ehe die Sichel ihn schneidet."
20. März
Ich bin begierig, über Liebe sprechen zu hören, die ganze Welt spricht zwar drüber, und in Romanen ist genug ausgebrütet, aber nichts, was ich gern hören will. Als Beweis meiner Aufrichtigkeit bekenne ich Dir: auch im Wilhelm Meister geht mir's so, die meisten Menschen ängstigen mich drin, wie wenn ich ein bös Gewissen hätte, da ist es einem nicht geheuer innerlich und äusserlich, – ich möchte zum Wilhelm Meister sagen: "Komm, flüchte Dich mit mir jenseits der Alpen zu den Tirolern, dort wollen wir unser Schwert wetzen und das Lumpenpack von Komödianten vergessen, und alle Deine Liebsten müssen denn mit ihren Prätensionen und höheren Gefühlen eine Weile darben; wenn wir wiederkommen, so wird die Schminke auf ihren Wangen erbleicht sein, und die flornen Gewande und die feinen Empfindungen werden vor Deinem sonneverbrannten Marsantlitz erschaudern. Ja, wenn etwas noch aus Dir werden soll, so musst Du Deinen Entusiasmus an den Krieg setzen, glaube mir, die Mignon wär nicht aus dieser schönen Welt geflüchtet, in der sie ja doch ihr Liebstes zurücklassen musste, sie hätte gewiss alle Mühseligkeiten des krieges mit ausgehalten und auf den rauhen Alpen in den Winterhöhlen übernachtet bei karger Kost, das Freiheitsfeuer hätte auch in ihrem Busen gezündet und frisches, gesünderes Blut durch ihre Adern geleitet. – Ach, willst Du diesem Kind zulieb nicht alle diese Menschen zuhauf verlassen? – Die Melancholie erfasst Dich, weil keine Welt da ist, in der Du handeln kannst. – Wenn Du Dich nicht fürchtest vor Menschenblut: – hier unter den Tirolern kannst Du handeln für ein Recht, das ebensogut aus reiner natur entsprungen ist, wie die Liebe im Herzen der Mignon. – Du bist's, Meister, der den Keim dieses zarten Lebens erstickt unter all dem Unkraut, was Dich überwächst. Sag, was sind sie alle gegen den Ernst der Zeit, wo die Wahrheit in ihrer reinen Urgestalt emporsteigt und dem Verderben, was die Lüge angerichtet hat, Trotz bietet? –
O, es ist eine himmlische Wohltat Gottes, an der wir alle gesunden könnten, eine solche Revolution: er lässt abermals und abermals die Seele der Freiheit wieder neugeboren werden.
Siehst Du, Meister, wenn Du heute in der sternhellen kalten Nacht Deine Mignon aus ihrem Bettchen holst, in dem sie gestern mit Tränen um Dich eingeschlafen war; Du sagst ihr: "Sei hurtig und gehe mit, ich will allein mit Dir in die Fremde ziehen"; o, sie wird's verstehen, es wird ihr nicht unglaublich vorkommen, Du tust, was sie längst von Dir verlangte, und was Du unbegreiflich unterlassen hast. Du wirst ihr ein Glück schenken, dass sie Deine harten Mühen teilen darf; bei Nacht auf gefahrvollen Wegen, wo jeder Schritt täuscht, da wird ihr Scharfblick, ihre kühne Zuversicht Dich sicher leiten hinüber zum kriegbedrängten Volk; und wenn sie sieht, dass Du Deine Brust den Pfeilen bietest, wird sie nicht zagen, es wird sie nicht kränken wie die Pfeile des schmeichelnden Sirenenvolks; sie wird rasch heranreifen zu dem kühnen Vertrauen, mit einzuklingen in die Harmonie der Freiheitsbegeisterung. Und wenn Du auch im Vordertreffen stürzen musst, was hat sie verloren? – Was könnte ihr diesen schönen Tod ersetzen, an Deiner Seite vielleicht? – Beide Arm in Arm verschränkt, lägt Ihr unter der kühlen gesunden Erde, und mächtige Eichen beschatteten Euer Grab; sag, wär's nicht besser, als dass Du bald ihr feines Gebild den anatomischen Händen des Abbé überlassen musst, dass er ein künstliches Wachs hineinspritze?
Ach, ich muss klagen, Goete, über alle Schmerzen früherer Zeit, die Du mir angetan, ich fühl mich jetzt so hilflos, so unverstanden wie damals die Mignon. – Da draussen ist heute ein Lärm, und doch geschieht nichts, sie haben arme Tiroler gefangen eingebracht, armes Taglöhnervolk, was sich in den Wäldern versteckt hatte; ich hör hier oben das wahnsinnige Toben, ich habe Läden und Vorhänge zugemacht, ich kann's nicht mit ansehen, der Tag ist auch schon im Scheiden, ich bin allein, kein Mensch, der wie ich menschlich fühlte. Diese festen, sicheren, in sich einheimischen Naturen, die den Geist der Treue und Freiheit mit der reineren Luft ihrer Berge einatmen, die müssen sich durch die kotigen Strassen schleifen lassen von einem biertrunkenen Volk, und keiner tut diesem Einhalt, keiner wehrt seinen Misshandlungen; man lässt sie sich versündigen an den höheren Gefühlen der Menschheit. – Teufel! – Wenn ich Herrscher wär, hier wollt ich ihnen zeigen, dass sie Sklaven sind, es sollte mir keiner wagen, sich am Ebenbild Gottes zu vergreifen.
Ich meine immer, der Kronprinz müsse anders empfinden, menschlicher, die Leute wollen ihn nicht loben, sie sagen: er sei eigensinnig und launig, ich habe Zutrauen zu ihm, er pflegt den Garten, den er als Kind hatte, noch jetzt mit Sorgfalt, begiesst die Blumen, die in seinen Zimmern blühen, selbst, macht Gedichte, holperig, aber voll Begeisterung, das alles sagt mir gut für ihn.
Was wohl ein solcher für Gedanken hat, der jeden Gedanken realisieren könnte? – Ein Fürst, dessen Geist das ganze Land erhellen soll? – Er müsste verharren im Gebet sein Leben lang, der angewiesen ist, in tausend andern zu leben, zu handeln.
Ja, ob ein Königssohn