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schöner Wendung sich verschränkend, auf hohen Koturnen die taugebadeten Füsse in heiligem Takte bewegen, von schwebender Muse geleitet; – ein solcher Seufzer, der Deinen Liedern die Brust entriegelt, – der schwingt sich als Herold vor ihnen her, und meine Seufzer, lieber Freund! – zu Tausenden umdrängen sie ihn.

Heute nacht nun hab ich mich grausam gefürchtet, – ich sah nach dem Fenster, wo es hell war, – ich wär so gern dort gewesen! Ich war auf mein fatales Erblager aus dem vorigen Jahrhundert, in dem Ritter und Prälaten schon mögen ihren Geist ausgehaucht haben und ein Dutzend kleiner Meister vom Hammer, alle emsig, pochten und pickten, fest gebannt. Ach, wie sehnt ich mich nach der kühlen Nachtluft. – Kann man so närrisch sein? – Plötzlich hatte ich's überwunden, ich stand mitten in der stube. Auf den Füssen, da bin ich gleich ein Held, es soll mir einer nah kommen, – ach, wie pochten mir Herz und Schläfe; die vierzehn Notelfer, die ich aus alter Gewohnheit vom Kloster her noch herbeirief, sind auch keine Gesellschaft zum lachen, da der eine seinen eignen Kopf, der andre sein Eingeweide im Arm trägt und so weiter. Ich entliess sie alle zum Fenster hinaus. Und du magischer Spiegel, in dem alles so zauberisch widerscheint, was ich erlebe, was war's denn, was mich beseligte? – Nichts! – Tiefes Bewusstsein, Friede atmen, – so stand ich am Fenster und erwartete den anbrechenden Tag. –

Bettine

Am 24. Juli

Über Musik lasse ich Dich nicht los. Du sollst mir bekennen, ob Du mich liebst, Du sollst sagen, dass Du Dich von ihr durchdrungen fühlst. Der Schlosser hat Generalbass studiert, um ihn Dir beizubringen, und Du hast Dich gewehrt, wie er sagt, gegen die kleine Sept, und hast gesagt: "Bleibt mir mit eurer Sept vom leib, wenn ihr sie nicht in Reih und Glied könnt aufstellen, wenn sie nicht einklingt in die so bündig abgeschlossnen gesetz der Harmonie, wenn sie nicht ihren sinnlich natürlichen Ursprung hat so gut wie die andern Töne", – und Du hast den verdutzten Missionar zu Deinem heidnischen Tempel hinausgejagt und bleibst einstweilen bei Deiner lydischen Tonart, die keine Sept hat. – Aber Du musst ein Christ werden, Heide! – Die Sept klingt freilich nicht ein, und ohne sinnliche Basis; sie ist der göttliche Führer, Vermittler der sinnlichen natur mit der himmlischen; sie ist übersinnlich, sie führt in die Geisterwelt, sie hat Fleisch und Bein angenommen, um den Geist vom Fleisch zu befreien, sie ist zum Ton geworden, um den Tönen den Geist zu geben, und wenn sie nicht wär, so würden alle Töne in der Vorhölle sitzenbleiben. Bilde Dir nur nicht ein, dass die Grundakkorde sung, vor der Himmelfahrt. Er kam und führte sie mit sich gegen Himmel, und jetzt, wo sie erlöst sind, können sie selber erlösen, – sie können die harrende sehnsucht befriedigen. So ist es mit den Christen, so ist es mit den Tönen: ein jeder Christ fühlt den Erlöser in sich, ein jeder Ton kann sich selbst zum Vermittler, zur Sept erhöhen und da das ewige Werk der Erlösung aus dem Sinnlichen ins Himmlische vollbringen, und nur durch Christum gehen wir in das Reich des Geistes ein, und nur durch die Sept wird das erstarrte Reich der Töne erlöst und wird Musik, ewig bewegter Geist, was eigentlich der Himmel ist; sowie sie sich berühren, erzeugen sich neue Geister, neue Begriffe; ihr Tanz, ihre Stellungen werden göttliche Offenbarungen; Musik ist das Medium des Geistes, wodurch das Sinnliche geistig wirdund wie die Erlösung über alle sich verbreitet, die von dem lebendigen Geist der Gotteit ergriffen, nach ewigem Leben sich sehnen: so leitet die Sept durch ihre Auflösung alle Töne, die zu ihr um Erlösung bitten, auf tausend verschiednen Wegen zu ihrem Ursprung, zum göttlichen Geist. Und wir arme Menschen sollten uns genügen lassen, dass wir fühlen: unser ganzes Dasein ist ein Zubereiten, Seligkeit zu fassen, und sollten nicht warten auf einen wohlgepolsterten aufgeputzten Himmel, wie Deine Mutter, die da glaubt, dass dort alles, was uns auf Erden Freude gemacht hat, in erhöhtem Glanz sich wieder finde; ja sogar behauptet, ihr verblichnes Hochzeitskleid von blassgrüner Seide mit Gold- und Silberblättern durchwirkt und scharlachrotem Samtüberwurf werde dort ihr himmlisches Gewand sein, und der juwelene Strauss, den ein grausamer Dieb ihr entwendet, sauge schon jetzt einstweilen das Licht der Sterne ein, um auf ihrem Haupt als Diadem unter den himmlischen Kronen zu glänzen. Sie sagt: "Für was wär dies Gesicht das meinige, und warum spräche der Geist aus meinen Augen diesen oder jenen an, wenn er nicht vom Himmel wär und die Anwartschaft auf ihn hätte? Alles was tot ist, macht keinen Eindruck; was aber Eindruck macht, das ist ewig lebendig." Wenn ich ihr etwas erzähle, erfinde, so meint sie, das sind alles Dinge, die im Himmel aufgestellt werden. Oft erzähle ich ihr von Kunstwerken meiner Einbildung. Sie sagt: "Das sind Tapeten der Phantasie, mit denen die Wände der himmlischen Wohnungen verziert sind." Letzt war sie im Konzert und freute sich sehr über ein Violoncell; da nahm ich die gelegenheit wahr und sagte: "Geb Sie acht, Frau Rat, dass