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und grünen Parapluies mühsam den schlüpfrigen Pfad hinaufklettern, und da eben der Sonne letzter Hoffnungsstrahl verschwand und ein tüchtiger Guss dem Gebet um schön Wetter ein ende machte, kehrte die naturliebende Gesellschaft beinah am Ziel verzagt wieder um, und ich blieb allein unter den gekrönten Häuptern. Wie beschreib ich Dir diese erlebte Stunde mit kurzem Wort treffend? Kaum konnte ich Atem holen, – so streng und gewaltig. Ach, ich bin glücklich! Die ganze Welt ist schön, und ich erleb' alles für Dich.

Ich sah still und einsam in die tobende Flut, die Riesengesichter der Felsen schüchterten mich ein; ich getraute kaum den blick zu heben; – manche machen's zu arg, wie sie sich überhängen und mit dem düstern Gesträuch, das sich aus geborstener Wand hervordrängt; die nackten Wurzeln, kaum vom Stein gehalten, die hängenden Zweige schwankend im reissenden Strom; – es wurde so finster, – ich glaubte, heute könne nicht mehr Tag werden. Eben überlegte ich, ob mich die Wölfe heute nacht fressen würden, – da trat die Sonne hervor und umzog, mit Wolken kämpfend, die Höhen mit einem Feuerring. Die Waldkronen flammten, die Höhlen und Schluchten hauchten ein schauerliches Dunkelblau aus über den Fluss hin; da spielten mannigfaltige Widerscheine auf den versteinerten Gaugrafen, und eine Schattenwelt umtanzte sie in flüchtigem Wechsel auf der bewegten Flut; alles wankte, – ich musste die Augen abwenden. Ich riss den Efeu von der Mauer herab und machte Kränze und schwang sie mit meinem Hakenstock, mit dem ich hinaufgeklettert war, weit in die Flut. Ach, ich sah sie kaum, – weg waren sie! Gute Nacht! –

Am 27.

Goete, guten Morgen! Ich war früh um vier Uhr bei den Salmenfischern und habe helfen lauern, denn sie meinen auch: "Im Trüben ist gut fischen", aber es hab ich losgekauft und Gott und Dir zu Ehren wieder in die Flut entlassen.

Das Wetter will sich nicht aufklären; eben schiffen wir über, um auf dem linken Ufer zu Wagen wieder nach haus zu fahren, ich hätte gar zu gern noch ein paar Tage hier herumgekreuzt.

An Bettine

3. August 1808

Ich muss ganz darauf verzichten, Dir zu antworten, liebe Bettine; Du lässt ein ganzes Bilderbuch herrlicher, allerliebster Vorstellungen zierlich durch die Finger laufen; man erkennt im Flug die Schätze, und man weiss, was man hat, noch eh man sich des Inhalts bemächtigen kann. Die besten Stunden benütze ich dazu, um näher mit ihnen vertraut zu werden, und ermutige mich, die elektrischen Schläge Deiner Begeistrungen auszuhalten. In diesem Augenblick hab ich kaum die erste Hälfte Deines briefes gelesen und bin zu bewegt, um fortzufahren. Habe einstweilen Dank für alles; verkünde ungestört und unbekümmert Deine Evangelien und Glaubensartikel von den Höhen des Rheins, und lass Deine Psalmen herabströmen zu mir und den Fischen; wundre Dich aber nicht, dass ich, wie diese verstumme. Um eines bitte ich Dich: höre nicht auf, mir gern zu schreiben; ich werde nie aufhören, Dich mit Lust zu lesen.

Was Dir Schlosser über mich mitgeteilt hat, verleitet Dich zu sehr interessanten Exkursionen aus dem Naturleben in das Gebiet der Kunst. Dass Musik mir ein noch rätselhafter Gegenstand schwieriger UntersuAusspruch des Missionärs, wie Du ihn nennst, muss gefallen lassen, das wird sich erst dann erweisen, wenn die Liebe zu ihr, die jetzt mich zu wahrhaft abstrakten Studien bewegt, nicht mehr beharrt. Du hast zwar flammende fackeln und Feuerbecken ausgestellt in der Finsternis, aber bis jetzt blenden sie mehr, als sie erleuchten, indessen erwarte ich doch von der ganzen Illumination einen herrlichen Totaleffekt, so bleibe nur dabei und sprühe nach allen Seiten hin.

Da ich nun heute bis zum Amen Deiner reichen inhaltsvollen Blätter gekommen bin, so möchte ich Dir schliesslich nur mit einem Wort den Genuss ausdrükken, der mir daraus erwächst, und Dich bitten, dass Du mir ja das Tema über Musik nicht fallen lässt, sondern vielmehr nach allen Seiten hin und auf alle Weise variierst. Und so sage ich Dir ein herzliches Lebewohl; bleibe mir gut, bis günstige Sterne uns zueinander führen.

G.

An Goete

Rochusberg

Fünf Tage waren wir unterwegs, und seitdem hat es unaufhörlich geregnet. Das ganze Haus voll Gäste, kein Eckchen, wo man sich der Einsamkeit hätte freuen können, um Dir zu schreiben.

Solang ich Dir noch zu sagen habe, so lang glaube ich auch fest, dass Dein Geist auf mich gerichtet ist wie auf so manche Rätsel der natur; wie ich denn glaube, dass jeder Mensch ein solches Rätsel ist, und dass es die Aufgabe der Liebe ist zwischen Freunden, das Rätsel aufzulösen; so dass ein jeder seine tiefere natur durch und in dem Freund kennenlerne. Ja Liebster, das macht mich glücklich, dass sich allmählich mein Leben durch Dich entwickelt, drum möchte ich auch nicht falsch sein, lieber möchte ich's dulden, dass alle Fehler und Schwächen von Dir gewusst wären, als Dir einen falschen Begriff von mir geben; weil dann Deine Liebe nicht mit mir beschäftigt sein würde, sondern mit einem Wahnbild, was ich Dir statt meiner untergeschoben hätte. – Darum mahnt mich auch oft ein Gefühl, dass ich dies oder jenes Dir zulieb meiden soll, weil ich es doch vor Dir leugnen würde.

Lieber Goete, ich muss Dir die tiefsten Sachen nur Du hörst mich an und glaubst an mich und gibst