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. Wir gingen mit einem irreführenden Wegweiser durch eine Talschlucht einen Fluss entlang, den man die Wisper nennt, wahrscheinlich wegen dem Rauschen des Wassers, das über laute platte Felssteine sich windet und in den Lücken schäumt und flüstert. Auf beiden Seiten gehen hohe Felsen her, auf denen zerfallene Burgen stehen, mit alten Eichen umwachsen. Das Tal wird endlich so enge, dass man genötigt ist, im Fluss zu gehen. Da kann man nicht besser tun, als barfuss und etwas hochgeschürzt von Stein zu Stein zu springen, bald hüben, bald drüben am Ufer sich fortelfen. Es wird immer enger und enger hoch über uns; die Felsen und Berge umklammern sich endlich; die Sonne kann nur noch die Hälfte der Berge beleuchten; die schwarzen Schlagschatten der übergebogenen Felsstücke durchschneiden ihre Strahlen; aus der Wisper, die kein ganz unbedeutender Fluss istsie rauscht mit ziemlicher Gewaltstehen erhöhte Felsplatten wie harte, kalte Heiligenbetten hervor. Ich legte mich auf eins, um ein wenig auszuruhen; ich lag mit dem glühenden Gesicht auf dem feuchten Stein; das stürzende wasser beregnete mich fein, die Sonnenstrahlen kamen sans rime et raison quer durch die Felsschichten, um mich und mein Bett zu vergolden; über mir war Finsternis; meinen Strohhut, den ich schon längst mit Naturmerkwürdigkeiten angefüllt hatte, liess ich schwimmen, um die Wurzeln der Pflanzen zu tränken; – wie wir weiterkamen, drängten die Berge sich nesterweise aneinander, die nur dann und wann von schroffen Felsen geschieden wurden. Ich wär gar zu gern hinaufgeklettert, um zu sehen, wo man war; es war zu schroff, die Zeit erlaubte es nicht, dem gescheuten Wegweiser waren alle Sorgen auf dem gesicht gemalt; er versicherte jedoch, dass er keine im Herzen hege; es wurde kühl in unserer engen Schlucht; so kühl war mir's auch innerlich; wir trippelten immer vorwärts.

Das Ziel unserer Reise war ein Sauerbrunnen hinter Weissenturn, der in einer wüsten Wildnis liegt. Wir hatten alle Umwege der Wisper gemacht; der kluge Wegweiser dachte, wenn wir uns von der nicht entfernten, müssten wir endlich das Ziel erreichen, da die Wisper an dem Brunnen vorüberführt, und so hatte er uns auf einen Weg geführt, der wohl selten von Menschen betreten wird. Da wir dort ankamen, erleichterte er seine Brust durch ein Heer von Seufzern. Ich glaube, der fürchtete sich nicht allein vor dem Teufel, sondern vor Gott und allen Heiligen, dass sie ihn würden zur Rechenschaft ziehen, weil er uns ins Verderben gestürzt habe; – kaum waren wir angekommen, so schlug die Kuckucksuhr in der einsamen Hütte bei dem Brunnen und mahnte an den Rückweg. Es war acht Uhr! Zu essen war nichts, auch kein Brot, nur Salat mit Salz ohne Essig und Öl. Eine Frau mit zwei Kindern wohnte da; ich fragte, von was sie lebe; sie deutete mir in die Ferne auf den Backofen, der zwischen vier majestätische Eichen auf einem freien Platz in voller Glut stand. Ihr kleines Söhnchen schleppte eben ein Reiserbündel hinter sich heran; sein Hemdchen hatte noch Ärmel, die Hinterwand und den Knopf vom Kragenbund, mit dem es befestigt war; vorne war es weggerissen; seine Schwesterpsyche wiegte sich quer über einen Block auf einem langen Backschieber, auf dem als Gegengewicht die zu bakkenden Brote lagen; ihr Gewand bestand auch aus einem Hemd und aus einer Schürze, die sie um den Kopf befestigt hatte, um die Haare vor dem Verbrennen zu bewahren, wenn sie in den Ofen guckte und die Reiser anlegte. Wir gaben der Frau ein Geldstück; sie fragte wieviel es wär; da sahen wir, dass es nicht in unserer Macht war, sie zu beschenken, denn sie war zufrieden und wusste nicht, dass man mehr brauchen könne, als man bedürfe.

Ich marschierte also wieder links um, ohne auszuruhen, und kam nachts um ein Uhr zu haus an; in allem war ich zwölf Stunden unterwegs gewesen und durchaus nicht ermüdet. Ich stieg in ein Bad, das mir bereitet war, und setzte ein Flasche Rheinwein an und liess es so lange herunterglucken, bis ich den Boden sah. Die Zofe schrie und dachte, es könne mir schaden im heissen Bad, allein ich liess mir nicht wehren; sie musste mich ins Bett tragen; ich schlief sanft, bis ich am Morgen durch ein wohlbekanntes Krähen und Nachahmen eines ganzen Hühnerhofs vor meiner Tür geweckt wurde.

Du schreibst: meine Briefe versetzen Dich in eine bekannte Gegend, in der Du Dich heimatlich fühlst; versetzen sie Dich denn auch zu mir? – Siehst Du mich in Gedanken, wie ich mit langem Hakenstock auf die Berge klettere, und siehst Du in mein Herz, wo Du Dich von Angesicht zu Angesicht erblicken kannst? Diese Gegend möchte ich Dir doch am alleranschaulichsten machen!

Noch acht Wochen werde ich wohl in allerlei Gegenden herumstreifen, im Oktober mit Savigny erst auf ein paar Monate nach München und dann nach Landshut gehen, wenn es der Himmel nicht anders fügt. –

Ich bitte Dich, wenn Du Dich meiner mit der Feder erbarmen solltest, um zu "strafen oder zu lohnen", so adressiere gleich nach Schlangenbad über Wiesbaden; ich werde drei Wochen dort bleiben. Schickst Du den Brief an die Mutter, so wartet sie auf eine gelegenheit; und ich will lieber einen Brief ohne Datum, als dass ich am Datum erkennen muss, dass er mir vierzehn Tage vorentalten ist.

Der Mutter schreibe