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ich alles, was unglaublich ist; obschon sie weiss, was sie davon zu halten hat, so hat es doch ihren Beifall, und fordert mich auf, ihr immer noch mehr dergleichen mitzuteilen; sie nennt dies "meiner Phantasie Luft machen".

Bettine

An Bettine

Karlsbad, am 21. August

Es ist noch die Frage, liebste Bettine, ob man Dich mehr wunderlich oder wunderbar nennen kann; besinnen darf man sich auch nicht; man denkt endlich nur darauf, wie man sich gegen die reissende Flut Deiner Gedanken sicher zu stellen habe; lass Dir daher genügen, wenn ich nicht ausführlich Deine Klagen, Deine Forderungen, fragen und Beschuldigungen beschwichtige, befriedige, beantworte und ablehne; im ganzen aber Dir herzlich danke, dass Du mich wieder so reichlich beschenkt hast.

Mit dem Primas hast Du Deine Sache klug und artig gemacht. Ich habe schon ein eigenhändiges Schreiben von ihm, worin er mir alles zusichert, was Du so anmutig von ihm erbettelt hast, und mir andeutet, dass ich Dir alles allein zu verdanken habe, und mir noch viel Artiges von Dir schreibt, was Du in Deinem ausführlichen Bericht vergessen zu haben scheinst.

Wenn wir also Krieg miteinander führen wollten, so hätten wir wohl gleiche Truppen; Du die berühmte Frau, und ich den liebenswürdigen Fürsten voll Güte gegen mich und Dich. – Beiden wollen wir die Ehre uns verdienen, aber beiden wollen wir auch den Zutritt verweigern, wo sie nicht hingehören, sondern nur störend sein würden, nämlich zwischen das erfreulichste Vertrauen Deiner Liebe und meiner warmen Aufnahme derselben. – Wenn ich auch Deine Antagonistin in der Weltweisheit in einer nur zufälligen Korrespondenz amie nenne, so greife ich damit keineswegs in die Rechte ein, die Du mit erobernder Eigenmacht schon an Dich gerissen hast. Ich bekenne Dir indessen, dass es mir geht wie dem Primas: Du bist mir ein liebes, freundliches Kind, das ich nicht verlieren möchte, und durch welches ein grosser teil des erspriesslichsten Segens mir zufliesst. Du bist mir ein freundliches Licht, das den Abend meines Lebens behaglich erleuchtet, und da gebe ich Dir, um doch zustande zu kommen mit allen Klagen, zum letzten Schluss beikommendes Rätsel; an dem magst Du Dich zufrieden raten.

Goete

Charade

Zwei Worte sind es, kurz, bequem zu sagen,

Die wir so oft mit holder Freude nennen,

Doch keineswegs die Wesen deutlich kennen,

Wovon sie eigentlich den Stempel tragen.

Es tut gar wohl, an schön beschlossnen Tagen

Eins an dem andern kecklich zu verbrennen,

Und kann man sie vereint zusammen nennen,

So drückt man aus ein seliges Behagen.

Nun aber such ich ihnen zu gefallen

Und bitte mit sich selbst mich zu beglücken;

Ich hoffe still; doch hoff ich's zu erlangen:

Als Namen der Geliebten sie zu lallen,

In Einem Bild sie beide zu erblicken,

In Einem Wesen beide zu umfangen.

Es findet sich noch Platz und auch noch Zeit, der guten Mutter Verteidigung hier zu übernehmen; ihr solltest Du nicht verargen, dass sie mein Interesse an dem kind, was noch mit der Puppe spielt, heraushebt, da Du es wirklich noch so artig kannst, dass Du selbst die Mutter noch dazu verführst, die ein wahres Ergötzen dran hat, mir die Hochzeitfeier Deiner Puppe mit dem kleinen Frankfurter Ratsherrn schriftlich anzuzeigen, der mir in seiner Allongeperücke, Schnabelschuhen und Halsschmuck von feinen Perlen im kleinen Plüschsessel noch gar wohl erinnerlich ist. Er war die Augenweide unserer Kinderjahre, und wir durften ihn nur mit geheiligten Händen anfassen. Bewahre doch alles sorgfältig, was Dir die Mutter bei diesen Gelegenheiten aus meiner und der Schwester Kindheit mitteilt; es kann mir mit der Zeit wichtig werden.

Dein Kapitel über die Blumen würde wohl schwerlich Eingang finden bei den Weltweisen wie bei mir; denn obschon Dein musikalisches Evangelium etwas hierdurch geschmälert ist (was ich doch ja nicht zu versäumen bitte im nächsten, recht bald zu erwartenden Brief), so ist es mir dadurch ersetzt, dass meine frühsten Kinderjahre sich mir auf eine liebliche Weise darin abspiegeln, denn auch mir erschienen die Geheimnisse der Flora als ein unmöglicher Zauber.

Die geschichte des Myrtenbaums und der Nonne erregt warmen Anteil; möge er vor Frost und Schaden bewahrt bleiben! Aus voller Überzeugung stimme ich mit Dir ein, dass die Liebe nicht süsser gepflegt kann werden als dieser Baum, und keine zärtliche Pflege reichlicher belohnt, als durch eine solche Blüte.

Auch Deine Pilgrimschaft im rauschenden Fluss mit der allerliebsten Vignette der beiden Kinder gibt ein ergötzliches Bild und Deinen Rheinabenteuern einen anmutig abrundenden Schluss.

Bleib mir nun auch hübsch bei der Stange und gehe nicht zu sehr ins Blaue; ich fürchte so, dass die Zerstreuungen eines besuchten Badeorts Deine idealen Eingebungen auf dem einsamen Rochus verdrängen werden; ich muss mich darauf gefasst machen, wie auch auf noch manches andere, was Dir im Köpfchen und Herzen spuken mag.

Ein bisschen mehr Ordnung in Deinen Ansichten könnte uns beiden von Nutzen sein; so hast Du Deine Gedanken, wie köstliche Perlen, nicht alle gleich geschliffen, auf losem Faden gereiht, der leicht zerreisst, wo sie denn in alle Ecken rollen können und manche sich verliert. –

Doch sage ich Dir Dank und dem lieben Rhein ein herzliches Lebewohl, von dem Du mir so manches Schöne hast zukommen lassen. bleibe Dir's fest und sicher, dass ich gern ergreife, was Du mir reichst, und dass so das Band zwischen uns sich nicht leicht lösen wird.

Goete

Rochusberg