Sie sich nicht breit, dass ich Ihr mein heimlichstes Herz vertraue; – ich muss wohl jemand haben, dem ich's mitteile. Wer ein schön Gesicht hat, der will es im Spiegel sehen, Sie ist der Spiegel meines Glücks, und das ist grade jetzt in seiner schönsten Blüte, und da muss es denn der Spiegel oft in sich aufnehmen. Ich bitte Sie, klatsch Sie ihrem Herrn Sohn im nächsten Brief, den Sie gleich morgen schreiben kann und nicht erst eine gelegenheit abzuwarten braucht, dass ich dem Veilchenstrauss in der Schachtel in kühler Mondnacht nachgeschwommen bin, wohl eine Viertelstunde lang, so lang war es aber nicht, und dass die Wellen mich wie eine Wassergöttin dahingetragen haben, – es waren aber keine Wellen, es war nur seichtes wasser, das kaum die leichten Schachteln hob; und dass mein Gewand aufgebauscht war um mich her wir ein Ballon. Was sind denn die Reifröcke seiner Jugendliebschaften alle gegen mein dahinschwimmendes Gewand! Sag Sie doch nicht, Ihr Herr Sohn sei zu gut für mich, um einen Veilchenstrauss solche Lebensgefahr zu laufen! Ich schliess mich an die Epoche der empfindsamen Romane und komme glücklich im Werter an, wo ich denn gleich die Lotte zur Tür hinauswerfen möchte. Ihr Herr Sohn hat einen schlechten Geschmack an dem weissen Kleide mit Rosaschleifen. Ich will gewiss in meinem Leben kein weisses Gewand anziehen; grün, grün sind alle meine Kleider.
Apropos, guck Sie doch einmal hinter Ihren Ofenschirm, wo Sie immer die schön bemalte Seite gegen die Wand stellt, damit die Sonne ihn nicht ausbleicht; da wird Sie entdecken, dass das Eichhörnchen der Ofengöttin grossen Schaden getan hat, und dass es ihr das ganze Angesicht blass gemacht hat. Ich wollt Ihr nichts sagen, weil ich doch das Eichhörnchen gegen Ihren Befehl an den Ofenschirm gebunden hatte, und da fürchtete ich, Sie könnte bös werden, drum hab ich's Ihr schreiben wollen, damit Sie in meiner Abwesenheit Ihren Zorn kann austoben lassen. Morgen geht's nach Aschaffenburg, da schreibe ich Ihr mehr. Mein Schawellchen soll die Lieschen ausklopfen, damit die Motten nicht hineinkommen, lasse Sie ja keinen andern drauf sitzen, adje, Fr. Rat, ich bin Ihre untertänige Magd. –
An Frau Rat Goete
Frau Rat, Sie hat eine recht garstige Hand, eine wahre Katzenpfote, nicht die, mit der Sie im Teater klatscht, wenn der Schauspieler Werdi wie ein Mülleresel dahertrappst und tragisches Schicksal spielen will, nein, sondern die geschriebene Hand ist hässlich und unleserlich. Mir kann Sie zwar immer so undeutlich, wie Sie will, schreiben, dass ich ein albernes Ding bin; ich kann's doch lesen, gleich am ersten grossen A. Denn was sollte es sonst heissen? Sie hat mir's ja oft genug gesagt; aber wenn Sie an Ihren Herrn Sohn schreibt von mir, befleissige Sie sich der Deutlichkeit; die Mildeberger Trauben hab ich noch herausgekriegt, die Sie in chaldäischen und hebräischen Buchstaben verzeichnet hat, ich werde Ihr eine ganze Schachtel voll bestellen, das hätt ich auch ohnedem getan. Der Herr Schlosser hat mir übrigens nichts Besondres in Ihrem Brief geschrieben. Ich kann das auch nicht leiden, dass Sie sich die Zeit von ihm vertreiben lässt, wenn ich nicht da bin, und ich sag Ihr: lasse Sie ihn nicht auf meiner Schawelle sitzen, er ist auch so einer, der Laute spielen will und glaubt, er könne auf meiner Schawelle sitzen, und Sie auch, wenn Sie ihn so oft sieht, so bild't Sie sich ein, er wär besser als ich; Sie hat so schon einmal geglaubt, er wär ein wahrer Apoll von Schönheit, bis ich Ihr die Augen aufgetan habe, und die Fr. Rat Schlosser hat gesagt, dass, wie er neugeboren war, so habe man ihn auf ein grünes Billard gelegt, da habe er so schön abgestochen und habe ausgesehen wie ein glänzender Engel; ist denn Abstechen eine so grosse Schönheit? Adieu, ich sitze in einer Raufe, wo die Kuh den Klee herausfrisst, und schreibe; schreibe Sie das nicht an Ihren Sohn; das könnte ihm zu toll vorkommen, denn ich selbst, wenn ich denke: ich fände meinen Schatz im Kuhstall sitzen und zärtliche Briefe an mich schreiben, ich weiss auch nicht, wie ich mich benehmen sollte. Doch sitze ich hier oben aus lauter Verzweiflung, und weil ich mich versteckt habe, und weil ich allein sein möchte, um an ihn zu denken. Adieu Fr. Rat. Wir haben gestern beim Primas zu Mittag gegessen, es war Fasttag; da waren wunderliche speisen, die Fleisch vorstellten und doch keins waren. Da wir ihm vorgestellt wurden, fasste er mich am Kinn und nannte mich kleiner Engel, liebliches Kind; ich fragte, wie alt er denn glaubt, dass ich sei? "Nun, zwölf Jahre allenfalls." "Nein, dreizehn", sagte ich. "Ja", sagte er, "das ist schon alt, da müssen Sie bald regieren."
(Die Antwort fehlt)
Winckel
Liebe Frau Rat! – Alles, was ich aufgeschrieben habe, das will ich Ihr vorlesen; Sie kann selbst sich überzeugen, dass ich nichts hinzugesetzt habe und das bloss geschrieben, was meine Augen Ihr aus dem Mund gesogen haben, nur das kann ich nicht begreifen, dass es aus Ihrem Mund so gescheit lautet, und dass meine Feder es so