Sag, ist dies leidenschaft, was ich Dir hier vorbete? – O sag's doch; – wenn's wahr wäre, wenn ich geboren wär, in leidenschaft zu verflammen, wenn ich die hohe Zeder wär auf dem die Welt überragenden Libanon, angezündet zum Opfer Deinem Genius, und verduften könnte in Wohlgerüchen, dass jeder Deinen Geist einsöge durch mich; wenn's so wär, mein Freund, dass leidenschaft den Geist des Geliebten entbindet, wie das Feuer den Duft! – und so ist es auch! Dein Geist wohnt in mir und entzündet mich, und ich verzehre mich in Flammen und verdufte, und was die aussprühenden Funken erreichen, das verbrennt mit; – so knackert und flackert jetzt die Musik in mir, – die muss auch herhalten zum lustigen Opferfeuer; sie will nur nicht recht zünden und setzt viel Rauch. Ich gedenke hier Deiner und Schillers; die Welt sieht Euch an wie zwei Brüder auf einem Tron, er hat so viel Anhänger wie Du; – sie wissen's nicht, dass sie durch den einen vom andern berührt werden; ich aber bin dessen gewiss. – Ich war auch einmal ungerecht gegen Schiller und glaubte, weil ich Dich liebe, ich dürfe seiner nicht achten; aber nachdem ich Dich gesehen hatte, und nachdem seine Asche als letztes Heiligtum seinen Freunden als Vermächtnis hinterblieb, da bin ich in mich gegangen; ich fühlte wohl, das Geschrei der Raben über diesem heiligen Leichnam sei gleich dem ungerechten Urteil. Weisst Du, was Du mir gesagt hast, wie wir uns zum erstenmal sahen? – Ich will Dir's hier zum Denkstein hinsetzen Deines innersten Gewissens, Du sagtest: "Ich denke jetzt an Schiller", indem sahst Du mich an und seufztest tief, da sprach ich drein und wollte Dir sagen, wie ich ihm nicht anhinge, Du sagtest abermals: "Ich wollte, er wär jetzt hier. – Sie würden anders fühlen, kein Mensch konnte seiner Güte widerstehen, wenn man ihn nicht so reich achtet und so ergiebig, so war's, weil sein Geist einströmte in alles Leben seiner Zeit, und weil jeder durch ihn genährt und gepflegt war und seine Mängel ergänzt. So war er andern, so war er mir des meisten, und sein Verlust wird sich nicht ersetzen." Damals schrieb ich Deine Worte auf, nicht um sie als merkwürdiges Urteil von Dir andern mitzuteilen; – nein, sondern weil ich mich beschämt fühlte. Diese Worte haben mir wohlgetan, sie haben mich belehrt, und oft, wenn ich im Begriff war, über einen den Stab zu brechen, so fiel mir's ein, wie Du damals in Deiner milden Gerechtigkeit den Stab über meinen Aberwitz gebrochen. Ich musste in aufgeregter Eifersucht doch anerkennen, ich sei nichts. "Man berührt nichts umsonst", sagtest Du, "diese langjährige Verbindung, dieser ernste tiefe Verkehr, der ist ein teil meiner selbst geworden; und wenn ich jetzt ins Teater komme und sehe nach seinem Platz, und muss es glauben, dass er in dieser Welt nicht mehr da ist, dass diese Augen mich nicht mehr suchen, dann verdriesst mich das Leben, und ich möchte auch lieber nicht mehr da sein."
Lieber Goete, Du hast mich sehr hochgestellt, dass Du damals so köstliche Gefühle und Gesinnungen vor mir aussprachst. Es war zum erstenmal, dass jemand sein innerstes Herz vor mir aussprach, und Du warst es! – Ja Du nahmst keinen Anstoss und ergabst Dich diesen Nachwehen in meiner Gegenwart; und freilich hat Schiller auf mich gewirkt, denn er hat Dich zärtlich und weich gestimmt, dass Du lange an mir gelehnt bliebst und mich endlich fest an Dich drücktest!
Ich bin müde, ich habe geschrieben von halb drei bis jetzt gegen fünf Uhr; heute wird's gar nicht hell werden – es hängen dicke Regenwolken am Himmel, da werden wir wohl warten bis Mittag, eh wir weiterfahren. Du solltest nur das Getümmel von Nebel sehen auf dem Rhein, und was an den einzelnen Felszacken hängt! Wenn wir hier bleiben, dann schreibe ich Dir mehr heute nachmittag, denn ich wollte Dir von Musik sagen, von Schiller und Dir, wie Ihr mit der zusammenhängt – das bohrt mir schon lange im Kopf.
Ich bin müde, lieber Goete, ich muss schlafen.
Am Abend
Ich bin sehr müde, lieber Freund, und würde Dir nicht schreiben, aber ich sehe, dass diese Blätter auf dieser wunderlichen Kreuz- und Querreise sich zu etwas Ganzem bilden, und da will ich doch nicht versäumen, wenn auch nur in wenig Zeilen, das Bild des Tages festzuhalten: lauter Sturm und Wetter, abwechselnd ein einzelner Sonnenblick. Wir waren bis Mittag in St. Goarshausen geblieben, und haben den Rheinfels erstiegen; meine hände sind von Dornen geritzt, und meine Kniee zittern noch von der Anstrengung, denn ich war voran und wählte den kürzesten und steilsten Weg. Hier oben sieht es so feierlich sich gedrängt hintereinander hervor, mit Weingärten, Wäldern und alten Burgtrümmern gekrönt; und so treten sie keck ins Flussbett dem Lauf des Rheins entgegen, der aus dem tiefen stillen See um den verzauberten Lurelei sich herumschwingt, über Felsschichten hinrauschend, schäumt, bullert, schwillt, gegen den Riff anschiesst und den überbrausenden Zorn der schäumenden Fluten wie ein echter Zecher in sich hineintrinkt.
Da oben sah ich bequem unter der schützenden Mauer des Rheinfels die Nachkommenden mit roten