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bedeckt war! Sie zeigte mir sie, schon wie sie kaum angesetzt hatten; ich half ihn pflegen; alle Morgen füllte ich den Krug mit wasser am Madlenenbrünnchen; die Knospen wuchsen und röteten sich, endlich brachen sie auf; am vierten Tag stand er in voller Blüte; eine weisse Zelle jede Blüte, mit tausend Strahlenpfeilen in ihrer Mitte, deren jeder auf seiner Spitze eine Perle darreicht. Er stand im offenen Fenster, die Bienen begrüssten ihn. – Jetzt erst weiss ich, dass dieser Baum der Liebe geweiht ist; damals wusst ich's nicht; und jetzt verstehe ich ihn. – Sag: kann die Liebe süsser gepflegt werden, als dieser Baum? – Und kann eine zärtliche Pflege süsser belohnt werden, als durch eine so volle Blüte? – Ach, die liebe Nonne mit halb verblühten Rosen auf den Wangen, in Weiss verhüllt, und der schwarze Florschleier, der ihren raschen zierlichen gang umschwebte; wie aus dem weiten Ärmel des schwarzen wollenen Gewands die schöne Hand hervorreichte, um die Blumen zu begiessen! Einmal steckte sie ein kleines schwarzes Böhnchen in die Erde, sie schenkte mir's und sagte, ich solle es pflegen; ich werde ein schönes Wunder daran erleben. Bald keimte es und zeigte Blätter wie der Klee; es zog sich an einem Stöckchen in die Höh wie die Wicke mit kleinen geringelten Haken; dann bracht es sparsame gelbe Blüten hervor, aus denen wuchs so gross wie eine Haselnuss ein grünes Eichen, das sich in Reifen bräunte. Die Nonne brach es ab und zog es am Stiel auseinander, in eine Kette von zierlich geordneten Stacheln, zwischen denen der Same von kleinen Bohnen gereift war. Sie flocht daraus eine Krone, setzte sie ihrem elfenbeinernen Christus am Kruzifix zu Füssen und sagte mir, man nennt diese Pflanze Corona Christi.

Wir glauben an Gott und an Christus, dass er Gott war, der sich ans Kreuz schlagen liess; wir singen ihm Litaneien und schwenken ihm den Weihrauch; wir versprechen heilig zu werden und beten, und empfinden's nicht. Wenn wir aber sehen, wie die natur spielt und in diesem Spiel eine Sprache der Weisheit kindlich ausdrückt; wenn sie auf Blumenblätter Seufzer malt, ein O und Ach, wenn die kleinen Käfer das Kreuz auf ihren Flügeldecken gemalt haben und diese kleine Pflanze eben, so unscheinbar, eine mit Sorgfalt gehegte künstliche Dornenkrone trägt; wenn wir Raupen und Schmetterlinge mit dem Geheimnis der Dreifaltigkeit bezeichnet sehen, dann schaudert uns, und wir fühlen, die Gotteit selber nimmt ewigen Anteil an diesen Geheimnissen; dann glaube ich immer, dass Religion alles erzeugt hat, ja dass sie selber der sinnliche Trieb zum Leben in jedem Gewächs und jedem Tier ist. – Die Schönheit erkennen in allem Geschaffenen, und sich ihrer freuen, das ist Weisheit und fromm; wir beide waren fromm, ich und die Nonne; es werden wohl zehn Jahr sein, dass ich im Kloster war. Voriges Jahr hab ich's im Vorüberreisen wieder besucht. Meine Nonne war Priorin geworden, sie führte mich in ihren Garten, – sie musste an einer Krücke gehen, sie war lahm geworden, – ihr Myrtenbaum stand in voller Blüte. Sie fragte mich, ob ich ihn noch kenne; er war sehr gewachsen; umher standen Feigenbäume mit reifen Früchten und grossen Nelken, sie brach ab, was blühte, und was reif war, und schenkte mir alles, nur der Myrte schonte sie; das wusste ich auch schon im voraus. Den Strauss befestigte ich im Reisewagen; ich war wieder einmal so glücklich, ich betete, wie ich im Kloster gebetet hatte; ja selig sein macht beten!

Siehst Du, das war ein Umweg und etwas von meiner Weisheit; sie kann sich freilich der Weltweisheit, die zwischen Dir und Deiner amie Staël obwaltet, nicht begreiflich machen; – aber das kann ich Dir sagen: ich habe schon viele grosse Werke gesehen von zähem Inhalt in schweinsledernem Einband; ich habe Gelehrte brummen hören, und ich habe immer gedacht, eine einzige Blume müsse all dies beschämen, und ein einziger Maikäfer müsse durch einen Schneller, den er einem Philosophen an die Nase gibt, sein ganzes System umpurzeln.

Pax tecum! Wir wollen's einander verzeihen, ich, dass Du einen Herzens- und Geistesbund mit der Staél geschlossen hast, worüber, der Prophezeiung Deiner Mutter nach, ganz Deutschland und Frankreich die Augen aufreissen wird, denn es wird doch nichts draus: – und Du, dass ich so aberwitzig bin, alles besser wissen und mehr als alle Dir gelten zu wollen, denn das gefällt Dir. – Heute geh ich noch einmal auf den Rochusberg; ich will sehen, was die Bienen machen im Beichtstuhl, ich nehme allerlei Pflanzen mit, die in Scherben eingesetzt sind, und auch einen Rebstock; die grab ich dort oben ein; die Rebe soll am Kreuz hinaufwachsen; in dessen Schutz ich eine so schöne Nacht verschlafen habe; am Beichtstuhl pflanz ich Kaiserkronen und Jelängerjelieber, Deiner Mutter zu Ehren; – vielleicht, wenn mir's ums Herz ist, beicht ich Dir da oben, da ich zum letztenmal dort sein werde; um doch den Ablass des Primas in wirkung zu setzen; aber ich glaube wohl, ich habe nichts Verborgnes mehr in mir; Du siehst in mich hinein, und ausser dem ist nichts in mir zu finden.

Den gestrigen Tag wollen wir zum Schluss noch hierher malen, denn er war schön