1835_Arnim_002_91.txt

wohl den heiligen Geist in sich erweckt, dass der regiere statt seiner? – Der Stadion seufzt und sagt: "Das Beste ist, dass, wie die Würfel auch fallen, der Weg zum Himmel immer unversperrt bleibt für König und Untertan."

25. März

Ich habe keinen Mut und keinen Witz, ach hätt ich doch einen Freund, der nächtlich mit mir über die Berge ging.

Die Tiroler liegen in dieser Kälte mit Weib und Kind zwischen den Felsen, und ihr begeisterter Atem durchwärmt die ganze Atmosphäre. Wenn ich den Stadion frage, ob der Herzog Karl sie auch gewiss nicht verlassen werde, dann faltet er die hände und sagt: "Ich will's nicht erleben."

26. März

Das Papier muss herhalten, einziger Vertrauter! – Was doch Amor für tückische Launen hat, dass ich in dieser Reihe von Liebesbriefen auf einmal mich für Mars entzünde, mein teil Liebesschmerzen hab ich schon, ich müsste mich schämen, in diesem Augenblick sie geltend machen zu wollen; und könnt ich nur etwas tun, und wollten die Schicksalsmächte mich nicht verschmähen! Das ist das Bitterste, wenn man ihnen nichts gilt, wenn sie einem zu nichts verwenden.

denke nur, dass ich in dem verdammten München allein bin. Kein Gesicht, dem zu trauen wär; Savigny ist in Landshut, dem Stadion schlagen die Wellen in diesem politischen Meeressturm überm Kopf zusammen, ich sehe ihn nur auf Augenblicke, man ist ganz misstrauisch gegen mich wegen ihm, das ist mir grade lieb, wenn man auch hochmütig ist auf den eignen Wahnsinn, so soll man doch ahnen, dass nicht jeder von ihm ergriffen ist. Heute morgen war ich draussen im beschneiten Park und erstieg den Schneckenturm, um mit dem Fernrohr nach den Tiroler Bergen zu sehen, wüsste ich Dein Dach dort, ich könnte nicht sehnsüchtiger danach spähen.

Heute liess Winter probe halten von einem Marsch, den er für den Feldzug gegen Tirol komponierte, ich sagte, der Marsch sei schlecht, die Bayern würden alle ausreissen und der Schimpf auf ihn fallen. Winter zerriss die Komposition und war so zornig, dass sein langes Silberhaar wie ein vom Hagel getroffenes Ährenfeld hin- und herwogte. Ach, könnte ich doch andere Anstalten auch so hintertreiben wie den Marsch.

Jacobi habe ich in drei Wochen nicht gesehen, obschon ich ihm über seinen Woldemar, den er mir hier zu lesen gab, einen langen Brief geschrieben habe; ich wollte mich üben, die Wahrheit sagen zu können, ohne dass sie beleidigt, er war mit dem Brief zufrieden und hat mir mancherlei darauf erwidert, wär ich nicht in das heftige Herzklopfen geraten wegen den Tirolern, so wär ich vielleicht in eine philosophische Korrespondenz geraten und gewiss drin stecken geblieben; dort auf den Bergen aber nicht, da hätt ich meine Sache durchgefochten.

Schelling sehe ich auch selten, er hat etwas an sich, das will mir nicht behagen, und dies Etwas ist seine Frau, die mich eifersüchtig machen will auf Dich, sie ist in Briefwechsel mit einer Pauline G. aus Jena, von dieser erzählt sie mir immer, wie lieb Du sie hast, wie liebenswürdige Briefe Du ihr schreibst usw., ich höre zu und werde krank davon, und dann ärgert mich die Frau. – Ach, es ist auch einerlei, ich kann nicht wollen, dass Du mich am liebsten hast, aber es soll sich niemand unterstehen, seine Rechte mit mir zu messen in der Liebe zu Dir.

Bettine

An Goete

10. April

Die Sonne geht mir launig auf, beleuchtet mir manches Verborgne, blendet mich wieder. Mit schweren Wolken abwechselnd zieht sie über mir hin, bald stürmisch Wetter, dann wieder Ruh.

Es ebnet sich nach und nach, und auf dem glatten Spiegel, hell und glühend, steht immer wieder des liebsten Mannes Bildnis, wankt nicht, warum vor andern nur Du? – Warum nach allen immer wieder Du? Und doch bin ich Dir werter mit all der Liebe in der Brust? – – frag ich Dich? – Nein, ich weiss recht gut, dass Du doch nichts antwortest, – und wenn ich auch sagte: "Lieber, geliebter einziger Mann."

Was hab ich alles erlebt in diesen Tagen, was mir das Herz gebrochen, ich möchte meinen Kopf an Deinen Hals verstecken, ich möchte meine arme um Dich schlingen und die böse Zeit verschlafen.

Was hat mich alles gekränkt, – nichts hab ich gehabt in Kopf und Herzen als nur immer das mächtige Schicksal, das dort in den Gebirgen rast. Warum soll ich aber weinen um die, die ihr Leben mit so freudiger Begeisterung ausgehaucht haben? – Was erbarmt mich denn so? – Hier ist kein Mitleid zu haben als zuhalten. Will ich Dir alles schreiben, so verträume ich die Zeitdie Zeit, die auf glühenden Sohlen durchs Tirol wandert; so bittere Betrübnis hat mich durchdrungen, dass ich's nicht wage, die Papiere, die in jenen Stunden geschrieben sind, an Dich abzuschicken.

19. April

Ich bin hellsehend, Goete, – ich sehe das vergossne Blut der Tiroler triumphierend in den Busen der Gotteit zurückströmen. Die hohen gewaltigen Eichen, die Wohnungen der Menschen, die grünen Matten, die glücklichen Herden, der geliebte gepflegte Reichtum des Heldenvolks, die den Opfertod in den Flammen fanden, das alles sehe ich verklärt mit ihnen gegen Himmel fahren, bis auf den treuen Hund, der, seinen Herrn beschützend