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genug ist, mich in alle Schlupfwinkel von verfallenem Gemäuer, über Berg und Klüfte zu begleiten, so will ich's auch noch wagen, Dich bei mir einzuführen; ich bitte also: komm, – nur immer höher, – drei Stiegen hochhier in mein Zimmer, setz Dich auf den blauen Sessel am grünen Tisch, mir gegenüber; – ich will Dich nur ansehen, undGoete! – folgt mir Deine Einbildungskraft immer noch? – Dann musst Du die unwandelbarste Liebe in meinen Augen erkennen, musst jetzt liebreich mich in Deine arme ziehen; sagen: "So ein treues Kind ist mir beschert, zum Lohn, zum Ersatz für manches. Es ist mir wert dies Kind, ein Schatz ist mir's, ein Kleinod, das ich nicht verlieren will." – Siehst Du? – Und musst mich küssen; denn das ist, was meine Einbildungskraft der Deinigen beschert.

Ich führ Dich noch weiter; – tritt sachte auf in meines Herzens kammer; – hier sind wir in der Vorhalle; – grosse Stille! – Kein Humboldt, – kein Architekt, – kein Hund, der bellt. – Du bist nicht fremd; – geh hin, poch anes wird allein sein und "herein!" – Dir rufen. Du wirst's auf kühlem, stillem Lager finden, ein freundlich Licht wird Dir entgegenleuchten, alles wird in Ruh und Ordnung sein, und Du willkommen. – Was ist das? – Himmel! – Die Flammen über ihm zusammenschlagend! – Woher die Feuersbrunst? – Wer rettet hier? – Armes Herz! – Armes notgedrungenes Herz. – Was kann der Verstand hier? – Der weiss alles besser und kann doch nichts helfen, der lässt die arme sinken.

Kalt und unbedeutend geht das Leben entweder so fort, das nennt man einen gesunden Zustand; oder wenn es wagt auch nur den einzigen Schritt tiefer ins Gefühl, dann greifen Leidenschaften brennend mit Gewalt es an, so verzehrt sich's in sich selber. – Die Augen muss ich zumachen und darf nichts ansehen, was mir lieb ist. Ach! Die kleinste Erinnerung macht mich ergrimmen in sehnendem Zorn, und drum darf ich auch nicht immer in Gedanken Dir nachgehen, weil ich zornig werde und wild. – Wenn ich die hände ausstrecke, so ist's doch nur nach den leeren Wänden, wenn ich spreche, so ist's doch nur in den Wind, und wenn ich endlich Dir schreibe, so empört sich mein eigen Herz, dass ich nicht die leichte brücke von dreimal Tag und Nacht überfliege und mich in süssester, der Liebe ewig ersehnter Ruhe zu Deinen Füssen lege.

Sag, wie bist Du so mild, so reichlich gütig in Deinem lieben Brief; mitten in dem hartgefrornen Winter sonnige Tage, die mir das Blut warm machen; – was will ich mehr? – Ach, so lang ich nicht bei Dir bin, kein Segen.

Ach, ich möchte, sooft ich Dir wieder schreibe, auch wieder Dir sagen: wie und warum und alles; ich möchte Dich hier auf den einzigen Weg leiten, den ich einzig will, damit es einzig sei und ich nur einzig sei, die so Dich liebt und so von Dir erkannt wird.

Ob Liebe die grösste leidenschaft sei und ob zu überwinden, verstehe ich nicht, bei mir ist sie Willen, mächtiger, unüberwindlicher.

Der Unterschied zwischen göttlichem und menschlichem Willen ist nur, dass jener nicht nachgibt und ewig dasselbe will; unser Wille über jeden Augenblick fragt: "Darf oder soll ich?" – Der Unterschied ist, dass der göttliche Wille alles verewigt und der menschliche am irdischen scheitert; das ist aber das grosse Geheimnis, dass die Liebe himmlischer Wille ist, Allmacht, der nichts versagt ist.

Ach, Menschenwitz hat keinen Klang, aber himmlischer Witz, der ist Musik, lustige Energie, dem ist das Irdische zum Spott; er ist das glänzende Gefieder, mit dem die Seele sich aufschwingt, hoch über die Ansiedelungen irdischer Vorurteile, von da oben herab ist ihr alles Geschick gleich. Wir sagen, das Schicksal walte über uns? – Wir sind unser eigen Schicksal, wir zerreissen die Fäden, die uns dem Glück verbinden, und knüpfen jene an, die uns unselige Last aufs Herz legen; eine innere geistige Gestalt will sich durch die äussere weltliche bilden, dieser innere Geist regiert selbst sein eigen Schicksal, wie es zu seiner höheren Organisation erforderlich ist.

Du musst mir's nicht verargen, wenn ich's nicht deutlicher machen kann, Du weisst alles und verstehst mich und weisst, dass ich recht habe, und freust Dich drüber.

Gute Nacht! – Bis morgen gute Nacht, – alles ist still, schläft ein jeder im Haus, hängt träumend dem nach, was er wachend begehrt, ich aber bin allein wach mit Dir. Draussen auf der Strasse kein laut mehrich möchte wohl versichert sein, dass in diesem Augenblick keine Seele mehr an Dich denkt, kein Herz einen Schlag mehr für Dich tut, und ich allein auf der weiten Welt sitze zu Deinen Füssen, das Herz in vollen Schlägen geht auf und ab; und während alles schläft, bin ich wach, Dein Knie an meine Brust zu drücken, – und Du? – Die Welt braucht's nicht zu wissen, dass Du mir gut bist.

Bettine

An Goete

München, 3. März