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Ich hatte mir's vorgenommen, noch einmal hier heraufzugehen, wo ich in Gedanken so glückliche Stunden mit Dir verlebt habe, und vom Rhein Abschied zu nehmen, der in alle Empfindungen eingeht und der alle ist; – ich komme um fünf Uhr nachmittags hier oben an; finde alles im friedlichen Sonnenlicht, die Bienen angesiedelt, von der Nordseite geschützt durch die Mauer; Beichtstuhl und Altar stehen gegen Morgen. Meine Pflanzen hab ich alle eingesetzt mit Hilfe des Schiffsjungen, der sie mir heraufbringen half; die Rebe im Topf, welche schon an sechs Fuss hoch ist und voll Trauben hängt, hab ich am Altar zwischen eine gebrochne Steinplatte gesetzt; den Topf hab ich zerschlagen und die Scherben leise abgenommen, damit die Erde hübsch an den Wurzeln bleibt; es ist eine Muskatellerart, die sehr feine Blätter hat; dann hab ich ihn am Kreuz auf dem Altar festgebunden; die Trauben hängen grade über den Christusleib; – wenn er schön einwächst und gedeiht, da werden sich die Menschen wundern, die hier oben herkommen; des Schäfers Bienen im Beichtstuhl mit dem Geissblatt, das ihn umzieht, und das Kreuz mit Trauben. Ach, so viele Menschen haben grosse Paläste und prächtige Gärten; – ich möchte nur diese einsame Rochuskapelle haben und dass alles so schön fortwüchse, wie ich's eingepflanzt habe; – vom Berg hab ich mit den Scherben die Erde losgegraben und an die Rebe gelegt, und zweimal hab ich unten am Rhein den Krug gefüllt, um ihn zu begiessen; es ist wohl zum letztenmal, dass er Rheinwasser trinkt. – Jetzt, nach beendigtem Werk, sitz ich hier im Beichtstuhl und schreibe an Dich; die Bienen kommen alle hintereinander heim; sie sind schon ganz eingewohnt; – könnt ich einziehen in Dein Herz mit jedem Gedanken, so gefühlig, so süss summend wie diese Bienen, beladen mit Honig und Blumenstaub, den ich von allen Feldern zusammentrage, und alles heimbringe zu Dirnicht wahr? –

Am 13. August

"Alles hat seine Zeit!" sprech ich mit dem Weisen, ich habe die Reben ihre Blätter entfalten sehen; ihre Blüte hat mich betäubt und trunken gemacht; nun sie Laub haben und Früchte, muss ich Dich verlassen, du stiller, stiller Rhein! Noch gestern Abend war alles so herrlich; aus der dunklen Mitternacht trat mir eine grosse Welt entgegen. Als ich von meinem Bett aufstand in die kühle Nachtluft am Fenster, da war der Mond schon eine halbe Stunde aufgegangen und hatte die Wolken alle unter sich getrieben; er warf einen fruchtbaren Schein über die Weinberge; – ich nahm das volle Laub des Weinstocks, der an meinem Fenster hinaufwächst, in Arm und nahm Abschied von ihm; keinem Lebendigen hätte ich den Augenblick dieser Liebe gegönnt; wär ich bei Dir gewesen, – ich hätte geschmeichelt, gebeten und geküsst.

Schlangenbad, 17. August

Nur das sei mir gegönnt! – Und ach, es wird mir nicht leicht, es auszusprechen, was ich will, wenn mich manchmal der Atem drückt, dass ich laut schreien möchte.

Es überfliegt mich zuweilen in diesen engbegrenzten Gegenden, wo die Berge übereinander klettern und den Nebel tragen und in den tiefen kühlen Tälern die Einsamkeit gefangen halten, ein Jauchzen, das wie ein Blitz durch mich fährt. – Nun ja! – Das sei mir gegönnt: dass ich dann mich an einen Freund schliesse, – er sei noch so fern, – dass er mir freundlich die Hand aufs klopfende Herz lege und sich seiner Jugend erinnere. – O wohl mir, dass ich Dich gesehen hab! Jetzt weiss ich doch, wenn ich suche und kein Platz mir genügt zum Ausruhen, wo ich zu Haus bin und wem ich angehöre.

Etwas weisst Du noch nicht, was mir eine liebe Erinnerung ist, obschon sie seltsam scheint. – Als ich Dich noch nie gesehen hatte und mich die sehnsucht zu Deiner Mutter trieb, um alles von Dir zu erforschen, – Gott, wie oft hab ich auf meinem Schemel hinter ihr auf die Brust geschlagen, um meine Ungeduld zu dämpfen. – Nun: – wenn ich da nach haus kam, so sank ich oft mitten im Spielen von Scherz und Witz zusammen; sah mein Bild vor dem Deinen stehen, sah Dich mir nah kommen, und wie Du freundlich warst auf verschiedene Weise und gütig, bis mir die Augen vor freudigem Schmerz übergingen.

So hab ich Dich durchgefühlt, dass mich das stille Bewusstsein einer innerlichen Glückseligkeit vielleicht manche stürmische Zeit meines Gemüts über den Wellen erhalten hat. – Damals weckte mich oft dieses Bewusstsein aus dem tiefen Schlaf; ich verprasste denn ein paar Stunden mit selbsterschaffnen Träumen und hatte am ende, was man nennt, eine unruhige Nacht zugebracht; ich war blass geworden und mager; ungeduldig, ja selbst hart, wenn eins von den Geschwistern zur Unzeit mich zu einer Zerstreuung reizen wollte; dachte oft, dass, wenn ich Dich jemals selbst sehen sollte, was mir unmöglich schien, so würde ich vielleicht viele Nächte ganz schlaflos sein. – Da mir nun endlich die Gewissheit ward, fühlte ich eine Unruhe, die mir beinah unerträglich war. – In Berlin, wo ich zum erstenmal eine Oper von Gluck hörte (Musik fesselt mich sonst so, dass ich mich von allem losmachen kann), wenn da die Pauken schlugen, – lache nur nichtschlug mein Herz heftig mit; ich fühlte Dich im Triumph einziehen; es war mir festlich wie