1835_Arnim_002_99.txt

im nächsten Brief wirst Du es finden, dieser wird schon zu dick, und ich schäme mich, dass ich Dir nichts Wichtiges zu schreiben habe und doch nicht abbrechen kann. Geschwätz! – ich weiss ja, wie's ging in Weimar, da sagt ich auch nichts Gescheutes, und doch hörtest Du gern zu.

Vom Stadion weiss ich gar nichts, da muss ich kurzen Prozess machen und ihn verschmerzen, wer weiss, ob ich ihn je wieder sehe.

Jacobi ist zart wie eine Psyche, zu früh geweckt, rührend; wär es möglich, so könnte man von ihm lernen, aber die Unmöglichkeit ist ein eigner Dämon, der listig alles zu vereiteln weiss, zu was man sich berechtigt fühlt; so mein ich immer, wenn ich Jacobi von Gelehrten und Philosophen umgeben sehe, ihm wär besser, er sei allein mit mir. Ich bin überzeugt, meine unbefangnen fragen, um von ihm zu lernen, würden ihm mehr Lebenswärme erregen, als jene alle, die vor ihm etwas zu sein als notwendig erachten. Mitteilung ist sein höchster Genuss; er appelliert in allem an seine Frühlingszeit, jede frisch aufgeblühte Rose erinnert ihn lebhaft an jene, die ihm zum Genuss einst blühten, und indem er sanft durch die Haine wandelt, erzählt er, wie einst Freunde Arm in Arm sich mit ihm umschlungen in köstlichen Gesprächen, die spät in die laue Sommernacht währten, und da weiss er noch von jedem Baum in Pempelfort, von der Laube am wasser, auf dem die Schwäne kreisten, von welcher Seite der Mond hereinstrahlte auf reinlichem Kies, wo die Bachstelzchen stolzierten; das alles spricht sich aus ihm hervor, wie der Ton einer einsamen Flöte, sie deutet an: der Geist weilt noch hier; in ihren friedlichen Melodien aber spricht sich die sehnsucht zum Unendlichen aus. Seine höchst edle Gestalt ist gebrechlich, es ist, als ob die Hülle leicht zusammensinken könne, um den Geist in die Freiheit zu entlassen. Neulich fuhr ich mit ihm, den beiden Schwestern und dem Grafen Westerhold nach dem Staremberger See. Wir assen zu Mittag in einem angenehmen Garten, alles war mit Blumen und blühenden Sträuchern übersäet, und da ich zur Unterhaltung der gelehrten Gesellschaft nichts beitragen konnte, so sammelte ich deren so viel, als mein Strohhut fasste. Im Schiff, auf dem wir bei herannahendem Abend wohl andertalb Stunden fahren mussten, um das jenseitige Ufer wieder zu erreichen, machte ich einen Kranz. Die untergehende Sonne rötete die weissen Spitzen der Alpenkette, und Jacobi hatte seine Freude dran, er deployierte alle Grazie seiner Jugend, Du selbst hast mir einmal erzählt, dass er als Student nicht wenig eitel auf sein schönes Bein gewesen, und dass er in Leipzig mit Dir in einen Tuchladen gegangen, das Bein auf den Ladentisch gelegt, und dort die neuen Beinkleidermuster drauf probiert, bloss um das Bein der sehr artigen Frau im Laden zu zeigen; – in dieser Laune schien er mir zu sein; nachlässig hatte er sein Bein ausgestreckt, betrachtete es wohlgefällig, strich mit der Hand drüber, dann wenige Worte über den herrlichen Abend flüsternd, beugte er sich zu mir herab, da ich am Boden sass und den Schoss voll Blumen hatte, wo ich die besten auslas zum Kranz, und so besprachen wir uns einsilbig, aber zierlich und mit Genuss in Gebärden und Worten, und ich wusste es ihm begreiflich zu machen, dass ich ihn liebenswürdig finde, als auf einmal Tante Lenens vorsorgende Bosheitspflege der feinen Gefühlskoketterie einen bösen Streich spielte; ich schäme mich noch, wenn ich dran denke; sie holte eine weisse langgestrickte wollne Zipfelmütze aus ihrer Schürzentasche, schob sie ineinander und zog sie dem Jacobi weit über die Ohren, weil die Abendluft beginne rauh zu werden, grade in dem Augenblick als ich ihm sagte: "Heute verstehe ich's recht, dass Sie schön sind", und er mir zum Dank die Rose in die Brust steckte, die ich ihm gegeben hatte. Jacobi wehrte sich gegen die Nachtmütze, Tante Lene behauptete den Sieg, ich mochte nicht wieder aufwärts sehen, so beschämt war ich. – "Sie sind recht kokett", sagte der Graf Westerhold, ich flocht still an meinem Kranz, da aber Tante Lene und Lotte einstimmend mir gute Lehren gaben, sprang ich plötzlich auf und trappelte so, dass der Kahn heftig schwankte, "um Gotteswillen wir fallen!" schrie alles, "ja, ja!" rief ich, "wenn Sie noch ein Wort weiter sagen über Dinge, die Sie nicht verstehen." Ich schwankte weiter, "haben Sie Ruh, es wird mir schwindlig". – Westerhold wollte mich anrühren, aber da schwankte ich so, dass er sich nicht vom Platz getraute, der Schiffer lachte und half schwanken, ich hatte mich vor Jacobi gestellt, um ihn nicht in der fatalen Mütze zu sehen, jetzt, wo ich sie alle in der Gewalt hatte, wendete ich mich nach ihm, nahm die Mütze beim Zipfel und schwenkte sie weit hinaus in die Wellen; "da hat der Wind die Mütze weggeweht", sagte ich, ich drückte ihm meinen Kranz auf den Kopf, der ihm wirklich schön stand, Lene wollt es nicht leiden, die frischen Blätter könnten ihm schaden. Lasse ihn mir doch, sagte Jacobi sanft, ich legte die Hand über den Kranz. "Jacobi", sagte ich: "Ihre feinen Züge leuchten im gebrochnen Licht dieser schönen Blätter wie