! Diese unsichtbaren Barrieren, welche die Menschen trennen, welche auch den Jüngling vom Mädchen trennen, müssen fallen; denn ich kenne dich, dein alles, dein Gehen und Stehen, deine Schwächen und Tugenden: siehe! hier ist meine offne Brust, hier schlägt mein Herz, ich bin nichts, was noch etwas anderes wäre, als es ist, nichts, was du für etwas anderes halten dürftest. Weib, in deinen Augen, in den Formen deines Körpers bist du überreif zur Liebe; und wenn ich dich heute zum ersten Male sah, so pflückt' ich dich, denn wir sind die Kinder eines und desselben Planeten, ich Mensch wie du, beide alternd, beide den Tod fürchtend, beide elend. Was weichst du mir aus?"
Wally zerfloss in Tränen. So fast hatte Cäsar zu ihr gesprochen, und sie fühlte das Entzücken, statt eines Weibes Mensch zu sein. Sie zitterte bei dieser echt philantropischen Vorstellung, welche, wenn sie allgemein würde, die Welt durchaus umgestalten und ihre schwierigen fragen im Nu lösen müsste. Sie liess die Umarmung Cäsars zu: nicht, weil sie ihn liebte, oder aus Egoismus, aus Stolz, einen Mann überwunden zu haben, sondern weil sie sich als das schwache Glied der grossen Wesenkette fühlte, die Gott erschaffen hat, weil sie wusste, dass sie ja vor der Wahrheit und natur ganz nackt und bloss und mitleidswürdig war, weil sie zuletzt glaubte, dass diese heissen Küsse, welche Cäsar auf ihre Lippen drückte, allen Millionen gälten unterm Sternenzelt.
Sehet da eine Szene, wie sie in alten zeiten nicht vorkam! Hier ist Raffiniertes, Gemachtes, aus der Zerrissenheit unsrer Zeit Gebornes: und was ist die Wahrheit Romeos und Juliettens gegen diese Lüge! Was ist die egoistische Geschlechtsliebe gegen diesen Entusiasmus der Ideen, der zwei Seelen in die unglücklichsten Verwechselungen werfen kann! Ich zittre vor einem Jahrhundert, das in seinen Irrtümern so tragisch, in seinem Fluche so anbetungswürdig ist.
10
Die Übereinkunft der Liebe zwischen Wally und Cäsar musste ihren Verhältnissen ein neues Kolorit geben. Wir fürchten, dass die Farben allmählich erbleichen werden. Aber noch sind sie hell und frisch; noch liegt auf Wallys Antlitz der melancholische Schatten jener entzückenden Verirrung, in Cäsars Mienen die Resignation und Selbstzufriedenheit, welche selbst blasierte Charaktere und verwitternde Natürlichkeiten ergreifen kann, wenn der immer durstige Becher ihrer Wünsche einmal voll ist bis an den Rand der Erfüllung. Das Wiederfinden eines Jugendfreundes unterstützte Cäsars reflektierende Persönlichkeit, sich in einer Welt zu halten, in welcher er sich seit einiger Zeit gefiel.
Waldemar hiess der neue Ankömmling, ein Mann, der einst blühend und schön war, in der Residenz zu Wallys Anbetern gehörte, dann heiratete und trotz der glänzendsten Verhältnisse zu keiner Freude kam, da seine Gattin an unheilbaren Übeln siechte. Die Stimmung dieses Mannes teilte sich seinen Umgebungen mit, erst auch Cäsar, verlor sich aber an diesem in dem Augenblick, als sie für ihn durch folgende gemischte Anekdote einen Grund bekam.
Seit Waldemars Ankunft im Bade hatte sich nämlich das stille Bärbel von den beiden Indien zurückgezogen. Ihr Betragen gegen ihn liess keinen Zweifel, dass dieser Mann die Ursache ihrer Geistesverwirrung gewesen war. Sie verfolgte Waldemar, wo er sich nur blicken liess, und weinte oft auf dem Wege, wenn er in zahlreicher Gesellschaft vorüberging. Jedermann kannte den Zusammenhang dieser tragischen Komödie, doch wollten nicht alle glauben, was Waldemar versicherte, dass er sich dieses Mädchens durchaus nicht entsinne, nie mit ihr ein Wort gewechselt und auch im vorigen Jahre zum ersten Male Schwalbach besucht habe. Cäsar aber glaubte diesen Versicherungen; denn Waldemar war eine treue Seele, die niemanden betrüben konnte, noch weniger aber wäre eine Unwahrheit über seine Zunge gekommen. Er nahm den Wahnsinn Bärbels von der lächerlichen Seite und suchte Waldemar zu trösten. Ja, diesem melancholischen mann fehlte nur noch eine neue Ursache seiner Schwermut!
Wally befand sich in einer Stimmung, die ihr den Verkehr mit beiden Männern, der immer gewisse Grenzen und Nuancen hatte, recht zum Genuss machte. Einst wollte sie in einem Garten zu ihnen unbemerkt herantreten, während beide Freunde unter einem Boskett von verwelkenden Rosen sich unterhielten; da sie aber hörte, dass ihr Gespräch religiöse saiten aufgezogen hatte, so fürchtete sie, etwas zu verstimmen, und blieb unwillkürlich in einer Weite stehen, dass ihr von dem Gesprochenen nichts entging und sie dabei doch ungesehen blieb. Sie fühlte das Missliche dieser Situation in einem Augenblicke nicht, wo alle ihre Seelenfäden Gespinste zu schiessen begannen, in die sie sich immer tiefer verstrickte, wo es einer Untersuchung über die Religion galt.
"Hätt' ich einen grösseren Wirkungskreis", sagte Waldemar, "vielleicht gelänge es mir dann, den Unmut meiner Seele zu zerstreuen, wie auf jenen Bergen, auf welchen viel Waldleben herrscht, Tannen rauschen und die natur in einer steten Bewegung ist, die Nebel sich leichter zerstreuen. Ich bin ein kahler Hügel, jedem Windzuge offen und von jeder Wolke gleich bis tief unter die Augen bedeckt. Nach ideellen Schutzwehren such' ich ebenso vergebens. Die Politik ist nur imstande, meine Schwermut zu vermehren, und die Religion hat man mir durch meine Erziehung verleidet."
"Wer wird auch", entgegnete Cäsar, "bei üblen Stimmungen hülfe von der Religion erwarten! Religion ist das Produkt der Verzweiflung: wie kann sie die Verzweiflung heilen?"
"Sie sollte es wohl; jede Religion soll es, welche die Miene der Offenbarung