dem Volk, das dem geliebten Fürsten entgegenzieht, und ich dachte: in wenig Tagen wird alles, was Dich so von aussen ergreift, in Dir selber erwachen! – Aber da ich nun endlich, endlich bei Dir war: – Traum, jetzt noch, – wunderbarer Traum, – da kam mein Kopf auf Deiner Schulter zu ruhen, da schlief ich ein paar Minuten nach vier bis fünf schlaflosen Nächten zum erstenmal.
Siehst Du, siehst Du! – Da soll ich mich hüten vor Lieb, und hat mir nie sonst Ruhe geglückt; aber in Deinen Armen da kam der lang verscheuchte Schlaf, und ich hatte kein ander Begehren; alles andere, woran ich mich angeklammert hatte und was ich glaubte zu lieben, das war's nicht; – aber soll keiner sich hüten oder sich um sein Schicksal kümmern, wenn er das Rechte liebt; sein Geist ist erfüllt, – was nützt das andere! –
Den 18.
Wenn ich nun auch zu Dir kommen wollte, würde ich den rechten Weg finden? Da so viele nebeneinanderher laufen, so denke ich immer, wenn ich an einem Wegweiser vorübergehe, und bleibe oft stehen und bin traurig, dass er nicht zu Dir führt; und dann eil ich nach haus und meine, ich hätte Dir viel zu schreiben! – Ach, ihr tiefen, tiefen Gedanken, die ihr mit ihm sprechen wollt, – kommt aus meiner Brust hervor! Aber ich fühl's in allen Adern, ich will Dich nur locken, ich will, ich muss Dich nur sehen.
Wenn man bei der Nacht im Freien geht und hat die Abendseite vor sich: am äussersten Ende des duneines glänzenden tages langsam abwärts ziehen – so geht mir's bei der Erinnerung an Dich. Wenn die Zeit noch so dunkel und traurig ist, weiss ich doch, wo mein Tag untergegangen ist.
Den 20.
Ich habe selten eine Zeit in meinem Leben so erfüllt gehabt, dass ich sagen könnte, sie sei mir unvermerkt verstrichen; ich fühl nicht, wie andere Menschen, die sich amüsieren, wenn ihnen die Zeit schnell vergeht; im Gegenteil, es ist mir der Tag verhasst, der mir vergangen ist, ich weiss nicht wie. Von jedem Augenblick bleibe mir eine Erinnerung tief oder lustig, freudig oder schmerzlich, – ich wehre mich gegen sonst nichts als nur gegen nichts. Gegen dies Nichts, das einen beinah überall erstickt!
Den 22.
Vorgestern war ein herrlicher Abend und Nacht; ganz mit dem glänzenden frischen Schmelz der lebhaftesten Farben und begebenheiten, wie sie nur in Romanen gemalt sind, so ungestört; der Himmel war besäet mit unzähligen Sternen, die wie blitzende Diamanten durch das dichte Laub der blühenden Linden funkelten; die Terrassen, welche an dem Berg hinaufgebaut sind, an dessen Fuss die grossen Badehäuser liegen (die einzigen im engen Tal), haben etwas sehr Festliches und Ruhiges durch die Regelmässigkeit ihrer Hecken, die auf jeder Terrasse ein Boskett von Linden und Nussbäumen umgeben; die vielen Quellen und Brunnen, die man unter sich rauschen hört, machen es nun gar reizend. Alle Fenster waren erleuchtet, die Häuser sahen wunderbar belebt unter dem dunklen einsamen Wald des übersteigenden Gebirges hervor. – Die junge Fürstin von Baden sass mit der Gesellschaft auf der untersten Terrasse und trank den Tee; bald hörten wir Waldhörner aus der Ferne; wir glaubten's kaum, so leise, – gleich antwortete es in der Nähe; dann schmetterte es über uns im Gipfel; sie schienen sich gegenseitig zu locken, rückten zusammen, und in milder Entfernung entfalteten sie die Schwingen, als wollten sie himmelwärts steigen, und immer senkten sie sich wieder auf die liebe Erde herab; – das Geplauder der Franzosen verstummte, ein paarmal hörte ich neben mir ausrufen: "Délicieux!" – Ich wendete mich nach dieser stimme: ein schöner Mann, edle Gestalt und Gesicht, geistreicher Ausdruck, nicht mehr jung, bebändert und besternt; – er kam mit mir ins Gespräch und setzte sich neben mich auf die Bank. Ich bin nun schon gewohnt, für ein Kind angesehen zu werden, und war also nicht verwundert, dass mich der Franzose cher enfant nannte; er nahm meine Hand und fragte, von wem ich den Ring habe? – Ich sagte: "Von Goete". "Comment de Goete? – Je le connais"; und nun erzählte er mir, dass er nach der Schlacht bei Jena mehrere Tage bei Dir zugebracht habe, und Du habest ihm einen Knopf von seiner Uniform abgeschnitten, um ihn als Andenken in Deiner Münzsammlung zu bewahren; ich sagte: und mir habest Du den Ring zum Andenken gegeben und mich gebeten, Dich nicht zu vergessen. – "Et cela vous a remué le cœur?" – "Aussi tendrement et aussi passionnement que les sons, qui se font entendre là haut!" Da fragte er: "Et vous n'avez réellement que treize ans?" – Du wirst wohl wissen, wer er ist, ich habe um seinen Namen nicht gefragt.
Sie bliesen so herrlich in den Wald hinein und mir zugleich alle weltliche Gedanken aus dem Kopf; ich schlich mich leise hinauf, so nah als möglich und liess mir's die Brust durchdröhnen; recht mit Gewalt. – Der Ansatz der Töne war so weich, sie wurden allmählich so mächtig, dass es unwiderstehliche Wollust war, sich ihnen hinzugeben. Da hatte ich allerlei wunderliche Gedanken