1835_Arnim_002_73.txt

zu sehr liebt.

Die Mutter ist nun immer gar zu vergnügt und freundlich, wenn ich von meinen Streifereien komme; sie hört mit Lust alle kleine Abenteuer an, ich mache denn nicht selten aus klein gross, und diesmal war ich reichlich damit versehen, da nicht nur allein Menschen, sondern Ochsen, Esel und Pferde sehr ausgezeichnete Rollen dabei spielten. Du glaubst nicht, wie froh es mich macht, wenn sie recht von Herzen lacht. Mein Unglück führte mich grade nach Frankfurt, als Frau von Staël durchkam, ich hatte sie schon in Mainz einen ganzen Abend genossen, die Mutter aber war recht froh, dass ich ihr Beistand leistete, denn sie war schon preveniert, dass die Staël ihr einen Brief von Dir bringen würde, und sie wünschte, dass ich die Intermezzos spielen möge, wenn ihr bei dieser grossen Katastrophe Erholung nötig sei. Die Mutter hat mir nun befohlen, Dir alles ausführlich zu beschreiben; die Entrevue war bei Betmann-Schaaf, in den Zimmern des Moritz Betmann. Die Mutter hatte sichob aus Ironie oder aus Übermut, wunderbar geschmückt, aber mit deutscher Laune, nicht mit französischem Geschmack, ich muss Dir sagen, dass, wenn ich die Mutter ansah, mit ihren drei Federn auf dem Kopf, die nach drei verschiedenen Seiten hinschwankten, eine rote, eine weisse und eine blauedie französischen Nationalfarben, welche aus einem Feld von Sonnenblumen emporstiegen –, so klopfte mir das Herz vor Lust und Erwartung; sie war mit grosser Kunst geschminkt, ihre grossen schwarzen Augen feuerten einen Kanonendonner, um ihren Hals schlang sich der bekannte goldne Schmuck der Königin von Preussen, Spitzen von alterkömmlichem Ansehen und grosser Pracht, ein wahrer Familienschatz, verhüllte ihren Busen, und so stand sie mit weissen Glacéhandschuhen, in der einen Hand einen künstlichen Fächer, mit dem sie die Luft in Bewegung setzte, die andre, welche entblösst war, ganz beringt mit blitzenden Steinen, dann und wann aus einer goldnen Tabatiere mit einer Miniatur von Dir, wo Du mit hängenden Locken, gepudert, nachdenklich den Kopf auf die Hand stützest, eine Prise nehmend. Die Gesellschaft der vornehmen älteren Damen bildete einen Halbkreis in dem Schlafzimmer des Moritz Betmann; auf purpurrotem Teppich in der Mitte ein weisses Feld, worauf ein Leopard, – sah die Gesellschaft so stattlich aus, dass sie wohl imponieren konnte. An den Wänden standen schöne schlanke indische Gewächse, und das Zimmer war mit matten Glaskugeln erleuchtet; dem Halbkreis gegenüber stand das Bett auf einer zwei Stufen erhabenen Estrade, auch mit einem purpurnen Teppich verhüllt, an beiden Seiten Kandelaber. Ich sagte zur Mutter: "Die Frau Staël wird meinen, sie wird hier vor Gericht des Minnehofs zitiert, denn dort das Bett sieht aus wie der verhüllte Tron der Venus." Man meinte, da dürfte es manches zu verantworten geben. Endlich kam die Langerwartete durch eine Reihe von erleuchteten Zimmern, begleitet von Benjamin Constant, sie war als Corinna gekleidet, ein Turban von aurora- und orangefarbner Seide, ein ebensolches Gewand mit einer orangen Tunika, sehr hoch gegürtet, so dass ihr Herz wenig Platz hatte; ihre schwarzen Augenbrauen und Wimpern glänzten, ihre Lippen auch, von einem mystischen Rot; die Handschuh waren herabgestreift und bedeckten nur die Hand, in der sie das bekannte Lorbeerzweiglein hielt. Da das Zimmer, worin sie erwartet war, so viel tiefer liegt, so musste sie vier Treppen herabsteigen. Unglücklicherweise nahm sie das Gewand vorne in die Höhe, statt hinten, dies gab der Feierlichkeit ihres Empfangs einen gewaltigen Stoss, denn es sah wirklich einen Moment mehr als komisch aus, wie diese ganz im orientalischen Ton überschwankende Gestalt auf die steifen Damen der tugendverschwornen Frankfurter Gesellschaft losrückte. Die Mutter warf mir einige couragierte Blicke zu, da man sie einander präsentierte. Ich hatte mich in die Ferne gestellt, um die ganze Szene zu beobachten. Ich bemerkte das Erstaunen der Staël über den wunderbaren Putz und das Ansehen Deiner Mutter, bei der sich ein mächtiger Stolz entwickelte. Sie breitete mit der linken Hand ihr Gewand aus, mit der rechten salutierte sie mit dem Fächer spielend, und indem sie das Haupt mehrmals sehr herablassend neigte, sagte sie mit erhabener stimme, dass man es durchs ganze Zimmer hören konnte: "Je suis la mère de Goete.". "Ah, je suis charmèe", sagte die Schriftstellerin, und hier folgte eine feierliche Stille. Dann folgte die Präsentation ihres geistreichen Gefolges, welches eben auch begierig war, Goetes Mutter kennenzulernen. Die Mutter beantwortete ihre Höflichkeiten mit einem französischen Neujahrswunsch, welchen sie mit feierlichen Verbeugungen zwischen den Zähnen murmelte, – kurz, ich glaube, die Audienz war vollkommen und gab einen schönen Beweis von der deutschen Grandezza. Bald winkte mich die Mutter herbei, ich musste den Dolmetscher zwischen beiden machen; da war denn die Rede nur von Dir, von Deiner Jugend, das Porträt auf der Tabatiere wurde betrachtet, es war gemalt in Leipzig, eh Du so krank warst, aber schon sehr mager, man erkennt jedoch Deine ganze jetzige Grösse in jenen kindlichen Zügen, und besonders den Autor des Werter. Die Staël sprach über Deine Briefe und dass sie gern lesen möchte, wie Du an Deine Mutter schreibst, und die Mutter versprach es ihr auch, ich dachte, dass sie von mir gewiss Deine Briefe nicht zu lesen bekommen würde, denn ich bin ihr nicht grün; sooft Dein Name von ihren nicht wohlgebildeten Lippen kam, überfiel mich