und Künstler halten? Wär' ich selbst Autor, so würde mich dieser Gedanke erschrecken. Ich würde die Gleichgültigkeit, die Dummheit der Masse immer mit einer Strafe verwechseln, welche ich als Autor für die Zudringlichkeit meiner Schöpfungen mit Recht einernte. Ich würde zittern, wenn von Büchern die Rede kommt, und würde immer gewärtig sein, dass jemand aufträte und die Literatur in die Kategorie von Warenartikeln stellte, von Ellen- oder Kolonialwaren, die man nimmt oder stehenlässt, je nach Bedürfnis. Ich brauche die Schönheit nicht! Fürchterlich, wenn von Homer und Ossian die Rede wäre! Ich brauche nicht einmal die Bestrebungen um das Schöne, wenn von einem Erstlingsversuche die Rede wäre! Ja, es gibt Menschen dieser Art, welche die Poesie für eine Zumutung halten, Geldmenschen, Aristokraten, manche Könige, auch Frauen, besonders wenn sie schön sind und sie deshalb glauben, der Bildung überhoben zu sein!
Cäsar dachte dabei gewiss nicht an Wally; denn welch' ein Unterschied ist es, für das Ausserordentliche sich interessieren und dem Ausserordentlichen sich als Staffage unterlegen! Er hatte aber in dem Augenblick einen Brief von Wally in der Hand.
"Ich habe Sie beleidigt", schrieb sie ihm; "Sie wissen es ja, Cäsar, dass der Mutlose immer der Ausfallendste ist.
Wissen Sie noch, wie wir über Mut stritten? Welch' eine Zeit, wo Sie sich um fünf Ringe, die Sie mir noch immer nicht wiedergegeben haben, mit fünf Menschen schiessen konnten! Morgen um zehn Uhr abends besuchen Sie das Hotel des sardinischen Gesandten. Sie werden von Auroren, die Sie dort erwartet, an einen Ort geführt werden, den Sie nicht verlassen dürfen. Schwören Sie mir, hinter dem Vorhang, den Sie zehn Minuten nach zehn gütigst zurückziehen wollen, nicht hervorzutreten! Cäsar, schwören Sie mir! Ich schäme mich vor Ihnen, dass ich Scham hatte. Verantworten Sie es einst! Vor Gott! Vor Gott! Aber ich liebe heiss, ewig, unaussprechlich! Wally" Und an Wallys Hochzeitstage zeichneten die Unsichtbaren ein reizendes Gemälde, ein Gemälde in altem Stil, zart, lieblich wie die saubern Farbengruppen, welche sich auf dem sammetweichen Pergamente goldener Gebetbücher des Mittelalters finden.
Rings, wie Rahmen und noch hineinrankend in die Szene, Epheu und Weinlaub. Auf den Ästen sitzen Paradiesvögel in wunderbarem Farbenspiel, auf den breiten Blättern der Arabesken schlummern Schmetterlinge, in den Kelchen der Blumen saugen Bienen. Oben schwebt der Vogel Phönix, der fusslose Erzeuger seiner selbst; unten blicken die spitzschnäbligen Greifen und hüten das Gold der Fabel. Bezaubernd und märchenhaft ist die Verschlingung aller dieser Figuren. Es ist wie ein Traum in den tausend Nächten und der einen. Zur Rechten des Bilds aber im Schatten steht Tschionatulander im goldenen, an der Sonne funkelnden Harnisch, Helm, Schild und Bogen ruhen auf der Erde. Der Mantel gleitet von des jungen Helden Schulter, seine Locken wallen üppig, wie von einem Westauche gehoben. Das Auge staunt; ein Entzücken lähmt die Zunge. Zur Linken aber schwillt aus den Sonnennebeln heraus ein Bild von bezaubernder Schönheit: Sigune, die schamhafter ihren nackten Leib entüllt, als ihn die Venus der Medicis zu bedekken sucht. Sie steht da, hülflos, geblendet von der Torheit der Liebe, die sie um dies Geschenk bat, nicht mehr Willen, sondern zerflossen in Scham, Unschuld und Hingebung. Sie steht ganz nackt, die hehre Gestalt mit jungfräulich schwellenden Hüften, mit allen zarten Beugungen und Linien, welche von der Brust bis zur Zehe hinuntergleiten. Und zum Zeichen, dass eine fromme Weihe die ganze Üppigkeit dieser Situation heilige, blühen nirgends Rosen, sondern eine hohe Lilie sprosst dicht an dem leib Sigunens hervor und deckt symbolisch, als Blume der Keuschheit, an ihr die noch verschlossene Knospe ihrer Weiblichkeit. Alles ist ein Hauch an dem Auge, ein stummer Moment, selbst in dem klugen Auge des Hundes, der die Bewegungen verfolgt, welche der blick seines Herrn macht. Das Ganze ist ein Frevel; aber ein Frevel der Unschuld.
So stand Sigune einen zitternden Augenblick; da umschlang sie rücklings der sardinische Gesandte, der seine junge Frau suchte. Es war ein Tropfen, der in den Dampf einer Phantasmagorie fällt und sie in Nichts auflöst. Die Vorhänge fielen zurück, und Tschionatulander wankte nach haus. Der Gesandte ahnte nichts. Tiefes Geheimnis.
4
Als Wally mit ihrem mann nach Paris gekommen war, atmete sie auf. Sie war froh, sich von einer ganz verfehlten Stellung befreit zu sehen. Sie wusste, dass sie in Paris noch immer den stürmischen Bewegungen irgendeiner Neigung ausgesetzt sein konnte, dass ihre eheliche Treue mit weit gefährlicheren Lockungen wie in der Heimat würde herausgefordert werden; allein sicher war sie jetzt vor den Zumutungen der Genialität, vor dem verwirrenden Benehmen Cäsars, vor Männern, welche zu poetisch sind, um ganz nach der Mode, und zu modisch, um ganz nach der Poesie zu leben. In Paris siegte sie, wenn sie wollte, noch immer durch die sehr einfachen Künste der Koketterie. Nur die Situationen sind es, welche dem Leben der Pariser Frauen eine besondere Originalität geben.
Die Zeit, in welcher Wally mit ihrem mann nach Paris kam, war bei Anfang des Aprilprozesses.
Wenn man glauben wollte, dass die Julirevolution in den Sitten der höhern Pariser Welt eine Änderung veranlasst hätte, welche gleichsam dem Ernste der Zeit hätte entsprechen sollen, so verkennt man den Charakter der Franzosen. Die alte Revolution