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niemals ein Weib bei der Leidenschaftlichkeit einer andern entalten können, sich aufzuschnellen und missachtend auf die fremde Verirrung herabzusehen. Diese Stimmung war aber nur eine vorübergehende.

Die Erklärung, welche Waldemar über das Christentum abgab, hatte auf ihre Seele wie die Berührung eines kranken Zahnes gewirkt. Glaubt ihr, Wally habe nach einem Mittelpunkte ihres Lebens gesucht? Wahrlich nicht. Nirgends lagen etwa zerstreute Bruchstücke von Gedanken, die sie gern verbunden hätte. Unmittelbar und zufällig war ihr ganzes Leben: nur im Religiösen stand sie oft wie ein Wanderer auf der Landstrasse, der den Weg verfehlt zu haben glaubt, sich in der Gegend umblickt und mit seinem Ortssinne sich zu orientieren sucht. Es war ein ganz bewusstloses Sinnen, ein träumerisches Fühlen, dem sie sich tastend und anpochend hingab. Von einer Reflexion, einer zusammenhängenden Untersuchung konnte bei Wally nicht die Rede sein. Sie litt an einem religiösen Tick, an einer Krankheit, die sich mehr in hastiger Neugier als in langem Schmerze äusserte. Sie war wie in einem Zimmer, das sich plötzlich mit Rauch füllt und wo man sich nicht anders helfen kann, als an das Fenster zu springen, es aufzureissen und mit einem unmässigen Gestus nach frischer Luft zu haschen.

Wally wusste selbst nicht, was alles zusammentraf, sie nachdenklicher als je zu machen. Sie hatte zum ersten Male einige Beobachtungen über ihren Zustand in eine zusammenhängende Kette aufgereiht. Sie war vor ihren Gedanken nicht scheu zurückgeschreckt, sondern hatte sie diesmal scharf ins Auge gefasst. In einem Brief an eine Freundin suchte sie ihrer Angst Luft zu machen.

Der Brief war vielleicht vollendet. Sie wagte nicht, was sie hatte, wieder durchzulesen. Auch verzweifelte sie während des Schreibens, ihn abzusenden. Sie zerriss ihn.

Einige Minuten blickte sie die Reste an; dann ordnete sie mechanisch, was davon noch vor ihr lag. Die Linien und Buchstaben passten zusammen. Jetzt erst las sie ihn, wo sie gleichsam wusste, dass er ihr nichts mehr schaden könne.

"Meine teure Antonie", hatte sie geschrieben, "Deine geschmackvollen Muster, das sehr hübsche Diadem, was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen wird, auch die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Cotillon hab' ich bekommen. Ich danke Dir, Antonie! Verzeih mir nur, dass ich nicht jetzt auch mit all dem Entzücken davon spreche, das ich wirklich über Deine gefälligkeit und die Gegenstände derselben empfunden habe. Du glaubst nicht, in welcher wunderlichen Stimmung ich heute bin. Und heute musste ich doch schreibenmorgen würde' es schon besser sein. Nur eins sage mir, Antonie, hast Du wohl in Deinem Leben einen frohen, recht frohen Augenblick gehabt? Ich besinne mich vergebens auf einen; denn es ist doch immer eine peinliche Unruhe und Hast, von der wir getrieben werden, eine Ängstlichkeit, von welcher die Männer keine Vorstellung haben. Zuweilen erschreck' ich vor dieser pflanzenartigen Bewusstlosigkeit, in welcher die Frauen vegetieren, vor dieser Zufälligkeit in allen ihren Begriffen, in ihrem Meinen und Fürwahrhalten. Der Augenblick ist der Urheber unsrer Handlungen und die Vergesslichkeit die Richterin derselben. Ach, Antonie, ich beschwöre Dich! Nimm diese Klagen nicht als die Frucht eines regnerischen Tages; ohich leide an einem Schmerze, der unheilbar ist, da ich ihn gar nicht zu nennen weiss. Das rennt, läuft, springt, lacht, singt, weint, zanktnun sage mir um des himmels willen, was steckt dahinter? Was ist der Kern dieser spiralförmig fortkreiselnden Unruhe? Die Männer sind glücklich, weil man an sie Anforderungen macht. Das Mass ihrer Handlungen ist der Beifall oder der Nutzen, den sie damit gewinnen. Auch dies sage, warum wir den 'Faust' nicht lesen sollen? Die Schilderung jener Zweifel, die eines Menschen Brust durchwühlen können, macht uns vertraut mit ihnen und die wirkung derselben für uns weniger gefährlich. Aber ich fühl' es, dass sich in jedes Menschen Herzen innere Gedichte entwickeln, eine ganze Historie von Wundern, die wir zu erklären verzweifeln, Gedichte, in denen wir selbst der von den Göttern verfolgte, geneckte, scheiternde, irrende Ulysses sind. Das ist alles halb, siehst Du. Es ist noch immer nicht das, was ich sagen möchte und nicht sagen kann. Liebe Antonie, das ist der Fluch: man verlangt nichts von uns, man will gar nichts, es kommt gar nichts drauf an. Auch dies noch: wir haben einen Ideenkreis, in welchen uns die Erziehung hineinschleuderte. Daraus dürfen wir nun nicht heraus und sollen uns nur mit Grazie wie ein gefangenes Tier an dem Eisengitter dieses Rondells herumwinden. Diese Gefangenschaft unserer Meinungenach, war Spreu für den Wind! Rechte will ich in Anspruch nehmen, für wen? für was? O Antonie, ich habe nichts, was wert wäre, gedacht: ich will gar nicht sagen, gemeint oder gesprochen zu werden. Ich drücke an den Begriffen, die mir zu Gebote stehen; aber sie sind elastisch und geben immer nach und gehen immer wieder zurück. So glaube' ich, kommen auch die Revolutionen, wenn die Menschen so viel Mühe haben, an ihrer Stirn hin- und herfahren und ihre welke Begriffstyrannei gern stürzen möchten mit etwas, was sie suchen, aber nicht finden können. Dann schaffen sie sogar Gott ab, nämlich, weil sie ihn wahrhaftig nicht verstehen. Es ist auch schwer, Antonie! Die Schöpfungschon gut;