damit er recht hell leuchte: da ziehen sie ihm ein Hemd von Batist an mit frischem Jabot und Manschetten und einen Pelzrock mit prächtigem Zobel gefüttert, der Wärmkorb wird vorangetragen, kommt er aus der Sitzung zurück, so muss er ein bisschen schlafen, nicht ob er will; so geht's bis zum Abend in fortwährendem Widerspruch, wo sie ihm die Nachtmütze über die Ohren ziehen und ihn zu Bette führen.
Der Geist, auch unwillkürlich, bahnt sich eine Freistätte, in der ihn nichts hindert zu walten nach seinem Recht, was diesem nicht Eintrag tut, wird er gern der Willkür andrer überlassen. Das hat die Mutter oft an Dir gepriesen, dass Deine Würde aus Deinem Geist fliesse, und dass Du einer andern nie nachgestrebt habest; die Mutter sagte, Du seist dem Genius treu, der Dich ins Paradies der Weisheit führt, Du geniessest alle Früchte, die er Dir anbietet, daher blühen Dir immer wieder neue, schon während Du die ersten verzehrst. Lotte und Lene aber verbieten dem Jacobi das Denken als schädlich, und er hat mehr Zutrauen zu ihnen als zu seinem Genius, wenn der ihm einen Apfel schenkt, so fragt er jene erst, ob der Wurm nicht drin ist.
Es braucht keinen grossen Witz, und ich fühle es in mir selber gegründet: im Geist liegt der unauslöschliche Trieb, das Überirdische zu denken, so wie das Ziel einer Reise hat er den höchsten Gedanken als Ziel; er schreitet forschend durch die irdische Welt der himmlischen zu, alles was dieser entspricht, das reisst der Geist an sich und geniesst es mit Entzücken, drum glaube ich auch, dass die Liebe der Flug zum Himmel ist.
Ich wünsch es Dir, Goete, und ich glaube es auch fest, dass all Dein Forschen, Deine Erkenntnis, das, was die Muse Dir lehrt, und endlich auch Deine Liebe vereint Deinem Geist einen verklärten Leib bilden, und dass der dem irdischen Leib nicht mehr unterworfen sein werde, wenn er ihn ablegt, sondern schon in jenen geistigen Leib übergeströmt. Sterben musst Du nicht, sterben muss nur der, dessen Geist den Ausweg nicht findet. Denken beflügelt den Geist, der beflügelte Geist stirbt nicht, er findet nicht zurück in den Tod. –
Mit der Mutter konnte ich über alles sprechen, sie begriff meine Denkweise, sie sagte: "Erkenne erst alle Sterne und das letzte, dann erst kannst Du zweifeln, bis dahin ist alles möglich."
Ich habe von der Mutter viel gehört, was ich nicht vergessen werde, die Art, wie sie mir ihren Tod anzeigte, hab ich aufgeschrieben für Dich. Die Leute sagen, Du wendest Dich von dem Traurigen, was nicht mehr abzuändern ist, gerne ab, wende Dich in diesem Sinne nicht von der Mutter ihrem Hinscheiden ab, lerne sie kennen, wie weise und liebend sie grade im letzten Augenblick war und wie gewaltig das Poetische in ihr.
Heute sag ich Dir nichts mehr, denn ich sehne mich, dass dieser Brief bald an Dich gelange; schreibe mir ein Wort, meine Zufriedenheit beruht darauf. In diesem Augenblick ist mein Aufentalt in Landshut; in wenig Tagen gehe ich nach München, um mit dem Kapellmeister Winter Musik zu studieren.
Manches möchte man lieber mit Gebärden und Mienen sagen, ach besonders Dir hab ich nichts Höheres zu verkünden, als bloss Dich anzulächeln.
lebe wohl, bleib mir geneigt, schreibe mir wieder, dass Du mich lieb hast, was ich mit Dir erlebt habe, ist mir ein Tron seliger Erinnerung. Die Menschen trachten auf verschiedenen Wegen alle nach einem Ziel, nämlich glücklich zu sein, wie schnell bin ich befriedigt, wenn Du mir gut und meiner Liebe ein treuer Bewahrer sein willst.
Ich bitte die Frau zu grüssen, sobald ich nach München komme, werde ich ihrer gedenken.
Landshut, den 18. Dezember 1808
Dir innigst angelobt
Bettine Brentano, bei Baron von Savigny
An Frau von Goete
Gerne hätte ich nach dem Beispiel der guten Mutter mein kleines Andenken zum Weihnachten zu rechter Zeit gesendet; allein ich muss gestehen, dass Misslaune und tausend andre Fehler meines Herzens mich eine ganze Weile von allem freundlichen Verkehr abhielten. Die kleine Kette war Ihnen gleich nach dem tod der Mutter bestimmt. Ich dachte, Sie sollten diese während der Trauer tragen, und immer verschob ich die Sendung, zum teil weil es mir wirklich unerträglich war, auch nur mit der Feder den Verlust zu berühren, der für mich ganz Frankfurt zu einer Wüste gemacht hat. – Das kleine Halstuch hab ich noch bei der Mutter gestickt und hier in den müssigen Stunden vollendet.
Bleiben Sie mir freundlich, erinnern Goete in den guten Stunden an mich, ein Gedanke von ihm an mich ist mir eine strahlende Zierde, die mich mehr schmückt und ergötzt als die köstlichsten Edelsteine. Sie sehen also, welchen Reichtum Sie mir spenden können, indem Sie ihn bescheidentlich meiner Liebe und Verehrung versichern. Auch für ihn hab ich etwas, es ist mir aber so lieb, dass ich es ungern einer gefahrvollen Reise aussetze. Ich mache mir Hoffnung, ihn in der ersten Hälfte dieses Jahres noch zu sehen, wo ich es ihm selbst bringen kann. Erhalten Sie sich gesund und recht heiter in diesem kalten Winter. Meine Schwachheit, Ihnen Freude machen zu wollen, behandeln Sie wie immer mit gütiger Nachsicht. München, 8. Januar 1809
Bettine
An Goete
Andre Menschen waren glücklicher als ich, die das Jahr nicht