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Antwort, der Genius bleibt keine schuldig; aber wir scheuen uns, zu fragen, und noch mehr die Antwort zu vernehmen und zu begreifen, denn das kostet Mühe und Schmerzen; anders können wir nichts lernen, wo sollten wir's herhaben, wer Gott fragt, dem antwortet er das Göttliche.

Auf den Festen, die man hier Akademien nenntMaskenbälle, in der Mitte ein kleines Teater, worauf pantomimische Vorstellungen gegeben werden von Harlekin Pierrot und Pantalonhab ich den Kronprinzen kennengelernt; ich habe eine Weile mit ihm gesprochen, ohne zu wissen, wer er sei, er hat etwas zusprechendes Freundliches und wohl auch originell Geistreiches; sein ganzes Wesen scheint zwar mehr nach Freiheit zu ringen, als mit ihr geboren zu sein; seine stimme, seine Sprache und Gebärden haben etwas Angestrengtes wie ein Mensch, der sich mit grossem Aufwand von Kräften an glatten Felswänden hinaufhalf, eine zitternde Bewegung in den noch nicht geruhten Gliedern hat. Und wer weiss, wie seine Kinderjahre, seine Neigungen bedrängt oder durch Widerspruch gereizt wurden, ich sehe ihm an, dass er schon manches überwinden musste, und auch, dass sich Grosses aus ihm entwickeln kann; ich bin ihm gut, ein so junger Herrscher in der Vorhölle, wo er leiden muss, dass sich jede Zunge über ihn erbarmt; seine gute Münchner, wie er sie nennt, sind ihm nicht grün; ja wartet nur, bis er mündig ist, entweder er beschämt euch alle, oder er wird's euch garstig eintränken.

Am 31. Januar

Dem wunderbaren Frühlingswetter konnte ich nicht widerstehen, der warme mailiche Sonnenstrahl, der das harte eisige Neujahr ganz zusammenschmolz, war überraschend, es hat mich hinausgetrieben in den kahlen, englischen Garten, ich bin auf alle Freundschaftstempel, chinesische Türme und Vaterlandsmonumente geklettert, um die Tiroler Bergkette zu erblicken, die tausendfach ihre gespaltnen Häupter gegen Himmel ragt; auch in meiner Seele kannst Du solche grosse Bergmassen finden, die tief bis in die Wurzel gespalten sind, kalt und kahl ihre hartnäckige Zacken in die Wolken strecken. Bei der Hand möchte ich Dich nehmen und weit wegführen, dass Du Dich besinnen solltest über mich, dass ich Dir in Deinen Gedanken aufginge als etwas Merkwürdiges, dem Du nachspürtest, wie zum Beispiel einem Intermaxilarknochen, über den Du Dein Recht in so eifriger Korrespondenz gegen Soemering behauptest, sag mir aufrichtig, werde ich Dir nie so wichtig sein als ein solcher toter Knochen? – Dass Gott alles wohlgefügt habe, wer kann das bezweifeln! Ob Du aber Dein Herz wohl mit meinem verschränkt habest, dagegen erheben sich bei mir zu manchen trüben Stunden Zweifel, von schweren Seufzern begleitet. Am Rhein hab ich Dir viel und liebend geschrieben, ja ich war ganz in Deiner Gewalt, und was ich dachte und fühlte, war, weil ich im geist Dich ansah, nun haben wir eine Pause gemacht beinah vier Monate, Du hast mir noch nicht geantwortet auf zwei Briefe.

Es liegt mir an allem nichts, aber daran liegt mir, dass ich um Dich nicht betrogen werde; dass mir kein Wort, kein blick von Dir gestohlen werde, ich hab Dich so lieb, das ist alles, mehr wird nicht in mich gehen, und anders wird man nichts an mir erkennen, und ich denke auch, das ist genug, um mein ganzes Leben den Musen als ein wichtiges Dokument zu hinterlassen; darum vergeht mir manche Zeit so hart und kalt wie dieser harte Winter, darum blüht's wieder und drängt von allen Seiten wieder ins Leben. – Darum hüt ich oft meine Gedanken vor Dir. Diese ganze Zeit konnte ich kein Buch von Dir anrühren. Nein, ich konnte keine Zeile lesen, es war mir zu traurig, dass ich nicht bei Dir sein kann. Ach, die Mutter fehlt mir, die mich beschwichtigte, die mich hart machte gegen mich selber, ihr klares feuriges Auge sah mich durch und durch, ich brauchte ihr nicht zu gestehen, sie wusste alles, ihr feines Ohr hörte bei dem leisesten Klang meiner stimme, wie es um mich stehe; o sie hat mir manche Gegengeschichte zu meiner Empfindung erzählt, ohne dass ich sie ihr wörtlich mitteilte, wie oft hat ein freudiges Zurufen von ihr alle Wolken in mir zerteilt, welche freundliche Briefe hat sie mir ins Rheingau geschrieben; "Tapfer!" – rief sie mir zu; "sei tapfer, da sie dich doch nicht für ein echtes Mädchen wollen gelten lassen, und sagen, man könne sich nicht in dich verlieben, so bist du die eine Plage los, sie höflich abzuweisen, so sei denn ein tapferer Soldat, wehr dich dagegen, dass du meinst, du müsstest immer bei ihm sein und ihn bei der Hand halten, wehr dich gegen deine eigne Melancholie, so ist er immer ganz und innigst dein und kein Mensch kann dir ihn rauben."

Solche Zeilen machten mich unendlich glücklich, wahrhaftig ich fand Dich in ihr wieder, wenn ich nach Frankfurt kam, so flog ich zu ihr hin; wenn ich die Tür aufmachte, wir grüssten uns nicht, es war als ob wir schon mitten im Gespräch seien. Wir zwei waren wohl die einzig lebendigen Menschen in ganz Frankfurt und überall, manchmal küsste sie mich und sprach davon, dass ich in meinem Wesen sie an Dich erinnere, sie habe auch Dein Sorgenbrecher sein müssen. Sie baute auf mein Herz. Man konnte ihr nicht weismachen, dass ich falsch gegen sie