten, teils auf das nächste militärische Avancement warteten; einer gehörte ihm, denn Wallys Sonne stand zufällig während dieses Monats in seinem Zeichen. Die Sache wurde unvermeidlich ein Ehrenhandel; aber er war perfid genug, dem Gegner das Spiel fünffach zu erschweren. Cäsar bekam noch an demselben Abend fünf Ausforderungen ins Ohr geflüstert.
Er nickte lächelnd zu jeder; für den folgenden Morgen war alles anberaumt, aber er entfernte sich früh.
Wally tanzte bis in die Nacht. O welch ein Glück, sich mit dem faden Mittelgut in ewig gleichen Kreisen herumzudrehen!
3
Es war schon um die eilfte Vormittagsstunde des folgenden Tages, als Wally unter den Händen ihres Kammermädchens sass und ihr Haar flechten liess. Sie hatte einen kleinen Tisch vor sich gerückt, worauf die Erzeugnisse der neuesten Literatur lagen. natürlich kamen sie frisch aus dem Buchladen; anständige Leute lesen nicht aus Leihbiblioteken.
Sie blätterte in dem jüngsten Musenalmanach von Schwab und Chamisso. "Diese guten Waldsänger", sprach sie vor sich hin, "nehmen sich die Freiheit, sehr ennuyant zu sein. Wenn uns die Reime nicht in einer Art von melodischer Spannung hielten, die Monotonie der Gefühle und Anschauungen wäre tödlich. Ich ziehe Prosa vor. Heines Prosa ist mir lieber als Uhland und sein ganzer Bardenhain."
Sie griff nach Heines "Salon", zweiter Band. "Willst du Philosophie studieren, Aurora?" fragte sie ihr Kammermädchen: "Hier sind all die gelehrten, bemoosten Karpfen der deutschen Philosophie mit Frühlingspetersilie und Vanille zubereitet. Man sollte die Bonbons in Aphorismen aus Heines 'Salon' einschlagen. Welch gesunkenes Volk müssen die Franzosen sein, dass sie gerad auf der Stufe in den Wissenschaften stehen, wo in Deutschland die Mädchen."
Einige Schriften vom jungen Deutschland lagen zur Hand, von Wienbarg, Laube, Mundt. "Wienbarg ist zu demokratisch: ich habe nie gewusst, dass ich vom Adel bin", sagte sie; "aber mit Schrecken denke' ich daran, seit ich diesen Autor lese. Laube scheint den Adel nicht abschaffen, sondern überflügeln zu wollen. Doch bleibt es arg: er ist zudringlich. Er gibt sich in seinen Schriften das Ansehen, als kenne er jede seiner Leserinnen und verlange von ihr eine Hingebung, um die er nicht einmal bittet. Mundt goutier' ich nur halb: denn er wird, je mehr er sich selbst klarzuwerden scheint, für andere immer unverständlicher. Verstehst du, Aurora?"
Aurora hatte etwas in den Mund bekommen und musste abscheulich husten. Wally lachte.
Unter den Büchern lag zuletzt die neueste Lieferung der "Carlsruher Bilderbibel", auf welche Wally abonniert hatte.
"Wie sonderbar doch das Christentum auf Velinpapier aussieht!" sagte sie zu sich selbst. "Dienen diese Kupfer zu etwas anderem, als die Aufmerksamkeit noch mehr von dem heiligen buch abzulenken! Siehe, da steht ein Druckfehler! Ein umgekehrter Buchstabe! Es ist hübsch, in der Bibel Irrtümer zu entdecken."
Wally sah nur auf das Äussre, auf den Einband, dann las sie etwas. Sie las einige Verse, ein halbes Kapitel und fragte ihr Mädchen, wann sie zuletzt in der Kirche gewesen wäre?
Aurora war nicht frivol: sie war vor vier Wochen dagewesen.
Wally las, ohne zu hören. Dann fragte sie: "Warum bist du so still?"
Aurora war nicht mehr im Zimmer: Wally blickte sich scheu um und las weiter. Ihr Auge haftete stier auf den Buchstaben: sie schlug eine Seite nach der andern um: dann lehnte sie sich zurück, eine Träne stand in ihrem Auge. Sie sah mit einem flehenden, verzweifelnden blick auf den kleinen Tisch, der so viel Widersprechendes friedlich umschloss. Sie stützte den Kopf auf die Lehne ihres Sessels; es war Sonntag. Die Glocken läuteten, aus der nahen Kirche brausten die Töne der Orgel herüber. Wally war in Tränen aufgelöst. Kann man dem Himmel ein schöneres Opfer bringen? Diese Tränen flossen aus dem Weihebecken einer unsichtbaren Kirche. Die Gotteit ist nirgends näher, als wo ein Herz an ihr verzweifelt.
Aurora kam zurück. Es war Besuch im Gesellschaftszimmer. Wally hätte absagen müssen; aber sie war willenlos. Sie fand die Ritter