Ihr die Engel nicht so lang mit dem Fidelbogen um den Kopf schlagen, bis Sie einsieht, der Himmel ist Musik." Sie war ganz frappiert, und nach langer Pause sagte sie: "Mädchen, du kannst recht haben."
Am 25.
Was mache ich denn, Goete, meine halben Nächte verschreib ich an Dich; gestern früh im Nachen, da schlief ich, wir fuhren bis St. Goar und träumte über Musik, und was ich Dir gestern abend halb ermüdet und halb besessen niedergeschrieben habe, ist kaum eine Spur von dem, was sich in mir aussprach, aber Wahrheit liegt drinnen; es ist eben ein grosser Unterschied zwischen dem, was einem schlafend der Geist eingibt, und dem, was man wachend davon behaupten kann. Ich sage Dir, ich hoffe in Zukunft mehr bei Sinnen zu sein, wenn ich Dir schreibe; ich werde mich mässigen und alle kleine Züge sammeln, unbekümmert ob sie aus einer Anschauung hervorgehen, ob sie ein System begründen. Ich möchte selbst gerne wissen, was Musik ist, ich suche sie, wie der Mensch die ewige Weisheit sucht. Glaube nicht, dass, was ich geschrieben habe, nicht mein wahrer Ernst sei, ich glaube dran, grad weil ich's gedacht habe, obschon es der himmlischen Genialität entbehrt und man ordentlich erkennt, wie ich froh war, mich vor meinem zürnenden Dämon, dass ich ihn so schlecht verstand, hinter den goldnen Reifrock Deiner Mutter verbergen zu können. – Adieu! Gestern abend ging ich noch spät in der schönen blühenden Lindenallee im Mondschein am Ufer des Rheins, da hörte ich's klappen und sanft Lindenbaum die Mutter von Zwillingen, eins hatte sie an der Brust, und das andre wiegte ihr Fuss im Takt, während sie ihr Lied sang; also im Keim, wo kaum die erste Lebensspur sich regt, da ist Musik schon die Pflegerin des Geistes, es summt ins Ohr und dann schläft das Kind, die Töne sind die Gesellen seiner Träume, sie sind seine Mitwelt; es hat ja nichts – das Kind, ob es die Mutter auch wiege, es ist allein im Geist; aber die Töne dringen in es ein und fesseln es an sich, wie die Erde das Leben der Pflanze an sich fesselt, und wenn Musik das Leben nicht hielt, so würde es erkalten, und so brütet Musik fort, von da an, wo der Geist sich regt, bis er reif, flügge und ungeduldig hinausstrebt nach jenseits, und da werden wir's wohl auch erfahren, dass Musik die Mutterwärme war, um den Geist unter der Erdenhülle auszubrüten. Amen.
Am 26.
Dies heimliche Ergötzen, an Deiner Brust zu schlafen: – denn dies Schreiben an Dich nach durchlaufner Tagsgeschichte ist ein wahres Träumen an Deinem Herzen, von Deinen Armen umschlungen, ich freu mich immer, wenn wir in die Herberge einziehen und es heisst: "Wir wollen früh zu Bett, denn wir müssen auch früh wieder heraus"; der Franz jagt mich immer kaum erwarten kann; ich werfe in Hast die Kleider ab und sinke vor Müdigkeit in einen tiefen Brunnen, da umfängt mich das Waldrevier, durch das wir am Tag geschritten waren, das Licht der Träume blitzt durch die dunklen Wölbungen des Schlafs. – "Träume sind Schäume", sagt man, ich hab eine andre Bemerkung gemacht, ob die wahr ist? – Allemal die Gegend, die Umgebung, in der ich mich im Traum fühle, die deutet auf die Stimmung, auf das Passive meines Gemüts. So träum ich mich jetzt immer in Verborgenes, Heimliches; es sind Höhlen von weichem Moos bei kühlen Wassern, verschränkt von blühenden Zweigen; es sind dunkle Waldschluchten, wo uns gewiss kein Mensch findet und sucht. Da wart ich auf Dich im Traum, ich harre und sehe mich um nach Dir; ich gehe auf engen, verwachsenen Wegen hin und her und eile zurück, weil ich glaube, jetzt bist Du da; dann bricht plötzlich der Wille durch, ich ringe in mir, Dich zu haben, und das ist mein Erwachen. Dann färbt sich's schon im Osten, ich rücke mir den Tisch ans Fenster, die Dämmerung verschleiert noch die ersten Zeilen; bis ich aber das Blatt zu Ende geschrieben habe, scheint schon die Sonne. Ach, was schreibe ich Dir denn? – Ich hab selbst kein Urteil drüber, aber ich bin allemal neugierig, was kommen wird. Lass andre ihre Schicksale bereichern durch schöne Wallfahrten in's gelobte Land, lass sie ihr Journal schreiben von gelehrten und andern Dingen, wenn sie Dir auch einen Elefantenfuss oder eine versteinerte Schneck mitbringen, – darüber will ich schon Herr werden, wenn sie sich nur nicht in ihren Träumen in Dich versenken wie ich. Lass mir die stille Nacht, nimm keine Sorgen mit zu Bett, ruh aus in dem schönen Frieden, den ich Dir bereite, ich bin ja auch so glücklich in Dir! Es ist freilich schön, wie Du sagst, sich in dem Labyrint geistiger Schätze mit dem Freund zu ergehen; aber darf ich nicht bitten für das Kind, das stumm vor Liebe ist? Denn eigentlich ist dieses geschriebene Geplauder nur eine Notilfe – die tiefste Liebe in mir ist stumm: es ist, wie ein Mückchen summt um Deine Ohren im Schlaf, und wenn Du nicht wach werden willst und meiner bewusst sein, dann wird Dich's stechen. –