schon an der Adresse erkennt, sagt: "Fr. Rat, da bringt der Briefträger ein Pläsier." – Sei aber nicht gar zu toll mit meinem Sohn, alles muss in seiner Ordnung bleiben. Das braune Zimmer ist neu tapeziert mit der Tapete, die Du ausgesucht hast, die Farbe mischt sich besonders schön mit dem Morgenrot, das überm Katarinenturm heraufsteigt und mir bis in die stube scheint. Gestern sah unsre Stadt recht wie ein Feiertag aus in dem unbefleckten Licht der Alba.
Sonst ist noch alles auf dem alten Fleck. Um Deinen Schemmel habe keine Not, die Liese leidet's nicht, dass jemand drauf sitzt.
schreibe recht viel, und wenn's alle Tag wär, Deiner wohlgeneigten Freundin
Goete
Frau Rat!
Schlangenbad
Wir sind gestern auf Müllereseln geritten, weit ins Land hinaus über Rauental hinweg. Da geht's durch bewaldete Felswege, links die Aussicht in die Talschlucht und rechts die waldige emporsteigende Felswand. Da haben mich dann die Erdbeeren sehr verlockt, dass ich schier um meinen Posten gekommen wär, denn mein Esel ist der Leitesel. Weil ich aber immer Halt machte, um die Erdbeeren zu pflücken, so drängte die ganze Gesellschaft auf mich ein und ich musste tausend rote Beeren am Wege stehen lassen. Heute sind's acht Tage, aber ich schmachte noch danach, die gespeisten sind vergessen, die ungepflückten brennen mich noch auf der Seele. Eben drum würde ich's ewig bereuen, wenn ich versäumte, was ich das Recht habe zu geniessen, und da braucht Sie nicht zu fürchten, dass ich die Ordnung umstosse. Ich häng mich nicht wie Blei an meinen Schatz, ich bin wie der Mond, der ihm ins Zimmer scheint, wenn die geputzten Leute da sind und die vielen Lichter angezünd't, dann wird er wenig bemerkt, wenn die aber weg sind und das Geräusch ist vorüber, dann hat die Seele um so grössere sehnsucht, sein Licht zu trinken. denken, wenn er allein ist. – Ich bin erzürnt über alle Menschen, die mit ihm zu tun haben, doch ist mir keiner gefährlich bei ihm, aber das geht Sie alles nichts an. Ich werde doch nicht die Mutter fürchten sollen, wenn ich den Sohn lieb hab? –
An Bettine
Frankfurt, am 25. Mai
Ei Mädchen, Du bist ja ganz toll, was bild'st Du Dir ein? – Ei, wer ist denn Dein Schatz, der an Dich denken soll bei Nacht im Mondschein? – Meinst Du, der hätt nichts Bessers zu tun? – Ja proste Mahlzeit. Ich sag Dir noch einmal: alles in der Ordnung, und schreibe ordentliche Briefe, in denen was zu lesen steht. – Dummes Zeug nach Weimar schreiben; – schreibe, was Euch begegnet, alles ordentlich hinter einander. Erst wer da ist, und wie Dir jeder gefällt, und was jeder an hat, und ob die Sonne scheint, oder ob's regnet, das gehört auch zur sache.
Mein Sohn hat mir's wieder geschrieben, ich soll Dir sagen, dass Du ihm schreibst. schreibe ihm aber ordentlich, Du wirst Dir sonst das ganze Spiel verderben.
Am Freitag war ich im Konzert, da wurde Violoncell gespielt, da dachte ich an Dich, es klang so recht wie Deine braune Augen. Adieu, Mädchen, Du fehlst überall Deiner Frau Rat.
Frau Rat!
Ich will Ihr gern den Gefallen tun und einmal einen recht langen deutlichen Brief schreiben, meinen ganzen Lebensaufentalt in Winckel.
Erst ein ganzes Haus voll Frauen, kein einziger Mann, nicht einmal ein Bedienter. Alle Läden im Haus sind zu, damit uns die Sonne nicht wie unreife Weinstöcke behandelt und garkocht. Das Stockwerk, in dem wir wohnen, besteht aus einem grossen Saal, an das lauter kleine Kabinette stossen, die auf den Rhein sehen, in deren jedem ein Pärchen von unserer Gesellschaft wohnt. Die liebe Marie mit den blonden Haaren ist Hausfrau und lässt für uns backen und sieden. Morgens kommen wir alle aus unseren Gemächern im Saal zusammen. Es ist ein besondres Pläsier zu sehen, wie einer nach dem andern griechisch drapiert hervorkommt. Der Tag geht vorüber in launigem Geschwätz, dazwischen kommen Bruchstücke von Gesang und Harpegge auf der Gitarre. Am Abend spazieren wir an den Ufern des Rheins entlang, da lagern wir uns auf dem Zimmerplatz; ich lese den Homer vor, die Bauern kommen alle heran und hören zu; der Mond steigt zwischen den Bergen herauf und leuchtet statt der Sonne. In der Ferne liegt das schwarze Schiff, da brennt ein Feuer, der kleine Spitzhund auf dem Verdeck schlägt von Zeit zu Zeit an. Wenn wir das Buch zumachen, so ist ein wahres politisches Verhandeln; die Götter gelten nicht mehr und nicht weniger als andre Staatsmächte, und die Meinungen werden so hitzig behauptet, dass man denken sollte, alles wär gestern geschehen, und es wär manches noch zu ändern. Einen Vorteil hab ich davon: hätt ich den Bauern nicht den Homer vorgelesen, so wüsste ich heute noch nicht, was drin steht, die haben mir's durch ihre Bemerkungen und fragen erst beigebracht. – Wenn wir nach haus kommen, so steigt einer nach dem andern, wenn er müde ist, zu Bette. Ich sitze dann noch am Klavier, und da fallen mir Melodien ein, auf denen ich die Lieder, die mir lieb sind, gegen Himmel trage.