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annimmt", sagte Waldemar. "Echte Religion ist positive Heilkraft; aber gleicht das Christentum nicht einer Latwerge, die aus hundert Ingredienzien zusammengekocht ist? Meine Vernunft sagt mir, auch ohne Hahnemanns 'Organon', dass die Krankheiten immer einfache und nur die Symptome zusammengesetzt sind, dass die natur für jede ihrer Abnormitäten eine medizinische Rektifikation im simpeln Zustande hat und dass in einer Mixtur von Heilkräften eine Kraft die andere aufhebt. Die unerhörte Überladenheit des christentum aus traditionellen, historischen und biblischen Ursachen macht aber, dass es für den Schmerz der Seele ganz ohne wirkung ist. Eines seiner Dogmen stört das andre."

Ein Krampf schnürte Wallys Brust zusammen. Sie wankte ohnmächtig fort, bis jener Referendar, der über das Unzeitgemässe der politischen Garantien geschrieben hatte, ihren Arm ergriff und sie zu Waldemar und Cäsar führte, von denen er den ersten gesucht hatte.

"Waldemar!" rief er: "was Sie glücklich sind! Ein Ehegatte, und noch bringen sich Ihretwegen die Frauen um."

"Was wollen Sie damit?" fragte Waldemar.

"Sie müssen nicht erschrecken", sagte jener; "aber Ihr verlassenes Bärbel ist tot. Sie ging gestern den ganzen Tag um Schwalbach herum, sich ein Grab zu suchen, blieb dann noch lange bei den beiden Indien, wankte darauf mechanisch fort bis an das Schloss Nassau, wo sie sich von der eisernen Hängebrücke hinabgestürzt hat. An der linken Seite von hier, da, wo der Brunnen auf der brücke steht, soll sie noch mehre Stunden gesessen haben, wie die Leute versichern, die sie dort sahen. Die Gerichte von dort schicken diesen Ring mit, der an dem Finger des Mädchens sich befand. Ich hab' ihn hier."

Waldemar erblasste. "Mein Gott!" schrie er. "Dieser Ring–"

Cäsar sprühte auf: "Wie?" rief er; "Waldemar, du hättest dennoch –"

"Ja", bemerkte der dritte: "ich kenn' ihn. Sie trugen diesen Ring vor mehren Jahren, Waldemar."

Wally trat hinzu und nahm den Ring. Sie betrachtete ihn und gab mit unpassender Heiterkeit die Erklärung:

"Waldemar, Sie gaben mir vor drei Sommern diesen Ring. Ist eine Verheiratung dem Gedächtnisse so schädlich?"

"Aber wie kam die Unglückliche zu dem Ringe, den alle Welt als ein Pfand meiner treulosen Versicherungen auslegen wird?" fragte Waldemar mit bleichen Lippen, die doch wieder sprechen konnten, nachdem er sich auf die Huldigungen besann, die er einst Wally gebracht hatte.

"Ich hatte die Gewohnheit", sagte Wally, "die Ringe meiner Verehrer jährlich im Bade zurückzulassen, indem ich sie in die Becher, die am Sprudel stehen, warf und diese dann armen Leuten oder Kindern zu trinken gab. So ist die Närrin wohl zu dem Geschenke gekommen."

"Gut erfunden!" flüsterte der Referendär, dem im Augenblick auch sein Ehrenhandel mit Cäsar einfiel. Wally blickte etwas stolz: man kann durchaus nicht sagen, warum, und reichte dem Menschen ihren Arm.

Waldemar sass in tiefes Nachsinnen versunken. Wie wunderbar war der Zusammenhang dieses unglücklichen Ereignisses! Man konnte versucht werden, an eine magnetische Einwirkung zu glauben. Wer erklärte ihm, wie ein Ring eine Neigung veranlassen konnte zu einem mann, den man nie gesehen! Wie kam es, dass die arme, gleich als sie ihn zum ersten Male sah, ihn als den Eigentümer des Ringes erkannte, den sie liebte und mit einer wirklichen person verwechselte! Er ging tief bekümmert in seine wohnung und überredete seine kranke Gattin, mit ihm sogleich den Schauplatz so unheimlicher begebenheiten zu verlassen.

Was aber empfand Cäsar bei dem Ereignisse? Nicht das Ereignis selbst, nicht den Schmerz seines Freundes, sondern nur eines, was ihn schon oft bei Vergleichung des Todes mit dem Leben interessiert hatte. Das arme Bärbel war vor ihrem Ende unruhig in dem Flecken herumgewankt und hatte den Tod gesucht, der ihr notwendig schien. Sie war bis nach der eisernen brücke gelaufen, um den Tröster ihrer Leiden zu finden. Ist es beim Selbstmorde eine unsichtbare Hand, die die Kehle zuschnürt? Geht man wahnsinnig, ohne Bewusstsein in den Tod, wie die Mücke in das brennende Licht stürzt? Oder ist man bei etwa vorhandener Kraft, sich noch als nachdenkend zu fühlen, schon so mit dem tod verschwistert, dass jener weitere Akt des Selbstmordes nur die Publikation eines Befehles wird, der schon abgemacht und im stillen ausgeführt ist? Darüber sann Cäsar nach und konnte sich vor Schmerz nicht fassen, als er bei dem Verfolgen von Bärbels Benehmen nur darauf zurückkam, dass die Furcht vor dem tod doch immer das Ursprüngliche und bis zum schwindenden Bewusstsein das

Letzte sei. Die Unzulänglichkeiten der Erhabenheit, sagte er, die Furcht vor dem tod, der Schmerz, nicht wie Brutus, der alte und der junge, töten, nicht wie Cato sterben zu können, die Bitte des Prinzen von Homburg, ihn leben zu lassen: das ist das Tragische unsrer Zeit und ein Gefühl, welches die Anschauungen unsrer Welt von dem Zeitalter der Schicksalsidee so schmerzlich verschieden macht. Sie wollte sterben und lief einen ganzen Tag, einen Weg von sechs Stunden, um den Tod zu finden, den sie herzlich suchte und den sie fürchtete!

So war Cäsar.

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Jenes feste und präzise Benehmen, das Wally bei der Aufklärung über den Ring gezeigt hatte, war nur durch die Situation hervorgerufen worden. Auch wird sich