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kam es wieder nicht, ein einzigmal sah ich den Kronprinz im Teater, er winkte mir freundlich; nun gut: acht Tage hatte ich meinen Stadion nicht gesehen, am 10. April, wo ich die gewisse Nachricht erhielt, er sei in der Nacht abgereist, da war ich doch sehr betrübt, dass ich ihn sollte zum letztenmal gesehen haben, es war mir eine wunderliche Bedeutung, dass er am Karfreitag seine letzte Messe gelesen hatte; – die vielen zurückgehaltenen und verleugneten Gefühle brachen endlich in Tränen aus. In der Einsamkeit da lernt man kennen, was man will, und was einem versagt wird. Ich fand keine Lage für mein ringendes Herz, müde geworden vom Weinen, schlief ich ein, bist Du schon eingeschlafen, müde vom Weinen? – Männer weinen wohl so nicht? – Du hast wohl nie geweint, dass die Seufzer noch selbst im Schlaf die Brust beschweren. So schluchzend im Traum hör ich meinen Namen rufen; es war dunkel, bei dem schwachen Dämmerschein der Laternen von der Strasse erkenne ich einen Mann neben mir in fremder Soldatenkleidung, Säbel, Patrontasche, schwarzes Haar, sonst würde ich glauben, den schwarzen Fritz zu erkennen. – "Nein, du irrst nicht, es ist der schwarze Fritz, der Abschied von dir nimmt, mein Wagen steht an der Tür, ich gehe eben als Soldat zur österreichischen Armee, und was deine Freunde, die Tiroler, anbelangt, so sollst du mir keine Vorwürfe machen oder du siehst mich nie wieder, denn ich gebe dir mein Ehrenwort, ich werde nicht erleben, dass man sie verrate, es geht gewiss alles gut, eben war ich beim Kronprinzen, der hat mit mir die Gesundheit der Tiroler getrunken und dem Napoleon ein Pereat gebracht, er hat mich bei der Hand gefasst und gesagt: 'Erinnern Sie sich dran, dass im Jahr Neune im April, während der Tiroler Revolution, der Kronprinz von Bayern dem Napoleon widersagt hat,' und so hat er sein Glas mit mir angestossen, dass der Fuss zerschellte"; ich sagte zu Stadion: "Nun bin ich allein und hab keinen Freund mehr", er lächelte und sagte: "Du schreibst an Goete, schreibe ihm auch von mir, dass der katolische Priester auf dem Tiroler Schlachtfeld sich Lorbeern holen will", ich sagte: "Nun werde ich keine Messe so bald mehr hören"; – "und ich werde so bald auch keine mehr lesen", sagte er. Da stiess er sein Gewehr auf und reichte mir die Hand zum Abschied. Den werde ich gewiss nicht wiedersehen. Kaum war er fort, klopfte es schon wieder, der alte Bopp kommt herein, es war finster im Zimmer, an seiner stimme erkenne ich, dass er freudig ist, er reicht mir feierlich ein zerbrochnes Glas und sagt: "Das schickt Ihnen der Kronprinz und lässt Ihnen sagen, dass er die Gesundheit derjenigen daraus getrunken hat, die Sie protegieren, und hier schickt er Ihnen seine Kokarde als Ehrenpfand, dass er Ihnen sein Wort lösen werde, jeder Ungerechtigkeit, jeder Grausamkeit zu steuern." – Ich war froh, herzlich froh, dass ich nicht kleinlich und zaghaft gewesen war, dem Zutrauen zu folgen, was der Kronprinz und alles, ja auch selbst das Widersprechendste, was ich von ihm erfahren habe, mir einflösste; es war sehr freundlich von ihm, dass er mich so grüssen liess, und dass er nicht meine Voreiligkeit von sich wies; ich werde es ihm nicht vergessen, mag ich auch noch manches Verkehrte von ihm hören; denn unter allen, die ihn beurteilen, hat gewiss keiner ein so gutes Herz als er, der es sich ganz ruhig gefallen lässt. Ich weiss auch, dass er eine feierliche Hochachtung vor Dir hat und nicht wie andere Prinzen, die nur im Vorüberstreifen einen solchen Geist berühren wie Du, nein, es geht ihm von Herzen, wenn er Dich einmal sieht und Dir sagt, dass er sich's zum grössten Glück schätze.

Ich habe noch viel auf dem Herzen, denn ich habe Dich allein, dem ich's mitteilen kann. Jeder Augenblick erregt mich aufs neue, es ist als ob das Schicksal dicht vor meiner tür seinen Markt aufgeschlagen hätte; so wie ich den Kopf hinausstecke, bietet es Plunder, Verrat und Falschheit feil, ausser die Tiroler, deren Siegesjubel durch alle Verleumdung und Erbitterung der Feinde durchklingt, aus deren frisch vergossnem Blut schon neue Frühlingsblumen spriessen, und die Jünglinge frisch jeden Morgen von den nebelverhüllten Felszacken dem gewissen Sieg entgegentanzen.

Adieu, Adieu, auf meine Liebe weise ich Dich an, die hier in diesen Blättern nur im Vorüberstreifen den Staub ihrer üppigen Blüte aus den vollen Kelchen schüttelt.

Bettine

Friedrich Tieck macht jetzt Schellings Büste, sie wird nicht schöner als er, mitin ganz garstig, und doch ist es ein schönes Werk. –

Da ich in Tiecks Werkstätte kam und sah, wie der grosse, breite, prächtige, viereckige Schellingskopf unter seinen fixen Fingern zum Vorschein kam, dachte ich, er habe unserm Herrgott abgelernt, wie er die Menschen machte, und er werde ihm gleich den Atem einblasen, und der Kopf werde lernen A – B – sagen, womit ein Philosoph so vieles sagen kann.

An Bettine

Man möchte mit Worten so gerne wie mit Gedanken Dir entgegenkommen, liebste Bettine; aber die Kriegszeiten, die so grossen Einfluss auf das Lesen haben, erstrecken ihn nicht minder streng