auch nicht die Frau von Staël:
Unsre Haushaltung ist allerliebst eingerichtet; wir sind zu acht Frauen, kein männliches Wesen ist im Haus; da es nun sehr heiss ist, so machen wir's uns so bequem wie möglich, zum Beispiel sind wir sehr leicht gekleidet, ein Hemd und dann noch eins, griechisch drapiert. Die Türen der Schlafzimmer stehen nachts offen; – je nachdem eins Lust hat, schlägt es sein Nachtlager auf dem Vorgang oder an sonst einem kühlen Ort auf; im Garten unter den Platanen, auf der schönen, mit breiten Platten gedeckten Mauer liegend, dem Rhein gegenüber den Aufgang der Sonne zu erwarten, hab ich schon ein paarmal zu meinem Pläsier Nächte zugebracht; ich bin eingeschlafen auf meinem schmalen Bett; ich hätte können hinunterfallen im Schlaf, besonders wenn ich träume, dass ich Dir entgegenspringe. Der Garten liegt hoch, und die Mauer nach jenseits geht tief hinab, da könnte ich leicht verunglücken; ich bitte Dich also, wenn Du meiner gedenkst im Traum, halte mir die schützenden arme entgegen, – damit ich doch gleich hineinsinke; "denn alles ist doch nur ein Traum!" – Am Tage geht's bei uns in grosser Finsternis her; alle Läden sind zu im ganzen haus, alle Vorhänge vorgezogen; früher machte ich morgens weite Spaziergänge, aber das ist bei dieser Hitze nicht mehr möglich; die Sonne beizt die Weinberge, und die ganze natur seufzt unter der Brutwärme. Ich gehe doch jeden Morgen zwischen vier und fünf Uhr heraus mit einem Schnikermesser und hole frische kühle Zweige, die ich im Zimmer aufpflanze. Vor acht Wochen hatte ich Birken und Pappeln, die glänzten wie Gold und Silber, und dazwischen dicke duftende Sträusser von Maiblumen. Wie ein Heiligtum ist der Saal, an den alle Schlafkabinette stossen; da liegen sie noch in den Betten, wenn ich nach haus komme, und warten, bis ich fertig bin; dann haben die Linden und Kastanien hier abgeblüht, und himmelhohes Schilf, das sich oben an der Decke umbiegt, mit blühenden Winden umstrickt; und die Feldblumen sind reizend, die kleinen Grasdolden, die Schafgarbe, die Johannisblume, Wasserlilien, die ich mit einiger Gefahr fische, und das ewig schöne Vergissmeinnicht. Heute hab ich Eichen aufgepflanzt; hohe Äste, die ich aus dem obersten Gipfel geholt. Ich kletterte wie eine Katze; die Blätter sind ganz purpurrot und in so zierlichen Sträussern gewachsen, als hätten sie sich tanzend in Gruppen verteilt.
Ich sollte mich scheuen, Dir von Blumen zu sprechen; Du hast mich schon einmal ein bisschen ausgelacht, und doch ist der Reiz gar zu gross; die vielen schlafenden Blüten, die nur im Tod erwachen, das träumende Geschlecht der Wicken, die Herrgottsschückelchen, Himmelsschlüssel mit ihrem sanften freundlichen Duft – sie ist die geringste aller Blumen. Wie ich kaum sechs Jahr alt war, und die Milchfrau hatte versprochen, mir einen Strauss Himmelsschlüssel mitzubringen, da riss mich die Erwartung schon mit dem ersten Morgenstrahl aus dem Schlaf im Hemdchen ans Fenster; wie frisch waren die Blumen! Wie atmeten sie in meiner Hand! – Einmal brachte sie mir dunkle Nelken in einen Topf eingepflanzt; welcher Reichtum! – Wie war ich überrascht von der Grossmut! – Diese Blumen in der Erde – sie schienen mir ewig ans Leben gebunden, es waren mehr, als ich zählen konnte; immer fing ich von vorne an; ich wollte kein Knöspchen überspringen; wie dufteten sie! Wie war ich demütig vor dem Geist, den sie ausströmten! – Ich wusste ja noch wenig von Wald und Flur, und die erste Wiese im Abendschein eine unendliche Fläche fürs Kinderauge, mit goldnen Sternen übersäet; – ach, wie hat natur aus Liebe es dem Geist Gottes nachahmen wollen. – Und wie liebt er sie! – Wie neigte er sich herab zu ihr für diese Zärtlichkeit ihm entgegenzublühen! – Wie hab ich gewühlt im Gras und hab gesehen, wie eins neben dem andern sich hervordrängt. Manches hätte ich vielleicht übersehen bei der Fülle, aber sein schöner Name hat mich mit ihm vertraut gemacht, und wer sie genannt hat, der muss sie geliebt und verstanden haben. Das kleine Schäfertäschchen zum Beispiel – ich hätte es nicht bemerkt, aber wie ich seinen Namen hörte, da fand ich's unter vielen heraus, ich musste ein solches Täschchen öffnen, und fand es gefüllt mit Samenperlen. Ach, alle Form entält Geist und Leben, um sich auf die Ewigkeit zu vererben. Tanzen die Blumen nicht? – Singen sie nicht? – Schreiben sie nicht Geist in die Luft? – Malen sie nicht sich selbst ihr Innerstes in ihrem Bild? – Alle Blumen hab ich geliebt, eine jede in ihrer Art, wie ich sie nacheinander kennen lernte, und keiner bin ich untreu geworden, und wie ich ihre Muskelkraft entdeckte: das Löwenmäulchen, wie es mir zum erstenmal die Zunge aus seinem samtnen Rachen entgegenstreckte, als ich es zu kräftig anfasste. – Ich will sie nicht alle nennen, mit denen ich so innig vertraut wurde, wie sie mir jetzt im Gedächtnis erwachen; nur eines einzigen gedenk ich, eines Myrtenbaums, den eine junge Nonne dort pflegte. Sie hatte ihn Winter und Sommer in ihrer Zelle; sie richtete sich in allem nach ihm; sie gab ihm nachts wie tages die Luft, und nur so viel Wärme erhielt sie im Winter, als ihm nottat. Wie fühlte sie sich belohnt, da er mit Knospen