dumm wiedergibt; dass ich nicht sehr klug bin, davon geb ich häufige Beweise. Also das kann ich wohl zugeben, dass Sie zu den Leuten sagt, Sie wünscht, sie wären alle so närrisch wie ich; aber sag Sie ja nicht, ich sei klug, sonst kompromittiert Sie sich, und der Wirt in Kassel an der grossen Rheinbrücke kann den Gegenbeweis führen. Es war so langweilig, bis unsere ganze Bagage an der Douane untersucht war, ich nahm den Mückenplätscher und verfolgte ein paar Mücken, sie setzten sich an die Fensterscheiben, ich schlug zu, die Scheibe flog hinaus und mit ihr die Mücken in die goldne Freiheit, über den grossen stolzen Rhein hinüber; der Wirt sagte, das war dumm; und ich war sehr beschämt.
Ach Fr. Mutter! Was ist hier in dem Langenwinkel für ein wunderlich Leben; das soll schöne natur sein und ist es auch gewiss, ich hab nur keinen Verstand, es zu erkennen. Eh meine Augen hinüber auf den Johannisberg schweifen, werden sie von ein paar einem langen Feld raupenfrässiger Zwetschen- und Birnbäume. Aus jedem Gaubloch hängen Perlenschnüre von getrockneten Schnitzeln und Hutzeln; der Lohgerber gegen uns über durchdampft alle Wohlgerüche der Luft; alle fünf Sinne gehören dazu, um etwas in seiner Schönheit zu empfinden, und wenn auch die ganze natur noch so sehr entzückend wär und ihr Duft führte nicht auch den Beweis, so wär der Prozess verloren.
Die Orgel klingt auch ganz falsch hier in der Kirche. Man musste von Fr. bis Winckel reisen, um eine so grobe Disharmonie zu Ehren Gottes aufführen zu hören.
lebe Sie recht wohl.
Bettine
Unser Kutscher wird Ihr eine Schachtel mit Pfirsich bringen, verderb Sie sich nicht den Magen, denn der ist nicht göttlich und lässt sich leicht verführen.
Wir waren am letzten Donnerstag mit den beiden Schlossers bis Lorch. Man fuhr auf dem wasser, Christian Schlosser glaubte die Wasserfahrt nicht vertragen zu können und ging den Weg zu Fuss; ich ging mit ihm, um ihm die Zeit zu vertreiben, aber ich hab's bereut. Zum erstenmal hab ich über den Wolfgang mit einem andern gesprochen wie mit Ihr, und das war eine Sünde. Alles kann ich wohl vertragen von ihm zu hören, aber kein Lob und keine Liebe; Sie hat Ihren Sohn lieb und hat ihn geboren, das ist keine Sünde, und ich lasse mir's gefallen: aber mehr nicht; die andern sollen nur keine weitere Prätensionen machen. Sie frägt zwar, ob ich ihn allein gepachtet habe? – Ja, Fr. Rat, darauf kann ich Ihr antworten. Ich glaube, dass es eine Art und Weise gibt, jemand zu besitzen, die niemand streitig machen kann; diese üb ich an Wolfgang, keiner hat es vor mir gekonnt, das weiss ich, trotz allen seinen Liebschaften, von denen sie mir erzählt. – Vor ihm tu ich zwar sehr demütig, aber hinter seinem rücken halte ich ihn fest, und da müsste er stark zappeln, wenn er los will.
Fr. Rat! – Ich kenne die Prinzen und Prinzessinnen nur aus der Zauberwelt der Feenmärchen und aus Ihren Beschreibungen, und die geben einander nichts nach; dort sind zwar die schönsten Prinzessinnen in Katzen verwandelt, und gewöhnlich werden sie durch einen Schneider erlöst und geheiratet. Das überleg Sie doch auch, wenn Sie wieder ein Märchen erfindet, und geb Sie diesem Umstand eine moralische Erläuterung.
Bettine
(Die Antwort fehlt)
Ich habe freilich einen Brief vom Wolfgang hier im Rheingau erhalten, er schreibt: "Halte meine Mutter warm und behalte mich lieb." Diese lieben Zeilen sind in mich eingedrungen wie ein erster Frühlingsregen; ich bin sehr vergnügt, dass er verlangt, ich soll ihn lieb behalten; ich weiss es wohl, dass er die ganze Welt umfasst; ich weiss, dass ihn die Menschen sehen wollen und sprechen, dass ganz Deutschland sagt: unser Goete. Ich aber kann Ihr sagen, dass mir bis heute die allgemeine Begeistrung für seine Grösse, für seinen Namen noch nicht aufgegangen ist. Meine Liebe zu ihm beschränkt sich auf das Stübchen mit weissen Wänden, wo ich ihn zuerst gesehen, wo am Fenster der Weinstock, von seiner Hand geordnet hinaufwächst, wo er auf dem Strohsessel sitzt und mich in seinen Armen hält; da lässt er keinen Fremden ein, und da weiss er auch von nichts als nur von mir allein. Frau Rat! Sie ist seine Mutter, und Ihr sag ich's: wie ich ihn zum erstenmal gesehen hatte, und ich kam nach Haus, da fand ich, dass ein Haar von seinem Haupt auf meine Schulter gefallen war. Ich verbrannte es am Licht, und mein Herz war ergriffen, dass es auch in Flammen ausschlug, aber so heiter, so lustig wie die Flammen in blauer, sonnenheller Luft, die man kaum gewahr wird, und die ohne Rauch ihr Opfer verzehrt. So wird mir's auch gehen: mein Leben lang werde ich lustig in die Lüfte flackern, und die Leute werden nicht wissen, woher sich diese Lust schreibt; es ist nur, weil ich weiss, dass, wenn ich zu ihm komme, er allein mit mir sein will und alle Lorbeerkränze vergisst. lebe Sie wohl und schreibe Sie ihm von mir.
Goetes Mutter an Bettine
Frankfurt, am 12. Mai 1808
Liebe Bettine! Deine Briefe machen mir Freude, und die Jungfer Lieschen, die sie